Ehe und Familie aus christlicher Sicht (3)

Ehe und Familie aus christlicher Sicht (3)
Bei den aktuellen Diskussionen im Rahmen der Familienpolitik kann das Wesen von Ehe und Familie leicht aus dem Blick geraten. So möchten wir in einer Artikelserie Ehe und Familie aus der christlichen Sicht vorstellen.
von Jaume Planas
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Gegenseitige Liebe (17)
Was den Alltag hält und zur Heiligkeit in der Ehe führt, ist die gegenseitige Liebe. Escrivá sagte in der zitierten Homilie Die Ehe, eine christliche Berufung: „Wenn wir über die Ehe, über das eheliche Leben sprechen, ist es nötig, mit einer klaren Aussage über die Liebe der Ehegatten zu beginnen. Die reine und lautere Liebe der Eheleute ist heilig, und ich als Priester segne sie mit beiden Händen. Die christliche Überlieferung hat in der Anwesenheit des Herrn bei der Hochzeit zu Kana häufig eine Bestätigung des göttlichen Wertes der Ehe gesehen.“ (18)
Der Schlüssel zum Glück in der Ehe hängt von zwei Faktoren ab, die Bestandteil ihres Wesens sind: einerseits die ständige Verjüngung der gegenseitigen Liebe und andererseits die Großzügigkeit und Offenheit für Kinder. Genau so könnte man über den Schlüssel zum Unglück sprechen, der hauptsächlich von einem Faktor abhängt: vom Egoismus, der zur Einsamkeit in der Partnerschaft führt. Im bereits erwähnten Interview mit der Frauenzeitschrift Telva sagte Josefmaria Escrivá: „Ich versäume keine Gelegenheit, um denen, die Gott zur Gründung einer Familie berufen hat, zu sagen, dass sie stets versuchen sollen, sich mit der gleichen freudigen Liebe zu begegnen, die sie als Brautleute zueinander hegten. Welch armselige Auffassung von der Ehe, die doch ein Sakrament, ein Ideal und eine Berufung ist, hat derjenige, der meint, die Liebe habe aufgehört, wenn die Sorgen und Schwierigkeiten beginnen, die das Leben stets mit sich bringt. Gerade dann festigt sich die Liebe. Selbst großes Leid und große Widrigkeiten können die wirkliche Liebe nicht zum Erlöschen bringen; im Gegenteil: das gemeinsame, großzügig getragene Opfer verbindet nur noch enger. In der Heiligen Schrift lesen wir: Aquae multae – selbst viele Schwierigkeiten, physischer und moralischer Art, – non potuerunt extinguere caritatem – können die Liebe nicht auslöschen (Hld 8, 7).“ (19)
Damit eine Ehe gelingt, ist die Bindung in Liebe unerlässlich. Die Liebe zum anderen soll so groß sein, dass ein Partner den anderen mehr liebt als sich selbst. Viele sind eheunfähig gerade unter diesem psychologischen Aspekt, weil sie unfähig sind, sich hinzugeben oder weil bei ihnen die Liebe auf eine emotionale Ebene beschränkt bleibt. Die Liebe übersetzt sich aber gerade in Kleinigkeiten, die diese Liebe bestätigen und vermehren. Deshalb können auch Kleinigkeiten die Liebesbeziehung zerstören. Marta Brancatisano hat dies erfasst, wenn sie schreibt: „Am Anfang einer Ehe, wenn die Zukunft offen ist wie ein Abgrund, den es zuzuschütten gilt, stellt man sich vor, dass die Gefahren alle von außen kommen: Unfälle, Krankheiten, Armut, Verfolgung, Krieg und Hungersnot bedrohen die Partnerschaft und lauern nur darauf, dem gemeinsamen Schiff den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Erfahrung der meisten zeigt jedoch – das ist vielleicht beruhigend, aber auch nicht gerade heldenhaft –, dass die Schwierigkeiten, die sich den Eheleuten in den Weg stellen, nur selten mit hochdramatischen Ereignissen verbunden sind. Es sind in aller Regel einfache und belanglose innere Stürme, wie sie zwangsläufig hervorgerufen werden, wenn man zusammenlebt und alles, was man hat und was man ist, miteinander teilt. Die Gefahren liegen eher in den Kleinigkeiten und können, wie der berühmte stete Tropfen, mehr Unheil anrichten als ein schweres Gewitter.“ (20)
Wenn die Liebe den Alltag bestehen soll, muss sie ständig erneuert werden. Das ist keine komplizierte Angelegenheit, sondern geht über ganz banale Vorkommnisse. Zum Beispiel riet Escrivá den Frauen: „Sei gepflegt, mach dich hübsch, und wenn die Jahre zunehmen, bessere etwas mehr an der ‘Fassade’ aus, wie man es mit den Häusern tut. Er (dein Mann) ist dir dankbar dafür! Denn oft, mitten in den Widerwärtigkeiten des Berufsalltags, die ja nie fehlen, hat er an Gott gedacht und an dich, und er hat sich gesagt: Wenn ich nachher nach Hause komme ... wie schön! Dort erwartet mich eine Oase des Friedens, der Freude, der Herzlichkeit und der Schönheit – ja, für ihn ist nichts auf der Welt schöner als du. Aber das muss stimmen. Geh ihm nicht auf die Nerven, sei klug ... Er ist dein, weil du sein Herz gewonnen hast und dieses Herz festhältst, indem du ihn jeden Tag ein wenig mehr liebst, und er dich ... Aber außerdem wirst du ihn auch ein bisschen ‘durch den Magen gewinnen’. (...) An dem Tag, an dem er müde heimkommt – und du weißt das sehr gut, du ahnst es geradezu –, erinnere dich an sein Leibgericht: das werde ich ihm heute zubereiten. Und sag es ihm nicht, damit er dir nicht zu Dank verpflichtet ist: du überraschst ihn, und er wird dich mit solch einem Blick ansehen ... und das genügt, das genügt!“ (21)
