Berlinale 2013 – Eine Auslese

Berlinale 2013 – Eine Auslese
Im Mittelpunkt der breiten Berichterstattung über die Internationalen Filmfestspiele Berlin steht naturgemäß der Wettbewerb, in dem der „Goldene“ und die „Silbernen Bären“ vergeben werden. Abseits des Wettbewerbs konnten aber auch bei der diesjährigen Berlinale besondere Filme entdeckt werden, so etwa Lars Kraumes „Meine Schwestern“, der in der Sektion „Panorama“ gezeigt wurde, und von einer Frau mit einem angeborenen Herzfehler handelt
von José García
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Bereits zu Beginn des Filmes wird die tote Linda (Jördis Triebel) weggebracht. Ihre Off-Stimme erzählt ihr letztes Wochenende mit ihren beiden Schwestern: Katharina (Nina Kunzendorf), die als Älteste schon immer gegenüber Linda die Beschützerrolle übernahm, und Clara (Lisa Hagmeister), die sich als Jüngste häufig von den beiden Älteren ausgeschlossen fühlt. Warum der Film Lindas Tod an den Anfang setzt, erläutert Regisseur im Interview: „Hätte der Tod am Ende gestanden, hätte man es als deprimierendes, tragisches Ende ohne Hoffnung empfunden.
Ich habe ihn an den Anfang gesetzt und mit einer Off-Stimme aus dem Jenseits gepaart und dadurch auch den religiösen Aspekt unterstrichen, den Linda durchaus hat. Denn sie geht mehrfach in Kirchen und setzt sich mit ihrem Glauben auseinander, beispielsweise als sie ihren Onkel fragt, ob er an Gott glaubt.“ Im Gegensatz zu den meisten zeitgenössischen Filmen, die sich mit dem Sterben beschäftigt, weicht Regisseur Kraume der Frage „Was kommt nach dem Tod“ nicht aus. Lars Kraume dazu: „Ich bin Katholik, und kann keinen Film über den Tod drehen, ohne mich darüber Gedanken zu machen, ohne meinen Glauben nachzudenken. Natürlich ist jeder Filmemacher anders und hat eine andere Beziehung zur Religion. Wenn man nicht an Gott glaubt, fließt dies auch in seine Filme ein. Mir war es wichtig, dass Linda glaubt, und dass es dieses Motiv im Film gibt. Es sind nicht nur die Kirchen, die sie besucht. Auch in dem einen Hotelzimmer sind Engel unter den Fresken zu sehen. Dieses Element zieht sich durch den ganzen Film.“
Darüber hinaus stimmt es in „Meine Schwestern“ nachdenklich, dass eine Frau, die wegen ihres Herzfehlers mit einer dreimonatigen Lebenserwartung geboren wird, dreißig Jahre alt wird. Dazu führt Lars Kraume aus: „Heute werden viele Krankheiten ausgeschlossen und dadurch Kinder mit diesen Krankheiten abgetrieben. Durch diese Diagnostik hat sich unsere Welt stark verändert. Die Inspiration für »Meine Schwestern« nahm ich von einem Cousin, der diese Krankheit hatte. Er ist dann mit 25 Jahren gestorben.
Ihn hat die Krankheit sehr geprägt, denn sie hat sein Leben sehr besonders gemacht. Es wäre bestimmt eine Katastrophe, wenn mein Cousin aufgrund einer pränatalen Diagnostik nicht geboren worden wäre.“ Eine ausgewogene Mischung aus hintergründigem Humor und einer gewissen Rauheit in der Beziehung zwischen den Schwestern sowie drei hervorragend spielende Darstellerinnen verhindern, dass Kraumes Film zu einem Rührstück wird. „Meine Schwestern“ versprüht keine Sentimentalität, sondern ein unbändiges Gefühl, das Leben mit geliebten Menschen zu teilen. Der beste Geschwister-Film seit Woody Allens „Hannah und ihre Schwestern“!
In der „Perspektive Deutsches Kino“ stellten Georg Tiefenbach (Drehbuch) und Sebastian Fritzsch (Regie) ihren selbstproduzierten, dem postapokalyptischen Genre zuzurechnenden Film „Endzeit“ vor. Nach einer Naturkatastrophe lebt eine junge Frau (Anne von Keller) im Wald. In einer verfallenen Scheune trifft sie auf einen Mann (Alexander Merbeth). Nachdem sie sich anfangs bekämpfet haben, entscheiden sie, gemeinsam weiter zu ziehen. Unterwegs stoßen sie in einem Bauernhof auf einen Vater (Heinrich Baumgartner) und seine Tochter (Elisabeth Wolle). Irgendwann einmal kommt ein Fremder (Sebastian Ganzert) dazu. Wenn die Gesellschaft, so wie wir sie kennen, nicht mehr existiert, müssen neue Grundsätze für eine etwaige Zukunft gefunden werden. Regisseur Fritzsch zeigt immer wieder Ausschnitte aus diesem Leben, legt sich nicht auf einen eindeutigen Schluss fest. Im Interview führt er dazu aus: „Für mich ist eines der wichtigsten Momente, dass die Tochter zurückbleibt und das Paar weiterzieht. Dadurch wird das Fragmentarische, das Offene deutlich. Der Zuschauer hat die Freiheit, selbst zu erkennen, den Film weiter zu deuten. Ich will ja nicht dem Rezipienten alles vorschreiben, alles erschließen. Gegen Ende hin hätte man natürlich auch mehr, etwa die Ankunft in der Stadt, zeigen können. Wir haben darüber diskutiert, ob wir es machen sollen, aber wir haben uns entschlossen, es bewusst offen zu lassen.“
Mit knappen Mitteln gedreht, zeigt „Endzeit“ keine typische apokalyptische Landschaft. Die Natur unterscheidet sich nicht von unserer Natur, wenn auch sie in entsättigten, kalten Farben gezeigt wird, die mit den wärmeren Tönen der Innenräume kontrastieren. Der langsame Erzählrhythmus und der harte Ton verlangen zwar Einiges vom Zuschauer. Wenn er sich aber auf „Endzeit“ einlässt, erhält er genügend Freiraum, um sich mit den im Film angestoßenen Gedanken auseinanderzusetzen und etwa auch trotz der ausweglosen Situation Hoffnung zu entdecken. Dazu Drehbuchautor Tiefenbach: „Wir wollten einen Film über Hoffnung machen. Deshalb suchten wir das hoffnungsloseste Szenario überhaupt, das man sich vorstellen kann. Ich glaube auch, dass »Endzeit« ein Film über Hoffnung ist. Drei Figuren schaffen es halt nicht, aber zwei schaffen es. Es gibt eine Perspektive, sie machen sich sozusagen ins gelobte Land auf. Der Kerngedanke des Filmes besteht darin, die Entwicklung von Vereinsamung und Verrohung aufzuzeigen, eine Annährung zu finden und Zärtlichkeit zuzulassen, eine Gemeinschaft und dadurch Hoffnung entstehen zu lassen.“
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