Berlinale-2014-Generation-14-plus

Schöne Freundschaftsgeschichte und klassische Kinderfilme

Zeichentrick- oder Animationsfilme gehören traditionell zur „Kplus“-Reihe der Berlinale. Der diesjährige Kinder-Eröffnungsfilm „Loulou, das unglaubliche Geheimnis“ (Grégoire Solotareff, Éric Omong) erzählt in liebevoll gezeichneten Bildern von den Abenteuern eines jungen Wolfs namens Loulou und seinem Freund Tom, dem tapferen Kaninchen, auf der Suche nach Loulous Mutter. Ist dieser Film eher für die jüngeren Zuschauer gedacht (empfohlen ab 7 Jahren), so richtet sich der französische-belgische Beitrag „Jack und das Kuckucksuhrherz“ eher an ältere Kinder oder gar Jugendliche (empfohlen ab 12 Jahren). Der ungemein fantasievoll inszenierte Film handelt von einem Jungen, dem bei seiner Geburt eine Hebamme das zu Stein gefrorene Herz durch eine Kuckucksuhr ersetzt. Jack darf sich unter keinen Umständen aufregen – was ihm aber besonders schwerfällt, als er sich in eine bezaubernde Sängerin verliebt.

Als klassischer Kinderfilm nimmt sich der niederländisch-belgische Beitrag „Finn“ aus: Der neunjährige Finn vermisst seine bei seiner Geburt verstorbene Mutter, die ihm auf magische Art erscheint, wenn der alte Nachbar Luuk Geige spielt. Obwohl ihm sein Vater den Umgang mit Luuk verbietet, setzt Finn alles daran, bei ihm Geigenunterricht zu nehmen. Ein Meisterregisseur (Frans Weisz), gute Schauspieler (u.a. Jan Decleir) und eine Prise Magie machen „Finn“ zu einem der besten Filme der diesjährigen „Kplus“-Reihe. Von einer unvollständigen Familie handelt auch der argentinische Film „Naturkunde“ (Regie: Matías Lucchesi): Lila hat ihren Vater nie gekannt. Nach einem gescheiterten Versuch, aus dem Schulheim auszubrechen, kann sie eine Lehrerin überreden, sich in einem alten Auto mit ihr auf die schwierige Suche zu begeben. Denn die einzige Spur auf der Suche nach dem unbekannten Vater ist eine rostige Plakette der Firma, für die Lilas Vaters zur Zeit ihrer Geburt gearbeitet haben soll. Auf die Suche macht sich ebenfalls die kleine Jiyan mit ihrer Großmutter Berfé in einem abgelegenen kurdischen Dorf in Hüseyin Karabeys Film „Folge meiner Stimme“: Jiyans Vater wurde von der Armee abgeholt und soll erst freigelassen werden, wenn seine Waffe abgegeben wird. Nicht nur die türkisch-kurdische Konfrontation, sondern auch die Inszenierung in der rauen Landschaft erinnert an den bekannten kurdischen Regisseur Bahman Ghobadi.

Besonders aufwändig inszeniert Regisseur Martin Miehe-Renard den dänische Beitrag „Die geheime Mission“. Der zwölfjährige Karl muss vom Land nach Kopenhagen umziehen, weil seine alleinerziehende Mutter in der Hauptstadt eine Stelle gefunden hat. Karls Klassenkameradin Sawsan singt großartig, darf aber am TV-Talentwettbewerb nicht teilnehmen, weil es ihr türkischstämmiger Vater verbietet. Karl gibt aber nicht auf. Denn er hat sich in den Kopf gesetzt, seiner neuen Freundin zum Erfolg zu verhelfen. „Die geheime Mission“ hinterlässt zwiespältige Gefühle. Einerseits beeindruckt die Freundschaftsgeschichte, andererseits ermüdet die penetrante „Multi-Kulti-Botschaft“ des Filmes: Als wäre die Schulklasse mit einer Mehrheit an Schülern mit Migrationshintergrund nicht genug, werden mit der Handlung in keinem Zusammenhang stehende Bilder von Menschen mit Migrationshintergrund wieder und immer wieder in den Film hineingeschmuggelt. Trotz der schönen Freundschaft zwischen den Protagonisten (natürlich ein Junge mit christlichem Hintergrund aus der Provinz und ein türkischstämmiges Mädchen muslimischen Glaubens!) stellt sich die Frage: Soll Kindern ab 8 Jahren ein Film empfohlen werden, in dem Zwölfjährige von zu Hause ausreißen und durch halb Dänemark reisen, um gegen den ausdrücklichen Willen der Eltern an einem Gesang-Wettbewerb teilzunehmen?

