Ehe und Familie aus christlicher Sicht (4)

Ehe und Familie aus christlicher Sicht (4)
Bei den aktuellen Diskussionen im Rahmen der Familienpolitik kann das Wesen von Ehe und Familie leicht aus dem Blick geraten. So möchten wir in einer Artikelserie Ehe und Familie aus der christlichen Sicht vorstellen.
von Jaume Planas
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Zu den anderen Teilen der Serie:
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Verantwortliche Elternschaft

Ein Wort, das in den 60er Jahren in aller Munde war, ist die „Verantwortliche Elternschaft“. Sie ist Bejahung des Kindes und nicht Entschuldigung für eine „bequeme Elternrechnerei“, die in einigen Milieus nicht nur geduldet wird, sondern sogar die einzig richtige Haltung zu sein scheint. Der Kinderarzt Reinhart Lempp schrieb damals: „Es wird heute so viel von ‘bewusster Elternschaft’ geschrieben, und man geniert sich schon, wenn man zwei Kinder hat, die nur ein Jahr im Alter auseinander sind. Es glaubt einem dann niemand mehr, dass man ‘geplant’ hat, und alles andere ist doch unverantwortlich oder rücksichtslos oder triebhaft. Trotzdem meine ich: Planen Sie nicht so viel“ (24).
Es scheint sogar lächerlich, dass es Leute im Zeitalter der Mündigkeit und der persönlichen Rücksichtslosigkeit gibt, die Angst vor den Meinungen der Nachbarn, Arbeitskollegen, Verwandten, Freunde usw. zeigen, wenn es darum geht, Kinder in die Welt zu setzen. Wenn die heutige Gesellschaft etwas nicht vertragen kann, dann zweifelsohne den Einzelgänger, der einen Schritt über die goldene Regel hinaus macht: „Nicht zu viel und nicht zu wenig.“ Solche Diskriminierung ist bereits im alten Rom zu finden, wo die Mütter sich verbergen mussten, die ein Kind zur Welt bringen wollten. Man steht hier vor einer der wenigen Arten von Diskriminierung, die eine dekadente Gesellschaft kennt. (25)
Reinhart Lempp bemerkt weiter: „Viel schlimmer ist, dass ihr Kind, in neun Monaten oder später präzis eingeplant zwischen letzter Kühlschrankrate und erster Autoanzahlung, auch im Wert zwischen diesen Kulturgütern rangiert. Das Kind wird zum Hausgerät, zum Objekt, das sie sich anschaffen, aber nicht wieder abschaffen können. Das Kind merkt genau, sobald es auf der Welt ist (auch schon vorher), ob es nur ein Objekt, ein Familienspielzeug, ein Prestigegegenstand zur Bestätigung der Potenz der Eltern ist. Und dann hat es zeitlebens Angst vor dem ‘Wiederabschaffen’, vor der ‘Rückgabe bei Nichtgefallen’. Eltern, die ihre Kinder anschaffen, schaffen sie, wenigstens in Gedanken und vielleicht nur für einen Augenblick, auch wieder einmal ab. Dann haben die Eltern ein schlechtes Gewissen. Und wenn man ein schlechtes Gewissen hat, dann schimpft man entweder wegen jeder Kleinigkeit oder man traut sich nicht, ‘nein’ zu sagen.“ (26)
Josefmaria Escrivá vertritt eine ausgewogene Meinung in dieser Frage und gibt verschiedene Möglichkeiten zu bedenken. Einerseits ist Großherzigkeit erforderlich, andererseits kann es auch der Wille Gottes sein, dass eine Familie klein bleibt: „Das Entscheidende ist nicht die Zahl der Kinder allein; viele oder wenige Kinder sind noch kein Maßstab für die Christlichkeit einer Familie. Das Ausschlaggebende ist vielmehr die Lauterkeit des ehelichen Lebens. (...) Die göttliche Liebe, die unser Leben bestimmen muss, ist unvereinbar mit dem Egoismus in all seinen Spielarten. Diese grundlegende Erkenntnis muss man sich bei allen Fragen der Ehe klar vor Augen halten, auch bei der Frage nach der Kinderzahl. (...) Es kann konkrete Fälle geben, in denen der Wille Gottes, der sich in den alltäglichen Dingen äußert, gerade darin besteht, dass die Familie klein bleibt. Aber die Theorien, die aus der Geburtenbeschränkung ein Ideal oder eine allgemeine Pflicht zu machen suchen, sind verbrecherisch, antichristlich und unvereinbar mit der Personenwürde des Menschen.“ (27)
In einem Interview wurde Msgr. Escrivá gefragt, was er über kinderlose Ehepaare denke. Er antwortete: „An erster Stelle würde ich den Eheleuten sagen, dass sie sich nicht allzu leicht geschlagen geben dürfen. Sie sollten Gott darum bitten, dass er ihnen Nachkommen gibt, dass er sie segnet, wenn es sein Wille ist, wie er die Patriarchen des Alten Testamentes gesegnet hat; und abgesehen davon sollten beide Gatten einen guten Arzt aufsuchen. Wenn Gott ihnen trotz allem keine Kinder gibt, dürfen sie deshalb ihre Ehe nicht als inhaltslos ansehen, sondern müssen sich bemühen, auch hierin den Willen Gottes für sie zu entdecken. Manchmal schenkt Gott keine Kinder , weil er mehr verlangt, das heißt, weil er verlangt, dass wir ohne die lautere menschliche Freude, Kinder zu haben, die gleiche Anstrengung aufwenden und uns mit der gleichen feinfühligen Hingabe dem Dienst am Nächsten widmen. Es gibt keinen Grund für die Gatten, sich als gescheitert anzusehen und der Niedergeschlagenheit Raum zu geben.
Wenn die Ehegatten inneres Leben besitzen, werden sie begreifen, dass Gott sie gleichermaßen drängt, ihr Leben in ein großmütiges christliches Dienen, in ein apostolisches Wirken zu verwandeln, das zwar anders ist als die Arbeit für die eigenen Kinder, aber deswegen nicht weniger großartig. In ihrer Umgebung werden sie leicht Menschen finden, die ihre Herzlichkeit, Hilfe und Liebe brauchen. Außerdem gibt es vielerlei apostolische Tätigkeiten, bei denen sie mitwirken können. Und wenn sie es wirklich verstehen, ihr Herz in eine solche Aufgabe hineinzulegen, sich selbst zu vergessen und großzügig anderen zu dienen, werden sie eine herrliche Wirksamkeit erreichen, und diese geistige Elternschaft wird sie mit tiefer Genugtuung erfüllen.
Die konkreten Lösungen werden von Fall zu Fall verschieden sein, im Grunde aber lassen sie sich alle auf die Bereitschaft zum Dienen und auf die Nächstenliebe zurückführen; und Gott wird denjenigen, der sich in großzügiger Demut selbst zu vergessen weiß, immer mit einer tiefen Freude belohnen.“ (28)
Sich den Kindern widmen

