Brasiliens größte Herausforderung

Brasiliens größte Herausforderung
Durch die Fußball-Weltmeisterschaft in diesem Jahr und die Olympischen Spiele 2016 rückt Brasilien verstärkt in den Mittelpunkt der weltweiten Aufmerksamkeit. Auch die deutschen Medien entdecken zunehmend das Land als interessantes und auflagenförderndes Thema. Jenseits gelegentlicher klischeehafter Artikel in der Sensationspresse stellt sich dabei die Frage: Sind die sportlichen Großereignisse eine Art „Reifeprüfung“ für Brasilien - und wird das Land sie bestehen? Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass nicht die Fähigkeit zur Organisation von „Mega-Events“ über die Zukunft Brasiliens entscheiden wird, sondern der Wille zum Ausbau seines Bildungswesens.
von Bert Strieman
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Das größte Entwicklungshindernis eines Landes ist ein unzureichendes Bildungssystem. Dieser Satz trifft nicht nur auf Entwicklungsländer zu, sondern auch und gerade auf jene, die als „Schwellenländer“ häufig genannt werden, wenn es darum geht, die globalen Akteure der Zukunft zu identifizieren. Brasilien ist ein solches Land. Ein Grundsatzpapier des Auswärtigen Amts spricht von globalen „Gestaltungsmächten“, die für eine Exportnation wie Deutschland, das auf eine verlässliche internationale Ordnung und einen funktionierenden Welthandel angewiesen ist, im einundzwanzigsten Jahrhundert immer wichtiger werden. Unter den neuen Gestaltungsmächten nimmt Brasilien – ein Land von kontinentaler Größe mit 200 Millionen Einwohnern – eine Sonderrolle ein. Anders als China, Indien und andere große Schwellenländer ist es eng mit der Geschichte und Kulturgeschichte Europas verbunden, obwohl es sich politisch oft vom „Westen“ absetzt und sich als Fürsprecher der Länder des Südens sieht.
In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat Brasilien eine zügige Aufwärtsentwicklung genommen, den Hunger im Land ausgerottet und die Armut zurückgedrängt. Brasilien – inzwischen siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt – ist nicht nur eine für die Welternährung unentbehrliche Agrar-„Großmacht“, sondern auch stolz auf seine Industrie, zu deren Spitzenprodukten z.B. international konkurrenzfähige Verkehrsflugzeuge für die Kurz- und Mittelstrecke gehören. Aber nach Jahren des hoffnungsvollen Aufstiegs stagniert nun das Wirtschaftswachstum, und die „Generalprobe“ zur FIFA-WM, der in Brasilien ausgetragene Confederations Cup, löste im Sommer 2013 plötzlich heftige Massendemonstrationen im ganzen Land aus, weil gravierende wirtschaftliche und gesellschaftliche Defizite sichtbar wurden, für deren Behebung nicht so großzügig investiert worden war, wie für die internationalen sportlichen Großereignisse. Ein zentraler Kritikpunkt war und ist dabei das mangelhafte Bildungssystem.
In Brasilien gibt es mehr als 50 Millionen Schüler, die meisten davon an staatlichen Schulen. Nur ca. 16% gehen auf private Schulen, die aber als einzige den Ruf haben, eine angemessene Bildung zu gewährleisten, die zu einer Hochschulausbildung befähigt. In vielen staatlichen Schulen wird in drei Schichten unterrichtet, weil es an Lehrern und Infrastruktur fehlt. Das verkürzt den Schülern zwar auf angenehme Weise den Schultag, wirkt aber wie eine ständige Folge von Kurzschuljahren und fördert alles andere als den Lernfortschritt (1). Die Lehrer werden sehr schlecht bezahlt, haben kein gutes Sozialprestige und neigen auch noch zu ausdauernden Streiks. Viele Investitionen im Bildungsbereich verschwinden zudem im bürokratischen Dschungel der zuständigen Bundesstaaten und im Sumpf der immer noch verbreiteten Korruption. In PISA-Studien schneiden brasilianische Schüler äußerst schlecht ab, so dass das Land den 57. Platz unter 65 untersuchten Ländern einnimmt. Bei dem internationalen Pearson Ranking Index of cognitive skills and educational attainment (http://thelearningcurve.pearson.com/index/index-ranking) landet Brasilien auf dem neununddreißigsten von vierzig Plätzen.