14plus: Jugendliche am Rande eines Nervenzusammenbruchs

Der Übergang vom Kindes- ins Erwachsenenalter gestaltete sich nie schwieriger als heutzutage, schenkt man den Filmen Glauben, die sich innerhalb der Berlinale ausdrücklich an 14- bis 18-Jährige wenden. Erwachsene, die ihnen mit ihren Erfahrungen beistehen könnten, nerven sie nur, wie die Eltern der etwa 17-jährigen Meis in Tamar van den Dops „Supernova“: Der Vater liegt eigentlich immer nur auf der Couch, die Mutter denkt lediglich daran, vom platten Land in die Stadt zu ziehen. Ähnlich ergeht es Daniel im schwedischen Film „Ömheten“ (Regie: Sofia Norlin), weil sein Vater vom Alkohol nicht lassen kann. Meistens sind die Erwachsenen einfach abwesend, so etwa im argentinischen Film „Atlántida“ von Inés María Barrionuevo. Zentrale Figuren sind zwei Schwestern: Lucía bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung in die Universität vor, damit sie endlich nach Buenos Aires ziehen kann. Ihre Schwester Elena liegt im Nebenzimmer mit einem Gipsbein und kommandiert die ältere Schwester herum. Inmitten der Langeweile an einem sommerlichen Tag wirft sich Elena dem Arzt Ignacio an den Hals, während Lucía eine erste lesbische Annährung an ihre Freundin Ana wagt.

Ein unbekümmerter, leichtfertiger Umgang mit der Sexualität ist ebenfalls in den bereits erwähnten „Supernova“ oder „Ömheten“ festzustellen, nimmt aber im spanischen Film mit dem kuriosen Namen „ärtico“ eine besondere Stellung. Regisseur Gabri Velázquez schickt die zwanzigjährigen Simón und Jota sowie ihre jeweiligen Freundinnen Alba (19) und Debi (18) auf die Reise in einen Teufelskreis von Drogen, Sex und schwerer Kriminalität: Simón und Alba wurden Eltern mit 16, die Kokain dealende Debi will ihre Schwangerschaft mit einer Abtreibung beenden. Jota verhindert es in letzter Minute, was allerdings nicht bedeutet, dass nun alles ausgestanden wäre. Die einschnürende Perspektivlosigkeit lässt überhaupt keine Hoffnung aufkommen.

Anders der italienische Spielfilm von Fabio Mollo „Il sud è niente“ („Der Süden ist nichts“), der von der Sehnsucht der in einer süditalienischen Küstenstadt lebenden Grazia nach ihrem verschwundenen Bruder Pietro erzählt. Grazia versucht, ihre Oma zum Reden über Pietro zu bringen. Ihr Vater Cristiano, der erst den Verlust der Frau und nun auch den des Sohnes kaum verarbeitet hat, verbittet sich aber jede Äußerung darüber. Mit einer Bildersprache, die sehr realistische Aufnahmen mit Traumsequenzen verknüpft, gelingt Regisseur Mollo nicht nur, Spannung zu erzeugen und das Interesse der Zuschauer für Grazia zu wecken. Darüber hinaus entlässt sein Film den Zuschauer nicht ohne Hoffnung.

Spielfilme sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. Die meisten Kinder- und Jugendfilme der Berlinale 2014 zeigen zerrissene Familien sowie Jugendliche, die sich einer unübersichtlichen bis gewaltbereiten Umgebung stellen müssen. Doch selten gelingt es den Jugendlichen, aus der bedrückenden Hoffnungslosigkeit herauszubrechen.