The Jungle Book

von José García
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Die Melodie aus dem Zeichentrickfilm „Das Dschungelbuch“ (Wolfgang Reitherman, 1967)? Obwohl sich die Handlung von Reithermans Zeichentrickfilm eher als eine Zusammenstellung von Motiven aus Rudyard Kiplings „Das Dschungelbuch“ („The Jungle Book“, 1894) denn als eine Verfilmung von Kiplings Buch ausnahm, hat das Disney-Werk das „Dschungelbuch“-Bild von Generationen geprägt: Nach verschiedenen Wiederaufführungen haben ihn allein in Deutschland mehr als 27 Millionen Zuschauer im Kino gesehen. Deshalb ist es nur allzu verständlich, dass sich das Disney-Studio und Regisseur Jon Favreau bei der Handlung des nun startenden „The Jungle Book“ insbesondere an den Zeichentrickfilm und nicht an die früheren Realverfilmungen von Zoltan Korda aus dem Jahre 1942 oder von Stephen Sommers von 1994 anlehnen.

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Filmische Qualität: 4 von 5 Punkten
Regie: Jon Favreau
Darsteller (dt. Stimmen): Ben Becker, Heike Makatsch, Jessica Schwarz, Joachim Król, Christian Berkel, Jusus von Dohnányi, Armin Rohde
Land, Jahr: USA 2016
Laufzeit: 106 Minuten
Genre: Literaturverfilmung
Publikum: Jugendliche, Erwachsene
Einschränkungen: --
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Die Handlung dürfte also bekannt sein: Der Menschenjunge Mogli (Neel Sethi) wächst bei einem Wolfsrudel im Dschungel auf, zu dem ihn als kleines Baby Panther Baghira (deutsche Stimme: Joachim Król) brachte. Seine Adoptivmutter Raksha (Heike Makatsch) ist besonders stolz auf Mogli. Unter dem strengen Regiment von Alphawolf Akela (Justus von Dohnányi) lebt der etwa 11-Jährige gerne besonders mit den kleinen Welpen zusammen – die gleichaltrigen Wölfe sind viel schneller gewachsen als er. Fürs Ende einer Trockenperiode, während der unter allen Tieren eine Friedenspause gilt, kündigt der König des (indischen) Dschungels, der Tiger Shir Khan (Ben Becker) an, Mogli zu töten. Die furchteinflößende Raubkatze machte einmal Bekanntschaft mit der „roten Blume“ der Menschen. Seit er vom Feuer entstellt wurde, macht Shir Khan Jagd auf jeden Menschen. Um die drohende Gefahr vom Wolfsrudel abzuwenden, will Baghira Mogli zu einer Menschensiedlung bringen. Nach einer kurzen, aber durchaus lebensbedrohlichen Begegnung mit der hypnotisierenden Schlange Kaa (Jessica Schwarz) trifft Mogli auf den gemütlichen Bären Balu (Armin Rohde). Bevor aber der dickleibige Fellträger den Jungen in sein Herz schließt, muss dieser für Balu in schwindelerregender Höhe Honig besorgen. Und dann wird Mogli auch noch vom Affenkönig Louie (Christian Berkel) entführt, der ihm das Geheimnis der „roten Blume“ entlocken möchte.

Was sich auf dem Papier wie eine Neuauflage des berühmten Zeichentrickmusicals von 1967 liest, erweist sich dank der Technik als atemberaubender Film. Bereits die erste Szene, nachdem das gezeichnete Titelbild in Realbilder übergeht, zeigt atemlose Action in einer Welt, die sich wirklich real anfühlt – so ähnlich wie die digital entstandene Welt von „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ (James Cameron, 2009). Kein Wunder, denn Animationsleiter von „The Jungle Book“ ist Andrew R. Jones, der für die Spezialeffekte bei „Avatar“ verantwortlich zeichnete und auch einen Oscar gewann. Seit den „Planet der Affen“-Filmen „Prevolution“ (2011) und „Revolution“ (2012) sowie „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ (Ang Lee, 2012) haben die für die Animation von Tieren zuständigen Spezialisten eine Perfektion erreicht, die Tiere täuschend echt erscheinen lässt. So auch in „The Jungle Book“: Der Zuschauer hat immer den Eindruck, einen Real- und keinen Animationsfilm zu sehen. Dabei ist der zwölfjährige Neel Sethi als Mogli der einzige reale Schauspieler in Jon Favreaus Film. Und kaum zu glauben: Auch die gesamte Dschungel-Umgebung entstand in CGI (Computer Generated Imaging)-Verfahren.

Durch diesen erhöhten Realismus gegenüber Reithermans Zeichentrickfilm fällt die Stimmung in Favreaus „The Jungle Book“ deutlich düsterer aus. Nicht nur Tiger Shir Khan und Pythonschlange Kaa, sondern auch der vier Meter große Orang-Utan König Louie und überhaupt der Affentempel wirken sehr bedrohlich. Dies könnte auch eine Diskussion um die Altersfreigabe des Filmes entfachen. So löste 1993 die FSK-Entscheidung für eine Freigabe von „Jurassic Park“ ab 12 Jahren einen wochenlangen Streit in den deutschen Medien aus. Das Problem liegt einfach darin, dass die Abstufung zwischen FSK-6- und FSK-12-Film zu groß erscheint: Sechsjährige könnten die teilweise finster-bedrohliche Anmutung und die Action mit schnellen Schnitten von „The Jungle Book“ überfordern. Aber deshalb schon den Film erst ab 12 Jahren freigeben? Das richtige Maß liegt sicherlich eher dazwischen – was aber im „FSK-System“ nicht vorgesehen ist.

Die episodenhafte Struktur von „The Jungle Book“ lässt wenigen Charakteren Raum zur Entfaltung. In Erinnerung bleiben deshalb die Figuren, die auch eine besonders einprägsame deutsche Synchronstimme besitzen, so Joachim Król als Baghira, Ben Becker als Shir Khan, vor allem jedoch Armin Rhode als Balu. Filmmusik-Komponist John Debney zitiert einige der bekannten Melodien des Zeichentrickmusicals oder er baut sie ganz in den Soundtrack ein, was natürlich eine gewisse Nostalgie erzeugt. Gegenüber dem „Dschungelbuch“ von 1967 betont Favreaus Film die Bedeutung der Aufopferung für die (Adoptiv-)Familie: Mogli verzichtet auf seinen Platz im Wolfsrudel, um die Adoptiv-Artgenossen nicht zu gefährden. Durch „The Jungle Book“ zieht sich auch noch ein weiterer Aspekt: Darf Mogli „menschliche Tricks“ anwenden, wenn es ums Überleben geht? Oder muss er sein ganzes Menschsein aufgeben, wenn er ein vollwertiges Mitglied der Wolfsfamilie werden möchte? Ist es möglich, das Beste aus beiden Welten beizubehalten? Diese Fragen können in von Migration geprägten Zeiten auch als Metapher aufgefasst werden.