Spuren im Land

Spuren im Land
Der Besuch des Heiligen Vaters ist Vergangenheit, das Ergebnis bleibt: Brücken des Glaubens und der Zuversicht, das sind die Fragmente der Ewigkeit, die vom Papst auf seiner Reise gestreut wurden – Spuren des Lichts, die all jene, die ihnen folgen werden, zu einer distanzlosen Zukunft verhelfen können. Eine Nachlese ...
Von Mark Rinasky und Bert Pfahl
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Die Gegenwart Gottes zeigt sich, wie der Papst in der Messe in Erfurt betonte, besonders in den Heiligen, weil sie die Beziehung zu Gott radikal leben. Dieser Leidenschaft nachzueifern, gehört zu den vornehmen Aufgaben des Christen, und der Papst hat uns gezeigt, wie schlicht dieser Enthusiasmus gelebt werden kann, dass Begeisterung und Weisheit keine Größen sind, die sich ausschließen, sondern aufeinander verweisen wie die Gegenwart auf die Zukunft verweist. Womöglich war dies die größte Leistung des Papstes während seines Aufenthaltes: Vorbild zu sein, die Zukunft an die Gegenwart zurückzubinden, Hoffnung zu säen.
Von den Beatles zum Papst

Führende Medienvertreter behaupteten, das Kirchenoberhaupt lasse die Deutschen kalt. Auf stern.de wurde diese Einschätzung sogar zur Schlagzeile erhoben. Richtig oder falsch? Erinnern wir uns: Vor fast 50 Jahren spielten im ausverkauften Shea Stadium in New York die Beatles vor 55 600 Zuhörern. Einer der größten Live-Auftritte in der Geschichte. 23 Jahre später startete Michael Jackson die erfolgreichste Konzertserie seiner Karriere. Für sieben Nächte war das Wembley-Stadion in London ausverkauft. Insgesamt besuchten 504.000 Menschen diese sieben Konzerte. Welcher Journalist hätte damals behaupteten wollen, dass die genannten Popgrößen die Menschen kalt lassen? Wie ernst hätte man eine solche Schlagzeile nehmen können? Papst Benedikt XVI. blieb zwar knapp unter dem Jackson-Rekord, allerdings hatte er auch nur vier Tage Zeit. Immerhin hat er an nur einem einzigen Tag die Spitzenleistung der Beatles übertroffen, im Olympiastadion waren während der Papst-Messe 61.000 Besucher versammelt. Natürlich geht es hier weder um Zahlen noch darum, den Papst mit Popgrößen zu vergleichen, vielmehr zeigt dieser kleine Zahlenvergleich das willkürliche Vorgehen einiger Journalisten.
Kein religiöser Tourismus – keine Show

Während seines Aufenthaltes hat der Papst viel Zustimmung erhalten, selbst von Menschen, die dem katholischen Glauben nicht angehören. Der Papst hat in seinen Reden, Predigten und Begegnungen stets die anderen gelobt und gewürdigt, auch seine Gegner. In seiner Kritik, auch dort, wo sie fundamental war, steckte mehr Bejahung als seine Widersacher ertragen konnten. Stets hatte er Verständnis und führte seine Zuhörer auf eine tiefere Ebene. Weit über die Grenzen diplomatischer Virtuosität hinaus war diese Präsenz das Resultat einer geräuschlosen Nächstenliebe, das Ergebnis Einklang stiftender Klugheit und aufrichtiger Seelengröße. Diese Größe zeugte von einem Herz der Liebe, der Güte und des Friedens.
Weisheit mit Schlichtheit im Verein

Wo der Papst auftrat, schien es, als habe man zuvor in einem leeren Zimmer gesessen, und jetzt sei es eingerichtet, so wie es sein sollte. Der Papst half uns allen, die Fülle des Glaubens in seiner Tiefe, seine verwandelnde und reinigende Kraft zu entdecken; er war es, der das Geheimnis wahrer Spiritualität in unseren Alltag übersetzte. In den neuen Bundesländern spürte man – auch aufgrund der Anerkennung, die der Papst den Gläubigen gegenüber ausdrückte – wie froh und dankbar die Menschen für ihren Glauben sind und wie sehr sie sich durch den Papstbesuch geehrt fühlten. Es war für die einfachen und gläubigen Leute, die sich tief beeindruckt von der Begegnung mit dem Heiligen Vater zeigten, nach eigenem Bekunden das größte Ereignis ihres Lebens.
Hörende Herzen

Stets war der Papst bemüht, in demütiger Haltung die Herzen der Menschen zu erreichen: «hörende Herzen» von Pilgern, die keine Mühe scheuten, ihr Ziel zu erreichen und Wartezeiten, Kontrollen sowie lange Fußwege bereitwillig in Kauf nahmen. Solange der Papst sprach und seine Anwesenheit währte, verstummte die Kritik, weil jeder merkte, dass man es hier mit einer außerordentlich klugen und weisen Persönlichkeit zu tun hatte. Plötzlich spürten alle den großen Unterschied zwischen dem Verhalten des Papstes und dem seiner Kritiker. Spätestens an dieser Stelle war offenkundig, auf welcher Seite man stehen wollte, wo man sich gut fühlte.
Klare Bekenntnisse – keine Dogmen

