Wie man am besten mit Cyber-Mobbing umgeht

Eltern, die ihren Kindern niemals erlauben würden, ohne Ausbildung Auto zu fahren, geben ihnen Handys und hoffen, dass alles gut geht. Viel Glück dabei!

Gibt es eigentlich etwas Schlimmeres für Eltern, als ein Kind durch Selbstmord zu verlieren? Der Freitod der dreizehnjährigen Megan Meier, ausgelöst durch Cyber-Mobbing von Lori Drew, der Mutter eines anderen Mädchens, erregte vor ein paar Jahren großes Aufsehen in den USA. Trotz jahrelanger öffentlicher Kampagnen und der Verabschiedung von Gesetzen, verbreitet sich dieses Phänomen immer weiter; viele Kinder leiden entsetzlich darunter und es nehmen sich sogar einige das Leben.
Was ist zu tun, um Kinder vor den Auswüchsen des Cyber-Mobbings zu schützen?
Die „Experten“ raten dazu, dass die Eltern ihre Aufsicht verbessern und die Schule informieren sollten, wenn Cyber-Mobbing festgestellt wird; darüber hinaus sollten sie sich für eine Verschärfung der Gesetze einsetzen.
Diese Bemühungen mögen hilfreich sein und oft auch notwendig, doch wenn sie als ultimative Lösung für die Probleme der Betroffenen angesehen werden, bleibt die Enttäuschung nicht aus. Es wäre zu schön, wenn wir soziale Probleme einfach mit Gesetzen bekämpfen könnten. Doch wird trotz existierender scharfer Anti-Mobbing Gesetzgebung weiter nach Kräften gemobbt. In Fällen von Mobbing die Behörden einzuschalten, trägt meist zur Verschärfung der Situation bei, da die Eltern der Mobber sich an die Seite ihrer Kinder stellen und den Gemobbten noch mehr hassen, weil er/sie die Mobber in Schwierigkeiten bringt.
Einige gemobbten Kinder nahmen sich das Leben, nachdem die Behörden eingeschaltet wurden. Und obwohl es vielleicht wünschenswert wäre, die Handynutzung eines Kindes lückenlos zu überwachen, so ist es doch ein Ding der Unmöglichkeit, da keine Zeit für andere Dinge mehr bliebe. Hinzu kommt, dass eine solche Überwachung den kompletten Verlust der Privatsphäre bedeutet, was ein Kind sicher sehr verübeln würde. Will man seinem Kind wirksam helfen, Kummer wegen Cyber-Mobbing zu vermeiden, muss man dem Problem auf andere Weise begegnen.
Würden Sie Ihrem Kind Ihr Auto geben und ihm erlauben, damit zu fahren, ohne dass es gelernt hat, es vernünftig zu gebrauchen, um mit den Gefahren im Straßenverkehr klar zu kommen? Würden Sie erwarten, dass die Polizei in der Lage wäre, jugendliche Fahrer auf der Straße so zu schützen, dass sie nicht in Unfälle verwickelt werden? Natürlich nicht! Und doch haben wir genau diese Erwartung bei der digitalen Kommunikation. Wir schenken unseren Kindern Handys und PCs mit Internet-Anbindung ohne jedes Gefahrentraining und erwarten von den Behörden, sie voreinander zu schützen.
Empfehlungen zum Schutz der Kinder
Will man wirklich seinen Kindern helfen, sollte man folgende Empfehlungen beherzigen.
1. Geben Sie Ihren Kindern kein Handy oder einen eigenen Internet-Zugang, bis sie gelernt haben, diese verantwortungsvoll zu nutzen und selbst die potenziellen Gefahren abzuschätzen. Anderenfalls sind Sie selbst mitverantwortlich, wenn eine gefährliche Situation eintritt.
2. Erklären Sie Ihren Kindern, dass, wer mit dem Feuer spielt, sich leicht verbrennen kann. Digitale Kommunikation ist wunderbar, kann jedoch leicht gegen sie selbst genutzt werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass irgendwann jemand über sie Gemeinheiten verbreitet und sie damit umgehen werden müssen. Gewarnt ist gewappnet.
3. Die größte Gefahr geht von Erwachsenen aus, die im Internet Sexualkontakte mit Minderjährigen anzubahnen suchen. Dies sind kriminelle Handlungen. Weisen Sie Ihr Kind nachdrücklich an, niemals jemandem zu antworten, der es zu einem Treffen bewegen will. Wenn Sie feststellen, dass Ihr Kind auf diese Weise angesprochen wird, MÜSSEN Sie die Behörden informieren.
4. Erklären Sie Kindern, dass sich in der Demokratie jeder Mensch frei äußern darf. Die Verfassung gestattet sogar negative Äußerungen über andere Menschen, solange diese keinen objektiven Schaden an Leib, Eigentum und Freiheit verursachen. Im Übrigen ist die freie Meinungsäußerung auch die Problemlösung für üble Nachrede. Versucht man, Menschen zu stoppen, schlechte Dinge über einen zu verbreiten, werden sie angespornt, weiterzumachen. Lässt man sie aber gewähren, hören sie bald damit auf.
5. Viele Kinder glauben, sofort auf alles reagieren zu müssen, was ihnen oder über sie geschrieben wird. Oft ist es jedoch am besten, überhaupt nicht auf negative Einträge zu antworten. Es macht einfach keinen Spaß, über Leute schlechte Nachrichten zu verbreiten, wenn diese nicht verletzt reagieren. Die Postings versanden und die Kinder wenden sich anderen, aufregenderen Themen zu
6. Wenn Ihr Kind aber unbedingt auf einen üblen Kommentar antworten will, sollte es dies mit Humor tun und die sicherste Form ist die, einen Witz zu machen.
