Was geht hinter blauen Babyaugen vor?

Eine neue Studie liefert erstmals wissenschaftliche Belege, dass schon ein fünfmonatiges Kind Bewusstsein hat. - Als Neurowissenschaftlerin mit Interesse für Bewusstseinsbildung und Mutter eines Babys frage ich mich häufig, in welcher Erfahrungswelt sich mein kleiner Max seit seiner Geburt eingerichtet hat.

von Olivia Carter - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Wir haben vergangene Woche seinen ersten Geburtstag gefeiert, er macht erste unsichere Gehversuche und zeigt eine ausgeprägte Persönlichkeit mit besonderer Vorliebe für Bälle und Hunde. Sein erstes und bisher einzig verständliches Wort ist „dog“.
In der vergangenen Woche publizierte „SCIENCE“ eine neue Studie, die erste neurowissenschaftliche Beweise liefert, dass Babys wirklich Bewusstsein haben. Die Bedeutung dieser Entdeckung wird jetzt auf vielen Ebenen debattiert.
Ab wann entsteht Bewusstsein?

Es überrascht mich nicht, dass 12 bis 15 Monate alte Kinder Reaktionen zeigen, die eindeutig als „bewusst“ zu bezeichnen sind, einfach deshalb, weil es unvorstellbar ist, dass ein Kind in diesem Alter und mit dem dazugehörigen Verhaltensrepertoire ohne Bewusstsein handelt.
Wenn Mäxchen schreit, frage ich mich nie, ob er gerade Schmerz empfindet, oder ob seine Lautäußerungen unabhängig von einer Missempfindung seinerseits sind.
Ich nehme an, dass die meisten Leser mit mir übereinstimmen, dass einjährige Babys Bewusstseinserfahrung haben. Ich glaube aber auch, dass die Mehrzahl den Gedanken ablehnt, Bewusstsein sei schon im Augenblick der Befruchtung, oder gar davor vorhanden.
Wenn sie diese Meinungen teilen, bleibt immer noch die Millionen-Dollar-Frage: Ab WANN beginnt Bewusstsein? Entsteht es mit einem Schlag, wonach der Embryo oder das Baby Bewusstsein erlangen, wo vorher nichts war? Entsteht Bewusstsein allmählich, vom Augenblick der Empfängnis an, oder später?
Unterstellt man einen stufenweisen Prozess, setzt er sich dann lebenslang fort? Gibt es ein „Bewusstseinsmaximum“? Kann man definieren, wann dieses Maximum erreicht ist? Erodiert das Bewusstsein ab diesem Zeitpunkt allmählich?
Es ist kein Zufall, dass ich diese Erwägungen hier als Behauptungen präsentiere. Es wird den Leser interessieren, dass bis heute, meine unwandelbare Überzeugung, dass der einjährige Max Bewusstsein hat, von keinem Schnipsel Papier wissenschaftlicher Evidenz belegt ist.
So behauptet der bekannte Philosoph Daniel Dennett, es sei uns unmöglich, wirklich zu wissen, ob die Erwachsenen um uns herum, von Kindern gar nicht zu reden, nicht in Wirklichkeit Zombies seien, die nur so scheinen, als hätten sie Bewusstsein. Dennett hat Recht, wir sind wirklich nicht in der Lage, hundertprozentig zu beweisen, dass unsere Freunde keine Zombies sind.
Gibt es einen „wissenschaftlichen Beweis“ für Bewusstsein?