Sanftmut (des Herzens), Duldsamkeit (des Geistes) und Wahrheit (des Urteils) bildeten den Dreiklang zeitloser Führerschaft, der deutlich machte, dass klare Bekenntnisse noch keine Dogmen sind, auch wenn die Kritiker genau das behaupteten. Die Negativfixierung führender Medien schien auf sonderbare Weise einem Reflex zu folgen, der, den Prinzipien des Sophismus und des Hinterhalts verpflichtet, die Leistungen des Papstes häufig verunglimpfte oder gar ins Gegenteil verkehrte.
Hier ging es nicht um die Sache, sondern um die Person, deren Abwertung das alleinige Ziel war. SPIEGEL: «Deutschland hadert mit seinem Großvater». ZEIT: «Zu Gast bei Feinden?» Stern: «Kannibalennummer der Katholiken». Sprach der Papst vor dem Bundestag – eine Leistung, die von der Mehrheit der Medien immerhin positiv aufgenommen wurde –, glaubten ausgerechnet seine härtesten Gegner auf einen Mangel an religiöser Substanz und theologischer Brisanz verweisen zu müssen, während die FAZ methodische Verfehlungen konstatierte. Sprach der Papst hingegen vor dem Altar, fehlte angeblich das weltliche Bekenntnis handlungsleitender Ratschläge im Sinne politisch umsetzbarer Alternativen.
Die religiöse Dimension der Transzendenz

Viele Autoren übersahen, dass Glaubensschwund und Scheingefechte Hand in Hand gehen und einen Kausalzusammenhang bilden. Die Forderung nach Mainstream-Reformen ist der konkrete Ausdruck der Krise, nicht umgekehrt. Wenn der Glaube erodiert, muss eine Ersatzhandlung vollzogen werden: Diskussionen sollen dann die große Lücke füllen, die so schmerzhaft fühlbar wird. Im weiteren Fortgang wird der Kirche ein weltlicher Maßstab übergestülpt und das Geheimnis religiösen Seins auf die Bahnen alltäglicher Nullsummenspiele umgeleitet.
Die Antwort des Papstes

Doch ist es überhaupt möglich, auf die ewiggleichen Vorwürfe, die gebetsmühlenartig durch den Pressewald hallen, konstruktiv zu antworten? Stehen sie nicht in einem Kontext, der die religiöse Dimension der Transzendenz vom Grunde her verfehlt? In diesem Zusammenhang stellte der Papst klar, dass Kirche nur von innen her verstanden werden kann. Bleibt man beim Blick auf die Kirche bei ihrer äußeren Gestaltung hängen, erscheint die «Kirche nunmehr als eine der vielen Organisationen innerhalb einer demokratischen Gesellschaft ... Wenn der Blick auf das Negative fixiert bleibt, dann erschließt sich das große und schöne Mysterium der Kirche nicht mehr. Dann kommt auch keine Freude mehr auf über die Zugehörigkeit.»
Dank an die Kritiker

Und doch waren es ausgerechnet die Kritiker, die dem Papst das größte Kompliment machten, freilich ohne es zu wissen. Dort, wo ihre Gehässigkeiten ans Apokalyptische grenzten, wurde deutlich: Jesus hat es selbst nicht anders erfahren. «Immer, wenn er aus Liebe handelte gegen eine lieblose Welt» (TeDeum 9/2011), stieß er auf heftigsten Widerstand. Was Jesus den Menschen sagte, die ihm nachfolgen wollten, «klingt schockierend und befremdend radikal. Aber diese Radikalität ist zugleich Befreiung.» Sie will uns aus dem, was uns zu sehr an die Welt bindet, herausführen, um uns zugleich noch inniger mit ihr zu verschmelzen. Edith Stein: «Je tiefer jemand in Gott hineingezogen wird, desto mehr muss er in die Welt hinein.»
Die Kirche – das universale Heilsinstrument

Dieser theologische Brückenschlag, der die neue von der alten Welt scheidet und, einen Kategoriensprung vollziehend, die Begrenztheit weltlicher Glücksmomente in die Weite ewiger Glückseligkeit führt, ist das Angebot, das der Papst seinen Besuchern machte. «Die Kirche – das universale Heilsinstrument, das für die Sünder, für uns da ist, um uns den Weg der Umkehr, der Heilung und des Lebens zu öffnen.» Das ist die immerwährende große Sendung der Kirche, die ihr von Christus übertragen ist.
Brücken können freilich nicht allein gebaut werden. Und sie benötigen einen Baumeister. Wer anders als der Papst sollte dieser Meister sein? Tatsächlich kann die eigentliche Bedeutung dieses Papstbesuchs in einem einzigen Satz zusammengefasst werden, der das Ursprüngliche recht gut bezeichnet, wenn er auch etwas provozierend klingt: Während Jesus, der zur Erlösung gesandte Messias, uns einen Übergang zu Gott ermöglichte, errichtete der Heilige Vater als Nachfolger des Apostels Petrus in den vier Tagen seines Aufenthalts mithilfe der vielen Pilger, die seinen Spuren folgten, seinerseits eine Brücke zu Jesus. Danken wir ihm dafür! Und riskieren wir den Übergang! Wohin uns diese Begegnung führen wird und welche Richtung für unser Alltagsgeschäft dann bestimmend sein könnte – das hat uns der römische Dichter Horaz schon vor langer Zeit mitgeteilt...
In medias res!
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Link: Ansprachen und Predigten des Papstes bei seinem Besuch in Deutschland
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