Spiegelungen statt Grenzen

Spiegelungen statt Grenzen
«Ein Kind, das nicht aus Vertrauen und Liebe gehorcht, sondern aus Angst, wendet sich innerlich von den Eltern ab.» Doch was ist zu tun, damit väterliche und mütterliche Übermächtigkeit nicht als Bedrohung, sondern als Schutz empfunden wird? Kann Ungehorsam mit Strafe reguliert werden? Gibt es eine Geheimformel für Gehorsam? Antwort: Wolfgang Bergmann – «Disziplin ohne Angst». Das Buch ist im Beltz-Verlag erschienen und kostet etwas weniger als ein Kasten Beck`s.
von Markus Rüther
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Wolfgang Bergmann - Disziplin ohne Angst - Wie wir den Respekt unserer Kinder gewinnen und ihr Vertrauen nicht verlieren - 2007 - 184 Seiten - Gebunden im Schutzumschlag - Beltz - EUR 17,90 - ISBN 978-3-407-85898-6

Erziehungskunst
Alle Eltern wissen, dass die Wissenschaft auf die oben gestellten Fragen eine Unzahl von Antworten gibt, womit sie sich, streng besehen, zugleich in Frage stellt. Mögen die Lösungsmuster der Pädagogik im Vergleich zu den Naturwissenschaften oder der Mathematik auch weitmaschiger geknüpft sein, so existieren hier doch ebenso wie überall im Leben Gesetzmäßigkeiten, die, so hartnäckig die Mode auch ihre Negierung verlangt, nicht einfach ausgeblendet werden können; und wo Gesetze beachtet werden, ist die ins Absurde springende Vielfalt der verschiedensten, sich teilweise widersprechenden Lösungswege ausgeschlossen: Das Kennzeichen einer auf Wahrhaftigkeit gegründeten Untersuchung besteht gerade darin, dass sie auch dort noch Orientierung bietet, wo Fragen offen bleiben.
Im übrigen fordert das Wesen der Pädagogik diese Offenheit geradezu – freilich ohne die Notwendigkeit von Regeln, Richtlinien und Gesetzen in Abrede zu stellen. Es ist wie in der Kunst: Es gibt ein paar goldene Regeln und einen Kompass, aber einen Stadtplan gibt es nicht. Die Kunst der Erziehung besteht nun darin, diesen Kompass so einzusetzen, dass am Ende des Weges, der ins Erwachsensein führt, das Kind nichts anderes so begehrt wie diesen Kompass, den ihm die Eltern schließlich in dankbarer Liebe überlassen. So funktioniert der Staffellauf der Generationen.
Wegmarken
Die Unbegrenztheit des Raums, die Unübersichtlichkeit der Welt, das «Über-Sich-Selbst-Hinausdenken» – «von diesen Erfahrungen werden Kinder», schreibt Bergmann, «getroffen wie von einem Donnerschlag.» Sie sind das «tiefe Geheimnis von Trotz und Ungehorsam». Nicht nur im Trotzalter, auch in der Pubertät («die zweite, schubweise Weiterentwicklung des immer noch befremdlichen ‹Ich›»), wo ebenfalls seelisch wieder alles «radikal auf der Kippe steht».
Wie wir in diesen schwierigen Phasen unsere Kinder lenken können ohne sie, den kinderfeindlichen Gehorsamspädagogen unserer Zeit folgend, zu verlieren und mit welch einfachen Mitteln es im Grunde möglich ist, eine gesunde, positive emotionale Basis zwischen Eltern und Kindern aufzubauen, die dafür sorgt, «dass Kinder auch dann gehorsam sind, wenn niemand zuschaut» – Bergmann zeigt es in seinem Buch. Zahlreiche Fallbeispiele aus der Praxis ergänzen die Theorie und machen deutlich, dass es gar nicht nötig ist, die Vielschichtigkeit pädagogischer Lehrsätze in all ihren Verästelungen zu durchschauen; die Logik bestimmter Einsichten ist bisweilen von überwältigender Schlichtheit, man muss nur bereit sein, auf die Stimme seines Herzens zu hören, um die Dinge in ihrer wahren Gestalt zu erkennen: Warum beispielsweise ist das Androhen von Konsequenzen in der Erziehung kontraproduktiv?
Bergmann: «Vertrauen ist etwas Leichtes, Flüchtiges, man kann es leicht zerstören. Wenn man einem Kind das Vertrauen entzieht (und das tut man mit jeder Strafandrohung und jeder Kontrolle), dann wird es sein eigenes Versprechen auch nicht mehr für so wichtig erachten, seine eigene Vertrauenswürdigkeit ist ja bereits in Frage gestellt.» Das heißt, im Grunde ist das Kind bereits bestraft worden!
Eltern fragen – Bergmann antwortet …