Wenn die Existenz von Zombies wissenschaftlich nicht zu widerlegen ist, so ist es wichtig, zunächst zu verstehen, wo die Bewusstseinsforschung 2013 steht.
Wiewohl anzuerkennen ist, dass es keinen breiten Konsens gibt, legen doch immer mehr Beweise nahe, dass Bewusstseinserfahrungen mit deutlich erhöhter Gehirnaktivität einhergehen, sowohl was die Dauer, als auch die Einbeziehung verschiedenster Hirnareale betrifft.
In New Science, ebenso wie in vielen anderen Studien, die den schwer definierbaren „neuralen Bezug zum Bewusstsein“ ergründen wollen, wird die sogenannte „Maskierung“ angewandt. Diese besteht darin, dass auf einem Monitor ein Bild nur kurzzeitig dargeboten wird, bevor es durch ein anderes Bild, oder Muster ersetzt wird.
Es ist bekannt, dass die meisten Menschen das erste Bild wahrnehmen können, wenn die Betrachtungszeit mehr als 100ms beträgt, doch keinerlei Wahrnehmung stattfindet, wenn der Zeitraum geringer als 50ms ist.
Es wird noch interessanter im Bereich zwischen 50 und 100ms, wenn Probanden nur zeitweise bewusste Wahrnehmung bestätigen, oder eben nicht. Nur in den Tests, in denen Probanden von bewusster Wahrnehmung berichten, verfestigen sich Neuralantworten auf Stimuli und werden im Stirnbereich des Gehirns gespeichert.
Findet keine bewusste Wahrnehmung statt, sind Neuralantworten nur kurzlebig und auf ein kleines Areal der Verarbeitung früher visueller Reize beschränkt.
In der neuen Studie zeigen die Autoren, dass die neurale Signatur des Bewusstseins bei Babys im Alter von 12-15 Monaten deutlich nachweisbar ist und, wenn auch weniger deutlich, aber klar erkennbar, schon bei Babys ab etwa 5 Monaten.

Hier ein Bild meiner heute vierjährigen Tochter Susie, die im Alter von vier Monaten an einer EEG-Studie in Melbourne teilnahm. Die hier erwähnte Studie belegt mit Hilfe des EEG’s das Vorhandensein neuraler Marker schon bei Babys im Alter von fünf Monaten. Meine Tochter zeigte sich übrigens keineswegs gestresst und verschlief das Experiment zum großen Teil.
Ohne mich in den Details der Studie verlieren zu wollen, war für mich die interessanteste Entdeckung der Hinweis darauf, dass die Anzeichen für Bewusstsein bei 5 Monate alten Babys reduziert und langsamer auftraten. Obwohl die Autoren dies in ihrem Bericht deutlich erwähnten, verzichteten sie jedoch in der Diskussion darauf, aus dieser Entdeckung Schlussfolgerungen zu ziehen.
In einem persönlichen Gespräch mit dem Hauptautor der Studie räumte Dr. Kouider ein, dass die Ergebnisse tatsächlich auf eine reduzierte Form von Bewusstseinserfahrung bei Babys unter 5 Monaten hinweisen, auf eine Form von „Vor-Bewusstsein“, eine Vorstellung, die Kouider früher schon erforscht und in einem interessanten Beitrag 2010 in TICS veröffentlicht hat. (Diesen und andere Beiträge findet man auf Dr. Kouider’s homepage).
Vereinfacht stellt sich seine Idee so dar, dass einfache Bestandteile der Umgebung, wie Farbe und Licht-Intensität wahrgenommen werden, doch ohne die reichen und komplexen Bedeutungen und Emotionen zu evozieren, die für die Bewusstseinserfahrung von Erwachsenen wesentlich sind.
Unter allen Aspekten ist jedoch am bedeutendsten, dass dieses Papier den ersten klaren neurowissenschaftlichen Beitrag zu der Frage liefert, ob Babys Bewusstsein haben.
Als Mutter und Wissenschaftlerin bin ich höchst interessiert, bald mehr über künftige Entdeckungen zu lesen, wenn es darum geht, die inneren Erfahrungen der jüngsten Mitglieder unserer Art zu verstehen.
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Olivia Carter ist Senior Research Fellow und Dozentin an der University of Melbourne. Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in The Conversation. Link zum Orginal-Beitrag ..

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