Drei Computer, 60 Lehrer, 400 Schüler

Drei Computer, 60 Lehrer, 400 Schüler
Zu den seltsamen Phänomenen der Soziologie, die sich quer durch die Geschichte ziehen, gehört der Umstand, dass die Stiefel der Moderne der Jugend besser passen als ihren Vätern. Dabei waren es doch die Väter, die den Fortschritt eingeleitet haben! So werden Computer und Internet, die zentralen Bausteine unserer Lebenswirklichkeit, in den Schulen noch immer nicht pädagogisch sinnvoll eingesetzt, obwohl nicht nur nahezu alle Jugendlichen (98 %) Handy und Internet privat nutzen, sondern drei Viertel aller Schüler ihre Hausaufgaben regelmäßig über ihren PC abwickeln.
von Mark Rinasky
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Kaum Hardware, keine Konzepte, wenig fachkundiges Personal

Zwar befindet sich in knapp 90 Prozent der Schulen ein Computer, allerdings können nur 7,5 Prozent dieser Schulen jedem Schüler PC, Note- oder Netbook zur Verfügung stellen. Diese Zahlenwerte gehören jedoch eher zu den harmlosen Befunden der aktuellen Bildungsstudie «Digitale Medien in der Schule», durchgeführt von der «Initiative D21», einer vom Cornelsen Verlag und Texas Instruments unterstützten Partnerschaft von Politik und Wirtschaft.
Die befragten Lehrkräfte, die in der Mehrheit bereits auf Onlineinhalte für ihren Unterricht zurückgreifen, bemängeln vor allem fehlende Konzepte für den sinnvollen Einsatz digitaler Medien, einen Mangel an Weiterbildungen sowie ein grundsätzliches Defizit an schulgerechter Soft- und Hardware. So sind über 70 Prozent der Lehrkräfte bei inhaltlichen oder technischen Fragen auf sich selbst gestellt, da es neben fachspezifischer Ausrüstung nicht nur an methodischen und fachdidaktischen Konzepten zur erfolgreichen Integration digitaler Medien mangelt, sondern auch am rechten Zusammenspiel von Bildungsbehörden, Sachaufwandsträgern und Schulen. Dass hingegen sowohl Schüler wie auch Lehrkräfte die neuen Medien zur Unterrichtsvorbereitung nutzen, zeigt die Diskrepanz, die in der Hauptaussage der Studie zum Ausdruck kommt, wonach die digitale Revolution zwar den Weg in die Schule gefunden hat, aber vor dem Klassenzimmer Halt macht.
Generalsanierung deutscher Schulen – Professionalisierung von Bildungsprozessen

Zu Recht wird davor gewarnt, die Vermittlung von digitaler Kompetenz dem privaten Umfeld und Freizeitverhalten zu überlassen. «Wir brauchen eine Schule, die sich an der Lebenswirklichkeit unserer Schüler ausrichtet», lautet das neue Motto. Und da Deutschland nach wie vor zu den Ländern gehört, wo der Computer am seltensten als Lernwerkzeug im Unterricht eingesetzt wird, fordert die Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet, Neubau und Sanierung vieler Schulen zum digitalen Umbau zu nutzen und sämtliche Klassenzimmer mit Wlan, Rechnern und interaktiven Boards auszustatten.
Um IT-gestütztes Lernen an den Schulen zu fördern und unsere Kinder auf die Welt des 21. Jahrhunderts vorzubereiten, wird sich, wie Vertreter der Bildungsstudie betonen, die Initiative D21 mit ihren Partnern aus Politik und Wirtschaft in Zukunft dafür einsetzen, bestehende Diskrepanzen aufzulösen und die Strukturfragen des Bildungssystems in die Öffentlichkeit zu tragen. Welche Rolle nehmen Pädagogen in «internetgestützten Lehr/Lern-Szenarien» ein? Wie werden die digitalen Werkzeuge nutzbringend eingesetzt? Wo liegen Gefahren und Risiken? Gibt es Maßnahmenkatologe?
Neue Kultur des Lernens

Web-Werkzeuge wie Wikis, Weblogs, Podcasts, Microblogging und soziale Netzwerke und Lehrerportale eröffnen der Schule gänzlich neue Möglichkeiten nicht nur in Bezug auf Arbeitsorganisation, Unterrichtsvorbereitung und -gestaltung: Vor allem die Zusammenarbeit von Lehrern und Schülern steht vor einem grundlegenden Umwälzungsprozess, der eine neue Kultur des Lernens in den Schulen etablieren wird.
Das Potential der digitalen Medienwelt ist unerschöpflich: online abrufbare Unterrichtseinheiten, Arbeits- und Kommunikationsplattformen (Lehrer/Schüler), Teamarbeit mit Notebooks, Fortbildungsangebote und Beratungsdienste können, wenn sie didaktisch ausgewogen und zweckgerichtet vermittelt werden, Orientierung bieten und die Schüler mit vielfältigen und zukunftsweisenden Berufsbildern auf interaktive und multimediale Weise vertraut machen.
So lassen sich formelle und informelle Lernprozesse initiieren, individuell Kompetenzen stärken und nachhaltig Benachteiligungen überwinden, da auf den unterschiedlichen Leistungsstand ausgerichtete Übungen leichter zu realisieren sind. Mit computerbasierten Lernszenarien können Jugendliche ferner auf berufliche Handlungssituationen vorbereitet werden. «Speziell Jugendliche mit Migrationshintergrund erhalten die Möglichkeit, ihre Chancen in Ausbildung und Beruf zu verbessern»; Mentoren können im Rahmen einer Community wertvolle Unterstützung leisten.
Neue Stiefel braucht das Land

Deutschland habe noch einen weiten Weg vor sich, bis das Klassenzimmer des 21. Jahrhunderts Realität wird, warnen Experten. Da nun aber das 21. Jahrhundert schon ins zweite Jahrzehnt eingetreten ist, stellt sich die Frage, was zu tun ist, damit die pädagogischen Effekte digitalen Lernens noch in diesem Jahrhundert wirksam werden. Die Siebenmeilenstiefel, mit denen in der deutschen Literatur ein Paar Stiefel mit Zauberkraft bezeichnet werden, die dem Träger die Fähigkeit verleihen, sich in kurzer Zeit über weite Entfernungen fort zu bewegen, scheinen unseren Politikern nicht zu passen. Vielleicht sollten wir also selber in Aktion treten. Schließlich zeigt ein weiteres Ergebnis der skizzierten Studie, dass eine große Mehrheit der Eltern mit der Ausstattung der Schulen unzufrieden ist; nach Schätzungen der befragten Lehrpersonen sind diese Eltern sogar bereit, sich an der IT-Ausstattung ihrer Kinder mit über 100 Euro jährlich zu beteiligen. Kostenlos hingegen wären die digitalen Stiefel, die wir unseren Lesern empfehlen, da sie problemlos jeder nutzen kann: in Form von Email-Initiativen mit den entsprechenden Forderungen an unsere Volksvertreter. Monat für Monat, Jahr für Jahr abgesandt, hinterlassen auch solche Aktivitäten Spuren.
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Die Studie der Initiative D21 steht unter Bildungsstudie: Digitale Medien in der Schule zum kostenlosen Download zur Verfügung.
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