Das Pferd auf dem Balkon

Das Pferd auf dem Balkon
Der zehnjährige Mika (Enzo Gaier) lebt mit seiner Mutter Lara (Nora Tschirner) am Stadtrand von Wien. Der Junge mit dem Asperger-Syndrom braucht feste Gewohnheiten. So muss beispielsweise sein Mittagessen unbedingt um 14.17 Uhr auf dem Tisch stehen. Mika mag weder Lügen noch Witze, weil er sie nicht versteht. Dafür mag er knifflige Rechenaufgaben lieber als die Raufereien seiner Klassenkameraden. Nur die gleichaltrige Dana (Nata_a Paunovi_) hat mit Mikas Schrullen kein Problem. Eines Abends entdeckt Mika ein Pferd auf dem Balkon seines neuen Nachbarn Sascha (Andreas Kiendl), der den Hengst bei einer Tombola gewonnen hat. Bald entwickelt Mika eine ganz besondere Beziehung zum Pferd, das auf den Jungen einen wohltuenden Einfluss ausübt. Allerdings tauchen alsbald Probleme in der Gestalt zweier Gangster auf, denen Sascha Geld schuldet. Zusammen mit Dana startet Mika eine Rettungsaktion ...
Filmische Qualität: 3,5 von 5 Punkten
Regie: Hüseyin Tabak
Darsteller: Enzo Gaier, Nataša Paunoviæ, Nora Tschirner, Andreas Kiendl, Bibiana Zeller, Ernst Stankowski, Branko Samorvski, Murathan Muslu, Alexander Fennon
Land, Jahr: Österreich 2012
Laufzeit: 90 Minuten
Genre: Familienfilm
Publikum: alle (FSK: ohne Altersbeschränkung)
Einschränkungen: --

Rezension: JOSÉ GARCÍA - www.textezumfilm.de

Regisseur Hüseyin Tabak adaptiert das gleichnamige Kinderbuch von Milo Dor aus den 1970er Jahren nach einem Drehbuch von dessen Sohn Milan Dor konsequent aus der Sicht der Kinder. Der Zuschauer erlebt so aus nächster Nähe die etwas „verrückte“ Welt des Zehnjährigen, die der Regisseur in magisch-surreale Bilder übersetzt. Enzo Gaier verkörpert Mika mit einer Mischung aus Naivität und Zielstrebigkeit. Auch die anderen Figuren sind liebevoll gezeichnet, etwa die liebenswürdige Dana, die sympathische Mutter und der etwas realitätsfremde Sascha. Nicht zu vergessen die Ersatz-Oma Heidi (Bibiana Zeller), die einen besonderen Auftritt in einem Spielcasino genießt. In einem Kinderfilm könnten aber natürlich auch nicht schusselige Erwachsene fehlen, die von Kindern überrumpelt werden – hier in der Person der zwei Sascha verfolgenden Gangster. Mit seinem magischen Realismus schafft „Das Pferd auf dem Balkon“ eine Hommage an die Freundschaft und an die kindlichen Träume.
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Interview mit Regisseur Hüseyin Tabak
Wie kamen Sie auf Milo Dors „Das Pferd auf dem Balkon“, um es zu verfilmen? War es Ihre Absicht von Anfang an, einen Kinderfilm zu drehen?
