Das Versprechen

von José García
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„Ich halte mein Versprechen dem Menschen gegenüber, den ich liebe.“ Jens Söring gestand 1986 den Doppelmord an Derek und Nancy Haysom, die am 30. März 1985 in ihrem Haus in Lynchburg, Virginia, brutal ermordet wurden. Später widerrief Söring jedoch seine Aussage: Er habe nur gestanden, um seine große Liebe Elizabeth Haysom vor dem elektrischen Stuhl zu retten. Er habe gehofft, als Diplomatensohn nach Deutschland ausgeliefert zu werden und mit einer verhältnismäßig milden Strafe davonzukommen. Ein Geschworenengericht in Virginia fand ihn jedoch in einem Indizienprozess für schuldig. Am 4. September 1990 die Urteilsverkündung: Jens Söring, damals gerade 24 Jahre alt, wird zu zweimal lebenslänglichen Freiheitsstrafen verurteilt. Seitdem sitzt der heute 50-Jährige im Buckingham Correctional Center ein. Länger als sein halbes Leben. Seine Gefangenennummer: 1161655

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Filmische Qualität: 4 von 5 Punkten
Regie: Marcus Vetter, Karin Steinberger
Darsteller (Protagonisten): Jens Söring, Gail Marshall, Tom Elliott, William Sweeney, Ricky Gardner, Gail Ball, Chuck Reid. Mit den Stimmen von Imogen Poots und Daniel Brühl
Land, Jahr: Deutschland 2016
Laufzeit: 130 Minuten
Genre: Dokumentarfilm
Publikum: Jugendliche, Erwachsene
Einschränkungen: teilweise unangebrachte Dialoge
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Für die Filmemacher Marcus Vetter und Karin Steinberger bleibt jedoch bis heute im Unklaren, wer wirklich die Eltern von Elizabeth Haysom tötete. In ihrem Dokumentarfilm „Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich“, der im Juni auf dem Münchner Filmfest Weltpremiere feierte und nun im regulären Kinoprogramm startet, haben die engagierten Filmemacher nicht nur das vorhandene Videomaterial verwertet – als große Sensation wurde der Prozess als einer der ersten im US-Fernsehen live übertragen –, sondern sind selbst zusammen mit einem Detektiv Spuren nachgegangen, die beim Prozess keine Rolle spielten, und die Jens Söring hätten entlasten können.

Als „Rahmenhandlung“ ihres Dokumentarfilmes dient einerseits das Interview, das die beiden Regisseure mit Jens Söring im Gefängnis führten. Es ist das letzte Interview, das er geben darf. Zu einem weiteren Gespräch wird die Genehmigung nicht erteilt. Ebenso werden die Besuche des katholischen Diakons und Gefängnisseelsorgers Tom Elliott, der Söring viele Jahre lang begleitete, irgendwann einmal mit der Begründung verboten, Elliotts Beziehung zum Häftling sei zu freundschaftlich. Zur Rahmenhandlung gehören andererseits die Ermittlungen des Privatdetektivs Dave Watson, der von Jens Sörings Anwältin Gail Ball engagiert wurde. Deshalb nimmt sich „Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich“ als ein Stück investigativen Journalismus aus. Der Film erinnert am ehesten an auf wahren Tatsachen basierende Spielfilme über Skandale aufdeckende Journalisten, etwa an Alan J. Pakulas „Die Unbestechlichen“ („All The President's Men“, 1976) oder an „Spotlight“ (siehe Filmarchiv).

„Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich“ beginnt mit schockierenden Bildern vom Tatort. Chuck Reid, einer der Ermittler im Haysom-Fall, erinnert sich: „Es war, als ginge man in ein Schlachthaus.“ Obwohl darauf die Originalbilder der Urteilsverkündung folgen, beginnt die Geschichte von Jens Söring und Elizabeth Haysom bereits einige Jahre früher: Im August 1984 lernen sich der damals gerade 18 Jahre alte Jens und die zwei Jahre ältere Elizabeth bei einem Orientierungsabend für die Hochbegabtenstipendiaten der University of Virginia kennen. Jens verliebte sich sofort in die schöne und verwegene Liz. Sie wurden ein Paar.
Nach der barbarischen Ermordung von Elizabeths Eltern flüchteten die beiden über Bangkok und Moskau nach England, wo sie wegen Scheckbetrugs auffielen und schließlich 1986 in London verhaftet wurden. Da Elizabeth Haysom den Filmemachern für ein Gespräch nicht zur Verfügung stand, übernehmen Marcus Vetter und Karin Steinberger Sörings Sicht. Laut Jens Söring hätten die beiden verabredet, dass er den Mord gestehen sollte. In Wirklichkeit habe sie ihre eigenen Eltern getötet. In der Mordnacht sei sie zu ihm ins Hotelzimmer zurückgekommen und habe gesagt: „Ich habe meine Eltern umgebracht, es waren die Drogen, sie haben es sowieso verdient.“ Im Prozess tritt Söring arrogant auf, was dazu beiträgt, dass ihm nicht geglaubt wird.

Akribisch rekonstruieren die Filmemacher den Prozess, treffen den damaligen Richter William Sweeney, dem Befangenheit vorgeworfen wird, weil er mit einem Mitglied der Haysom-Familie befreundet war, aber auch die ehemalige Stellvertretende Staatsanwältin von Virginia Gail Marshall, die inzwischen von Sörings Unschuld überzeugt ist, sowie Rich Zorn, den ehemaligen Stellvertretenden Generalstaatsanwalt und Freund der Familie Söring, die sich für die Überstellung von Jens Söring nach Deutschland einsetzen.

Im Laufe der Dreharbeiten treten Zweifel an der Beweisführung auf. So berichtet etwa Ermittler Chuck Reid, es habe ein FBI-Täterprofil gegeben, das von einer Frau als Täterin ausging. Das Profil verschwand jedoch. Ein anderer Ermittler, Ricky Gardner, behauptet hingegen, es habe ein solches Täterprofil nie gegeben. Neuen Untersuchungen zufolge befanden sich am Tatort DNA-Spuren eines Mannes, die aber nicht von Jens Söring stammen. Die Filmemacher interviewen auch einen Zeugen, Tony Buchanan, zu dem Elizabeth Haysom mit einem anderen Mann in die Werkstatt kam. Buchanan wurde aber nie offiziell vernommen.

Über die Frage der Schuld oder Unschuld hinaus handelt der Dokumentarfilm auch von einer enttäuschten Liebe. Die Filmemacher zitieren leidenschaftliche Liebesbriefe von Jens Söring an Elizabeth Haysom. Nach Jahrzehnten im Gefängnis wird Söring immer deutlicher, dass Elizabeth ihn nie wirklich geliebt hat.

„Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich“ nimmt zwar Partei für Söring, lässt jedoch auch eine gewisse Ambivalenz zu. Ob Jens Söring unschuldig ist, könne nicht mit Sicherheit behauptet werden. Allerdings: Ebenso wenig zweifelsfrei könne seine Schuld festgestellt werden.