Antiseptikum gegen das Alter

Antiseptikum gegen das Alter
Ein Trend in der Gesellschaft, unterstützt von Werbung und Konsum, will verdeutlichen, dass ein müheloses, zufriedenes und erfolgreiches Leben am besten bei ewiger Jugend gelingt. Wer spürt, einer Aufgabe nicht gewachsen zu sein, wird um sie einen Bogen machen. Den sozialen Uterus nicht verlassen wollen, Verantwortung für das eigene Leben scheuen, sich möglichst lange alles offenhalten, wichtige Entscheidungen aufschieben, diese Zielsetzung gewinnt offensichtlich für einen beachtlichen Teil der nachwachsenden Generation an Attraktivität.
von Albert Wunsch
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Während die Geschlechtsreife immer früher eintritt, setzt im Gegenzug die Lebensreife immer später ein. Parallel dazu ist feststellbar, dass sich die Lebensführung der Jugendlichen einerseits sehr stark am Konsum-, Mode-, Event- und Freizeitverhalten der Erwachsenen ausrichtet, während andererseits im Gegenzug die über 20-Jährigen ihren Jugendstatus – besonders unter dem Aspekt der Ungebundenheit – auf Zukunft hin möglichst spät oder gar nicht aufgeben wollen. Jungsein wird zur Ware, welche beworben und verkauft wird.
Die „Generation 50 plus“ erhält das Etikett „die jungen Alten“, und die nachwachsende Jugendgeneration wird nicht aus dem Brutkasten des Jungseins herausgelassen. Die Werbestrategen wissen, wo die stillen Sehnsüchte liegen, wofür das Geld in die Kassen wandert. Aber kann dies wirklich eine attraktive Lebensperspektive sein?
Je weniger Religiosität, desto umfangreicher wird das Jungseinwollen zum persönlichen Glaubensbekenntnis. Denn wer nicht mehr auf ein paradiesisches Jenseits hofft, will im Diesseits die Unsterblichkeit verwirklichen. So werden Spiritualität und Transzendenz in Wellness- Centern gesucht. Körperkult und Gesundheitswahn vereinen sich zur Heilsbotschaft, zum Antiseptikum gegen das Alter. Ein Wochenende auf der Beauty-Farm, abtauchen im Jungbrunnen, an Fitnessgeräten den Körper in Form bringen, Duftöle und Schlankheitspillen – das Geschäft mit dem „Gefühl des Jungseins“ ist zu einem riesigen Wirtschaftsfaktor geworden.
Dabei ist definitiv alt, wer im Schein der immerwährenden Jugend den siebzigsten Geburtstag feiert. Soll jedoch der Körper widernatürlich jung gehalten werden, konzentrieren sich zu viele Kräfte auf ein nicht erreichbares Ziel. Aber wer täglich gegen das Älterwerden kämpft, dem fehlt die Kraft für das wirklich Wichtige: eine angemessene Gesundheits-, Finanz- und Altersvorsorge, das Aufgreifen von wichtigen Aufgaben in Partnerschaft, Familie und Beruf und eine kräftigePortion Selbstsorge, um sich als Mitmensch ansprechbar, offen, genießbar und liebenswert zu halten. Alle hier nicht zum Einsatz kommenden Kräfte führen dazu, dass der Lebenserfolg geschmälert wird. Dies beschleunigt unseren Verschleißprozess, sodass genau das Gegenteil von dem erreicht wird, was vordergründig im Zentrum der Aufmerksamkeit steht: Ewige Jugend! Oder etwas salopp ausgedrückt: Wer sich zu intensiv aufs Jungsein kapriziert, wird recht schnell alt aussehen.
Je intensiver Menschen dem Wahn derdauernden Jugend erliegen, desto größer wird der Schaden an der Seele. Die Deformation der Betroffenen schreitet voran, der Wirklichkeitsverlust ist immens. Wenn Jungbleibenwollen zur Lebensmaxime erklärt wird, offenbart sich ausgewachsene Infantilität. Denn bei Problemen einfach wegzutauchen ist kindlich-naiv. Schwäche und Verdrängung werden unbewusst zum Lebensprinzip. Den natürlichen Alterungsprozess stoppen oder die mit dem Erwachsenenalter verbundene Verantwortung für ein selbstverantwortetes Leben ignorieren zu wollen scheint eine modern gewordene Form der Offenbarung von Unvermögen und Begrenztheit der „Generation 30 plus“ zu sein. So gesehen ist der Jugendwahn die Quittung für eine unangemessene oder mangelhafte Lebensvorbereitung in Elternhaus, Kindergarten, Schule und Berufsausbildung.
Ein vehementes Festhalten an Attributen von Jugendlichkeit ist immer auch eine Replik auf das in einer Gesellschaft real existierende oder karikierte Bild der Generation der Älteren beziehungsweise Alten. Je unschärfer, verzerrter und abschreckender dieses ist, umso vehementer wird in einer Mischung aus latenter Verweigerung und konkreter Angst auf eine Kultur ewiger Jugendlichkeit gesetzt.
Wenn in einer Konsumgesellschaft durch Dienstleistung und Handel die Sehnsucht nach ewig währen sollender Jugend zu verkaufen gesucht wird, regelt die Nachfrage das Angebot. Auch wenn dies ein normaler Vorgang innerhalb einer Marktwirtschaft ist, sollte es bedenklich stimmen, wenn immer mehr spätpubertäre Zeitgenossen – mit hohem Kräfte- und Finanzaufwand – auf Dauer ihren Kopf vor dem Älterwerden in den Sand stecken.
Wird eine solche Grundhaltung kultiviert, hat dies fatale Auswirkungen auf die Lern-, Leistungs-, Leidens- und damit Lebensfähigkeit einer Gesellschaft. Der „Jugendlichkeits-Zwang“ hat einen hohen Preis. Paul Baltes, der große Altersforscher, verdeutlicht die Bedingungen: „Wie eine Gesellschaft jetzt und in Zukunft mit dem Alter umgeht, ist ein Maßstab für das Kulturniveau, das sie erreicht hat.“
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