Hüseyin Tabak: Nicht ich kam darauf, sondern die Produzentin sprach mich an. Sie war von meinem Dokumentarfilm „Kick Off“ (2010) wohl sehr angetan und hatte das Gefühl, dass ich es machen konnte. Ich selbst hatte während meines Studiums nicht daran gedacht, Kinderfilme zu drehen. Als ich aber die ersten Seiten des Buches gelesen habe, die wir übrigens im Gegensatz zu manch anderem gar nicht verändert haben, war ich sofort begeistert. Über diesen Jungen wollte ich einen Film machen. Zu dieser Zeit entwickelte ich eigene Drehbücher und arbeitete noch an meinem Abschlussfilm „Deine Schönheit ist nichts wert...“ Ich besprach mich mit meinem Professor Michael Haneke darüber, ob ich „Das Pferd auf dem Balkon“ machen sollte. Er sagte nur: „Sie mögen doch das Buch. Dann machen Sie es doch einfach. Ihre eigenen Geschichten können Sie immer noch später verfilmen.“ Die Geschichte war ja von Milo Dors Kinderbuch vorgegeben. Ich habe die Inszenierung und die Auflösung der Kamera auf die Geschichte zugeschnitten. Aber „Das Pferd auf dem Balkon“ soll auch die Eltern unterhalten, die mit ihren Kindern ins Kino gehen. Wir wollten auch einen Kinderfilm machen, den sich die Kinder gerne anschauen, wenn sie einmal erwachsen sind. Nach dieser Erfahrung habe ich mich entschieden, weiterhin Kinderfilme zu drehen. Jeder dritte oder vierte Film von mir wird ein Kinderfilm sein.
Allerdings sind Kinderfilme nicht so angesehen wie Filme für Erwachsene. Was meinen Sie dazu?
Hüseyin Tabak: Kinder sind die zukünftigen Zuschauer meiner anderen Filme. Wer „Das Pferd auf dem Balkon“ gesehen hat, kann sich später einen weiteren Film von mir anschauen. Ein weiterer Aspekt scheint mir wichtig: Kinder gehen normalerweise in amerikanische Filme. Sie kennen sich in amerikanischen Städten wie New York viel besser aus als im eigenen Land. Für uns als Filmemacher ist es wichtig, Kindern die Möglichkeit zu eröffnen, das eigene Umfeld besser kennenzulernen. Die Geschichte von „Das Pferd auf dem Balkon“ hätte in jeder Stadt spielen können, in London, Berlin, Istanbul...
Die meisten Kinderfilme sind, wie Ihr Film auch, Verfilmung von bekannten Kinderbüchern.
Hüseyin Tabak: Allerdings gibt es im Buch von Milo Dor weder Mika noch andere Figuren. Da gibt es nur Sascha, der ein Pferd gewinnt und nicht weiß, was er mit ihm machen soll. Deswegen ist das Drehbuch zu „Das Pferd auf dem Balkon“ fast ein origineller Stoff. Milos Sohn Milan Dor – der das Drehbuch verfasst hat – sagte mir, ich sollte das Buch seines Vaters gar nicht lesen. So kannte ich nur den Anfang, als ich am Film arbeitete.
Wie kamen Sie bei der Figurenzeichnung von Mika auf das Asperger-Syndrom?
Hüseyin Tabak: Das war eher Zufall. Die Produzentin Katja Dor-Helmer, Milans Frau, wollte schon immer etwas mit Asperger-Syndrom machen. Sie macht allerdings nur Kinderfilme. Sie war zu Weihnachten in Wien. Eines Tages saß sie in einem Café, als ein Pferd ganz alleine vorbei gelaufen kam. Ein Pferd in der Großstadt? Das hat ihr nachzudenken gegeben. Sie sprach mit Milan darüber, der gerade einen Dokumentarfilm über Autismus gesehen hatte. So kam die Idee zustande.
Bei Sascha fällt es allerdings dem Zuschauer schwer zu glauben, dass er spielsüchtig ist.
Hüseyin Tabak: Wir wollten auf das Thema bewusst nicht tief eingehen. Wenn man da eine Tür öffnet und darüber erzählt, öffnen sich zwei weitere Türen. Dann würden wir von der Hauptgeschichte wegkommen. Deswegen haben wir es als Nebenthema behandelt. Andererseits ist es wirklich so, dass viele Mathematiker spielsüchtig sind, weil sie denken, sie könnten das System knacken. In den Spielkasinos sitzen wirklich viele Mathematiker.
War es schwierig, Nora Tschirner für die Rolle der Lara zu bekommen?