7. Viele Kinder glauben, dass ihr Handy rund um die Uhr eingeschaltet sein muss. Sie unterbrechen sogar beispielsweise ein Abendessen im Kreis der Familie, um ein Gespräch anzunehmen, oder auf eine SMS zu antworten. Erklären Sie Ihrem Kind, dass sie nicht ins Gefängnis kommen, wenn sie ihr Handy ausschalten, oder auf einen Anruf oder SMS nicht sofort reagieren.
8. Es ist eine große Versuchung, sich gegen negative Kommentare zur Wehr zu setzen. Aber das ist eine Falle. Der Verteidiger ist der Verlierer, da er weiter üble Nachrede provoziert. Fragen Sie Ihr Kind: „Glaubst du, dass all die schlechten Kommentare, die Kids online stellen, wahr sind? Natürlich nicht. Deshalb musst du auch nicht beweisen, dass das, was über dich geschrieben ist, falsch ist. Die meisten Menschen werden es ohnehin nicht glauben.“
9. Wenn Ihr Kind von einem anderen hört, dass man über es schlechtes liest, oder Gerüchte verbreitet werden, sollte es am besten mit der Frage kontern: „Was ist mit dir? Glaubst du das etwa?“ Damit ist das andere Kind in die Defensive gedrängt. Wenn es die Frage mit „Ja“ beantwortet, sollte Ihr Kind sagen: „Von mir aus, glaub es“; sagt es „Nein“ sollte Ihr Kind einfach antworten: „Gut“. Ihr Kind gewinnt in jedem Fall und der Überbringer der Gerüchte lässt die Sache fallen.
10. Manchmal können erniedrigende Postings auch Wahres beschreiben; andere Kinder wissen, dass es wahr oder leicht zu prüfen ist. Wenn Ihr Kind davon betroffen ist, wird seine natürliche Reaktion in Ärger und Verteidigung bestehen; vielleicht will es nicht mehr in die Schule gehen, um weiterer Erniedrigung auszuweichen. Niemand wird jedoch diese Haltung respektieren, noch werden die Kameraden dadurch überzeugt, dass das Posting falsche Informationen enthält. Respekt wird das Kind jedoch ernten, wenn er/sie zur Wahrheit steht und zu Eingeständnissen findet, wie etwa: „Ja, was ich getan habe (was mir zustieß) war schrecklich“, oder „ Im Nachhinein verstehe ich nicht, wie dumm ich gehandelt habe. Was habe ich mir nur dabei gedacht?“ Nur so können die Kameraden Verständnis und Empathie aufbringen. Schließlich wird nicht mehr über das Thema gesprochen, denn es gibt immer wieder neue prickelnde Storys, über die man einfach reden muss.
11. Es gibt das Sprichwort: „Schlechte Publicity ist besser als gar keine Publicity“. Fragen Sie Ihre Kinder, ob ihnen im Supermarkt schon einmal die Magazine der sogen. „Gelben Presse“ mit ihren Storys über Prominente aufgefallen sind. Sie strotzen nur so von pikanten und entlarvenden Details über die Reichen und Schönen. Und sie entsprechen häufig der Wahrheit. Wie können die Promis das nur aushalten? Einfach deshalb, weil sie wissen, dass diese Veröffentlichungen ihre Berühmtheit aufrechterhalten. Sagen Sie also Ihren Kindern, dass sie kostenlos Publicity genießen und erinnern Sie sie daran, dass die anderen Kinder längst nicht alle Nachrede über sie glauben, nur weil etwas im Internet gepostet ist. Es steht jedenfalls nicht in der New-York-Times.
12. Wenn andere Kids Ihr Kind mobben, liegt die Vermutung nahe, dass sie das Gefühl haben, von Ihrem Kind in irgendeiner Weise schikaniert worden zu sein und auf Rache sinnen. Ihr Kind sollte dann fragen: „Bist du mir irgendwie böse?“, oder „Habe ich dich verärgert?“ Ist die Antwort „Ja“, kann das Kind die Angelegenheit besprechen, dabei eine Lösung anstreben und sich nötigenfalls entschuldigen. Lautet die Antwort „Nein“, merken alle, dass es keinen vernünftigen Grund gibt, böse aufeinander zu sein und das Mobbing wird eingestellt. Wenn es dennoch nicht sofort aufhört, sollte Ihr Kind nicht weiter darauf achten, denn irgendwann hört es sicher auf.
13. Schließlich sollten Ihre Kinder auch beachten, dass sie Freundlichkeit von anderen nur dann erwarten können, wenn sie selbst zu diesen nett sind. Wenn sie sich nicht zurückhalten können, über andere schlecht zu reden oder zu schreiben, selbst wenn es als Reaktion auf üble Nachrede anderer geschieht, dürfen sie nicht erwarten, dass andere Kids ihnen freundlich begegnen. Doch wenn Ihre Kinder immer nett zu anderen sind, ist dies die beste Versicherung gegen Mobbing.
Wenn Sie Ihre Kinder mit diesen Regeln vertraut machen, werden sie ihr ganzes Leben lang davon profitieren, nicht nur in der virtuellen Welt sondern auch in den persönlichen Kontakten.
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Israel “Izzy” Kalman ist Direktor von Bullies to Buddies, einem Programm, das die praktische Anwendung der “Goldenen Regel” vermittelt, um Mobbing und Aggressionen zu bekämpfen und Beziehungsprobleme zu lösen.
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