Bildung in Asien: mehr als Tiger-Mütter und Paukschulen

Dem neuen Pisa Report folgt eine Welle von Karikaturen über asiatische Bildungssysteme - Die kürzlich erschienene internationale PISA-Studie 2012 für Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften macht wieder einmal eines deutlich: die besondere Leistungsfähigkeit asiatischer Bildungssysteme. Jedes Mal, wenn die Ergebnisse des Programme for International Student Assessment (PISA) präsentiert werden, sind Länder,wie Singapur, Hong Kong, Taiwan, Korea, Macao, Shanghai und Japan auf den Spitzenplätzen der Bewertungen. Und wiederum jedes Mal überschlagen sich Erzieher und Kommentatoren vor Begeisterung über die Erfolge.

von Keita Takayama - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Als 2010 die letzte PISA-Studie veröffentlich wurde, sagte die ehemalige australische Premierministerin Julia Gillard, das gute Abschneiden der Asiaten und das schlechte Ergebnis Australiens seien ein „Weckruf“ und gab das Ziel vor, dass Australien unter den besten 5 der asiatischen Staaten rangieren solle. Die Presse bemühte sich daraufhin, das „Geheimnis des asiatischen PISA-Erfolgs“ zu ergründen und was Australien davon lernen könne.
Stephen Dinham von der Melbourne University nennt dies „Schwärmerei für unsere PISA Konkurrenten“. Die Schwärmerei bringt aber auch böse Zungen hervor, die abfällige Klischees über Schulbildung in Asien verbreiten. Sie versuchen Karikaturen über Paukschulen unters Volk zu bringen, in denen Kinder stumpfsinnig unter enormem Druck von Eltern und Gesellschaft büffeln. Die Vorstellung, dass Schulen in Asien entweder alles richtig, oder alles falsch machen, ist zu simpel und sollte sich ändern.
Asiatische Karikaturen
Karikaturen dieser Art sind seit Jahrzehnten in westlichen Medien zu finden und werden auch von Pädagogen in aller Welt verbreitet. Erst vor kurzem landete Amy Chua, Professorin der Jurisprudenz an der Yale University mit Battle Hymn of the the Tiger Mother (dt. Ausgabe: Mutter des Erfolgs) einen Bestseller. Dieses Buch beschreibt, wie typische asiatische Eltern, und mit ihnen die Gesellschaft, hohe akademische Erwartungen an ihre Kinder stellen und sie so zum Erfolg verdammen.
Eine solche Sicht auf Erziehung mag ein Licht auf einige Bildungsmethoden in asiatischen Ländern werfen, vermittelt jedoch kein ausgewogenes Bild. Hyunjoon Park, amerikanischer Erziehungswissenschaftler und Autor von Re-Evaluating Education in Japan and Korea: Demystifying Stereotypes, lehnt jede Möglichkeit ab, von asiatischen Bildungsmethoden auch nur eine oder gar zwei brauchbare übernehmen zu können.
Diese eindimensionale Sicht auf Bildung in Asien wird von Pädagogen, die die Situation als Insider wirklich kennen, bestritten. Die Pädagogen-Vereinigung für Englische Sprache in Japan hat nachhaltig die hohe Qualität der Sprachvermittlung in japanischen Grundschulen unter Beweis gestellt. Nancy Sato, amerikanische Erziehungswissenschaftlerin, sieht diesen Lernerfolg durch 4C’s untermauert: community, connectedness, commitment and caring (Gemeinschaft, Verbundenheit, Einsatz und gegenseitige Hilfe). Diese stehen in Kontrast zum Fokus des westlichen Systems auf den 3R’s: reading, writing and arithmetic. (Lesen, Schreiben und Rechnen).
Dies ist natürlich nicht das ganze Bild, doch es wird deutlich, dass das Vorurteil gegen asiatische Bildung hauptsächlich vom Prüfungsdruck herrührt.
Pauken und wiederholen
Das andere Klischee ist, dass Schüler in Asien mit Faktenwissen vollgestopft werden, um sie auf die Eintritts-Examina vorzubereiten. Dies mag früher gestimmt haben, doch sind die Bildungseinrichtungen in Asien längst dabei, sich aus dieser didaktischen Übung zu verabschieden.
Seit Mitte der 1990er Jahre haben die Staaten mit den besten Ratings, in Korea, Japan, Singapur und Taiwan zu Studenten-zentrierter, Problem-orientierter, interdisziplinärer Ausbildung gefunden. Sie haben außerdem die zentrale Kontrolle des Curriculums und der administrativen Strukturen weitgehend gelockert, obwohl die Einführung standardisierter Tests diesen Trend in gewissem Umfang wieder umgekehrt hat.
Die Reformen der Curricula wurden ausgelöst durch fehlende Lern-Motivation der Schüler, fehlende Fähigkeiten, Probleme zu lösen und einem Mangel an Lehrmaterial für die sich ändernde Wissens-Ökonomie.
Obwohl der Druck durch Eintrittsprüfungen für Gymnasien und Universitäten in einigen Ländern hoch bleibt, und viele Schüler im nachschulischen, privaten Unterricht Defizite ausgleichen, besteht kein Zweifel daran, dass in asiatischen Schulsystemen deutlich weniger auf Frontalunterricht gesetzt wird.
Welche Schlüsse lassen sich ziehen?
Wiewohl es wichtig ist, die negativen Klischees über Schulbildung in Asien zu korrigieren, so ist doch klar, dass sich die dort bewährten Methoden nicht einfach auf den Rest der Welt übertragen lassen, denn ihre Erfolge müssen in ihrem institutionellen und kulturellen Kontext verstanden werden.
Einige Erfolgsgeschichten werden häufig herausgepickt, um politische Ziele zu bedienen, besonders dann, wenn es um Finanzierung geht. Die Vorstellung, akademische Exzellenz mit bescheidenen finanziellen Mitteln zu erreichen, wie es in einigen asiatischen Ländern geschieht, erregt Besorgnis und lenkt die Diskussion von der offenkundigen Unterfinanzierung des Bildungssystems in Australien ab. Noch einmal: einen einzigen Aspekt aus den asiatischen Bildungssystemen herauszustellen, ohne das ganze Bild zu betrachten, führt zu falschen Konsequenzen.
Die Diskussion über Vor- und Nachteile asiatischer Bildungsstrukturen und deren Anwendbarkeit in anderen Ländern ist ziemlich überflüssig. Wichtiger ist ein ausgewogeneres und nuancierteres Verständnis dieser Strukturen, um der Debatte die richtigen Impulse zu geben.
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Keita Takayama ist außerordentlicher Professor an der University of New England, Australien. Er arbeitet weder, noch berät er, noch besitzt er Anteile oder bezieht Förderung von Firmen oder Organisationen, die von diesem Artikel profitieren könnten und hat keine diesbezüglichen Beziehungen. Der Artikel wurde zuerst in The Conversation publiziert. ( Original article)
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