Hüseyin Tabak: Sie war die erste, die ans Boot kam. Uns war es wichtig, für die Rolle von Mikas Mutter eine bekannte Schauspielerin zu engagieren. Wir haben ein Casting mit allen bekannten Schauspielerinnen aus Österreich veranstaltet – was für mich schon etwas komisch war, weil ich zu dem Zeitpunkt noch Filmstudent war. Die Art, wie sie spielten, war mir allerdings viel zu dramatisch. Ich war also unglücklich, weil mir keine zusagte. Ich habe mit Milan Dor darüber gesprochen. Dann hat er eine Reportage über Nora Tschirner gesehen. Er fand sie sehr lustig. So kamen wir auf den Gedanken, ihr einfach das Buch zuzuschicken. Nach zwei Wochen kam die Antwort. „Ja, ich mache das.“
Und wo haben Sie die Kinderdarsteller gefunden?
Hüseyin Tabak: Wir haben ein Schulcasting veranstaltet und dazu Zeitungsaufrufe geschaltet. Für Dana haben wir auch Vereine von Serben und Bosniern besucht, in denen viele Roma und Sinti sind. Wir haben drei Monate lang gecastet. Eigentlich war Dana im Drehbuch größer. Als aber die kleine und zierliche Nataša zum Casting kam, war sie so taff, dass sie uns überzeugt hat. Ich habe Milan sofort angerufen, damit er die Rolle umschreibt. Was Mika angeht: Es gab beim Casting Kinder, die besser als Enzo gespielt haben. Aber als Mika war keiner besser als Enzo. Mir kam es auch darauf an, dass er sich als Neunjähriger während der Dreharbeiten entwickelt, verbessert. Mit Enzo habe ich einen Drehtag über fünf oder sechs Stunden simuliert. Er hatte eine Szene zu spielen, dann hatte er etwas Pause, dann sollte er wieder eine Szene spielen... Denn Kindern wird es schnell langweilig. Sie verlieren die Konzentration. Ich wollte einfach sehen, ob Enzo es machen kann. Er war sehr motiviert beim Drehen.
Wie hat er verstanden, was es heißt, ein Asperger-Syndrom zu haben, damit er es spielen kann?
Hüseyin Tabak: Enzo ist sehr begabt. Er singt im Chor, spielt Fußball im Verein, kann Skateboard fahren. Er ist sehr intelligent, und hört auch zu, wenn man ihm etwas sagt. Natürlich war das Problem, es zu schaffen, dass man ihm abnimmt, dass er Autist ist. Irgendwann einmal hat er verstanden, was wir von ihm wollten. Und dann hat er es automatisch gemacht. Zum Beispiel bin ich mit ihm zu einer Eisdiele gegangen, und ein Eis mit zwei Eiskugeln bestellt. Ich hatte ihm gesagt, er sollte das Eis zurückgehen lassen, wenn die zwei Kugeln nicht gleich groß sind. Das hat er mehrmals gemacht und den Eisverkäufer zum Wahnsinn gebracht. Ich gehe mit den Kindern auf Augenhöhe. Ich befehle ihnen nichts. Der einzige Unterschied ist, dass es Kindern langweilig werden kann. Deswegen muss man sie gut unterhalten. Bei Casting ist es wichtig, Kinder zu finden, denen diese Arbeit Spaß macht.
Ihr Film „Das Pferd auf dem Balkon“ ist schon auf Festivals erfolgreich gelaufen...
Hüseyin Tabak: Auf dem Fünfseenfestival hat er den Preis als Bester Kinderfilm gewonnen. Vorher wurde er mit dem Darsteller- und dem Drehbuchpreis beim „Goldenen Spatz“ ausgezeichnet. Wichtig ist es aber, dass er bei den Zuschauern im Kino gut ankommt.
Was sollen vor allem die Kinder aus „Das Pferd auf dem Balkon“ mit nach Hause nehmen?
Hüseyin Tabak: Dass Freundschaft heilig ist. Ganz gleich, wie ein Kind, wie ein Mensch ist, kann man, wenn man Gemeinsamkeiten sucht, eine Freundschaft aufbauen. Ich hoffe auch, dass die Kinder ihre Eltern mit Fragen löchern werden. Kinder, die erst ein paar Jahre auf dieser Welt sind, können nicht alles wissen. Es ist gut, wenn sie nach einem Film Fragen stellen. Sie sollen fragen und versuchen, unsere Welt zu verstehen.

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