Dabei hat Brasilien mehr als 2500 Hochschulen (davon 242 staatliche), mit zusammen ca. 7 Millionen Studenten. Interessanterweise sind die besten Universitäten die staatlichen. In einigen Bereichen sind brasilianische Forscher weltweit konkurrenzfähig und erbringen regelmäßig Spitzenleistungen, z.B. in der Agrarforschung. Mit dem großangelegten Programm „Wissenschaften ohne Grenzen“ sollen in den nächsten Jahren zehntausende brasilianische Studenten im Ausland studieren, um den wissenschaftlichen Standard der universitären Bildung und Forschung im Land weiter zu heben. Die mangelnde Qualität der Schulbildung bremst aber auch die Möglichkeiten im sonst vielversprechenden Hochschulbereich.
Natürlich gibt es in einem so großen Land, das sich in einer komplexen, teilweise stürmischen Phase seiner Entwicklung befindet, nicht nur im Bildungswesen Reformbedarf. Auch die Verkehrsinfrastruktur bedarf massiver Investitionen, die Wirtschaft braucht Innovationen und hat einen fühlbaren Rückstand bei der internationalen Wettbewerbsfähigkeit aufzuholen. Die öffentliche Sicherheit lässt ebenso zu wünschen übrig wie das Gesundheitswesen. Mehr und mehr wird aber erkennbar, dass das zentrale Problem, der Dreh- und Angelpunkt für alle Reformen im Bildungswesen liegt. Das zeigt sich auch schon an einem spürbaren Mangel an Fachkräften in der brasilianischen Wirtschaft, obwohl die demographischen Probleme bei weitem nicht mit denen Deutschlands vergleichbar sind (die Bevölkerung wächst moderat). Auch sozialen Zusammenhalt, gesellschaftlichen Aufstieg und öffentliche Sicherheit gibt es nicht ohne ein solides Bildungswesen.
Das Problem liegt nicht in der Verfügbarkeit von Finanzmitteln; Geld ist genug vorhanden, erwartete große Öl-Einnahmen sollen der Bildung zusätzlich zugute kommen, und auch internationale Direktinvestitionen fließen weiterhin ins Land. Was fehlt, ist ein überzeugender nationaler Aufbruch, eine kompromisslose Priorisierung der Bildung - etwas plakativ gesagt: der Wille der politischen Eliten, das Land zu einer „Bildungsrepublik“ zu machen, ideologische Vorurteile und modische Pseudo-Reformen beiseite zu legen und den eigenen Erfolg an der massiven Verbesserung des maroden Schulwesens, d.h. am tatsächlichen Zuwachs von Wissen und Bildung der jungen Menschen zu messen.
Brasilien löst sich langsam von seiner früheren Selbstbezogenheit, öffnet sich und entwickelt hohe Ansprüche – als internationale Gestaltungsmacht, die sich für eine Reform der Weltwirtschaft einsetzt, als Fürsprecher der armen Länder des Südens im Rahmen der Globalisierung, als High-Tech-Nation und wichtiger Partner globaler Umweltpolitiken, als Mitspieler auf der internationalen politischen Bühne, mit der Ambition, einen ständigen Sitz im Welt-Sicherheitsrat der UNO zu erhalten. Diesen hohen Ansprüchen wird das Land aber nur dann gerecht werden, wenn es ein Schul- und Bildungswesen aufbaut, das die noch allzu deutlichen Zeichen eines Drittweltlandes abstreift und sich an den besten Beispielen erfolgreicher Industrieländer orientiert.
Den vielen jungen Brasilianern (2) fehlt es jedenfalls nicht an Intelligenz und Lernfreude, an Begeisterungsfähigkeit und Kreativität. Da sind so viele Talente, dass sie nicht nur den Bedarf des eigenen Landes an „Brainpower“ leicht und dauerhaft decken könnten, sondern auch als Fachkräfte für alternde Industrienationen wie Deutschland vielversprechend wären. Brasilien hat in dieser Hinsicht die besten Voraussetzungen und kann es schaffen – se Deus quiser…(3)
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Anmerkungen
(1) Im Sommer 2014 werden dann auch noch die ohnehin sehr langen Ferien um zwei weitere Wochen verlängert – damit während der WM durchgängig schulfrei ist.
(2) Das Durchschnittsalter der Bevölkerung Brasiliens beträgt 29 Jahre.
(3) „So Gott will“.
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