Wie können wir unseren Kindern helfen? Bergmann: «Am besten nicht durch Worte, sondern durch Präsenz.» Müssen wir Grenzen setzen? Bergmann: «Grenzen müssen wir nicht setzen, wir müssen unsere Kinder mit den Begrenzungen und dem ‹Eigensinn› der Realität versöhnen, auf respektvolle Weise. Respekt der Eigenart der Welt und der Besonderheit des Kindes gegenüber (doch leider ist von Respekt vor Kindern und von der Freude an den Dingen in pädagogischen Gesprächen kaum die Rede).» Wann werden wir von unseren Kindern geliebt? Bergmann: «Eltern und Lehrer werden von den Kindern geliebt, wenn sie für die Kinder («Schau mal, so bist du, etwas ganz Besonderes!») und für die Welt der Dinge («Wir erkunden das Spielzeug, wir finden in ihm die Geschicklichkeit unserer Hände und die Kraft unseres Verstandes») als Spiegel fungieren. Dann schätzen Kinder sogar ein kräftiges lenkendes Wort: «Sie spiegeln sich ja in ihrem Erzieher». Und je kräftiger der Erzieher präsent ist, desto eher fühlen sich die Kinder von solchen «spiegelnden Autoritäten» bestätigt.
«Eltern-Autorität und Eltern-Liebe sind zwei Seiten derselben Medaille»
Das gefährlichste in der Erziehung sind Stereotypen («Werte, die nicht von Herzen kommen, sind es nicht wert, Werte genannt zu werden»). Gerade dort, wo Erziehung über das Schema triumphiert, triumphiert sie auch über die Probleme des Alltags. Mutter/Vater: «Ich lass mir das von dir nicht mehr gefallen, nicht ein einziges Mal mehr – warum? Weil ich dich so lieb habe.» Über diesen einfachen Satz staunt jedes Kind. Ungewohnte Sätze haben etwas Magisches. Bergmann: «All das, was Erziehung ausmacht, muss auf Generalisierung angelegt sein, muss auch über den Augenblick hinaus gelten, muss eine Bedeutung in sich tragen, die vom Kind nicht nur aufgenommen, sondern unabhängig von Vater und Mutter fortgeführt wird.»
Wie dies «funktioniert» und wann Erziehung zum Scheitern verurteilt ist, wann Verbote wirken und wann sie eher wirkungslos sind oder gar zerstörerisch; weshalb Prinzipien dumm machen und «Strafangst» Gewissenlosigkeit fördert; wie es auf der anderen Seite kluge Eltern schaffen, dass sich die Frage nach Gehorsam gar nicht stellt; was mit der Strategie der «Uneindeutigkeit» gemeint ist und wann das kindliche Bewusstsein verzeiht, das Unbewusste jedoch noch lange nicht; in welchen Fällen Distanz angesagt ist und in welchen Fällen sie schadet; wie es möglich ist, den Drang aller Kinder, über die Welt zu verfügen, mit sinnvollen Alltagsaufgaben zu verknüpfen; und warum wir gerade dann auf der Hut sein sollten, wenn wir das beste Gewissen der Welt haben – all dies erläutert Bergmann an zahlreichen Einzelfällen in einer Sprache, die deshalb so verständlich ist, weil sie so genau ist: «Frisch. Pur. Frei.» Wie das alkoholfreie Bier von Beck‘s.

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