Diese Haltung gilt nicht nur für die Frauen, sondern auch für die Männer. Der aktuelle Nachfolger Escrivás in der Leitung der Prälatur Opus Dei, Bischof Echevarría sagte es in einem Treffen am 26.8.1994 in Fatima: „Denkt nicht, dass nur sie auf ihr Aussehen achten sollen, ihr, die Ehemänner, auch ihr dürft euch nicht von Egoismus oder Müdigkeit beherrschen lassen. Einige kommen nach Hause und denken: jetzt setze ich mich ruhig hin, um mich zu erholen oder die Zeitung zu lesen. Währenddessen wartet die Frau, dass ihr der Mann etwas sagt, aber ... es kommt nichts. Vielleicht verbringt der Mann eine dreiviertel Stunde beim Lesen der Zeitung; unterdessen sitzt die Frau nebenan und wartet; aber er kümmert sich nicht darum. Nach einer dreiviertel Stunde fragt die Frau ihn, was in der Zeitung steht. Und der Mann, statt die Situation psychologisch zu erfassen und zu verstehen, dass die Frau sich unterhalten möchte, antwortet in seiner Müdigkeit: Nichts! ...“
Manchmal mag es leichter sein, eine anstrengende berufliche Arbeit für Gott zu tun, als das Familienleben zu heiligen, denn wenn man erschöpft von der Arbeit nach Hause kommt, kann es heroisch sein, für die Belange der Kinder, des Mannes oder der Frau Interesse, Zeit und gute Laune aufzubringen.
Im Eheleben gibt es auch kleine „Katastrophen“, die mit Humor gemeistert werden müssen. Opfergeist, aber auch Sinn für Humor, sind im Leben unerlässlich. Sie sind eine Folge der Gelassenheit, der reiferen Erfahrung und der Intelligenz. Besonders letztere befähigt den Menschen, die eigenen Grenzen anzuerkennen und sich selbst nicht übermäßig wichtig zu nehmen. Die negative Auffassung scheint dem Menschen wirklichkeitsnäher als die positive: wenn unerwartet alte, nicht vergessene, in einer Ecke des Herzens aufbewahrte Reibereien wieder zutage treten, ist oftmals der Übertreibungstrieb des Menschen fähig, aus Nichts eine große Diskussion entstehen zu lassen. (22)
Auch die üble Nachrede in familiären Zusammenkünften – im ethischen Jargon nennt man sie Klatsch – kann die Atmosphäre vergiften. Hier eine groteske Darstellung: „Die Familie war um den Esstisch versammelt. Der älteste Sohn kündigte an, er werde das Mädchen von gegenüber heiraten. 'Aber ihre Familie hat ihr nicht einen Pfennig hinterlassen', sagte der Vater missbilligend. 'Und sie selbst hat sicher nichts gespart', ergänzte die Mutter. 'Sie versteht rein gar nichts vom Fußball', sagte der Bruder. 'Ich habe noch nie ein Mädchen mit einer so komischen Frisur gesehen', warf die Schwester ein. 'Sie tut nichts als billige Romane lesen', meinte der Onkel. 'Und sie zieht sich sehr geschmacklos an', meckerte die Tante. 'Dafür spart sie nicht mit Puder und Schminke', sagte die Großmutter. 'Alles richtig', sagte der Sohn, 'aber sie hat, verglichen mit uns, einen großen Vorteil!' – 'Und der wäre?', wollten alle wissen. – 'Sie hat keine Familie!'“ (23)
(wird fortgesetzt)
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Anmerkungen
(17) Die Belange des Familienlebens und die Vermittlung von Werten habe ich ausführlich behandelt in: Mut zur Familie. Stella Maris, Buttenwiesen 2001.
(18) Christus begegnen, Nr. 23f.
(19) Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, Nr. 91; vgl. auch Nr. 108.
(20) Das Große Abenteuer. Die Ehe. MM-Verl., Aachen 2001, 164.
(21) Treffen in Sao Paolo, 1.6.1974, in: Avventura della vita quotidiana, Film von A. Michelini, gesendet von der RAI am 14.2.1980. Wiedergegeben nach der deutschen Version der RAI 1981. – Vgl. Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, Nr. 107.
(22) Erinnere man sich z. B. an den bekannten Sketch von Loriot Feierabend, in: Menschen, Tiere, Katastrophen. Reclam, Stuttgart 2002, 42-45.
(23) Mello, Anthony de: Zeiten des Glücks. (Lichtenauer, Anton, Hrsg.). Herder, Freiburg-Basel-Wien 1994, 76.

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