„So wird alles, von Liebe getragen, dazu führen, Freud und Leid zu teilen, die eigenen Sorgen zu vergessen, und für die anderen da zu sein, dem Ehepartner oder den Kindern zuzuhören und ihnen so zu zeigen, dass man sie wirklich liebt und weiß, über kleinere Klippen hinwegzugehen, die der Egoismus in Berge verwandeln könnte; dass man eine große Liebe in die kleinen Dinge hineinlegt, aus denen das tägliche Miteinander besteht. Tag für Tag das Zuhause zu heiligen und in feinfühliger Liebe eine durch und durch familiäre Atmosphäre zu schaffen: darum geht es. (...) Das Familienleben, der eheliche Umgang, die Sorge um die Kinder und ihre Erziehung, das Bemühen um den Unterhalt der Familie und ihre finanzielle Besserstellung, die gesellschaftlichen Kontakte zu anderen Menschen, dies alles – so menschlich und alltäglich – ist gerade das, was die christlichen Eheleute zur Ebene des Übernatürlichen erheben sollen.“ (29)
Die Eltern sind die ersten Erzieher ihrer Kinder. Die Zeit der Utopie der antiautoritären Erziehung ist vorbei. Erziehung findet immer statt. Die Frage ist nur, um welche Art von Erziehung es sich handelt. Liminski stellt fest: „Die Präsenz zu Hause ist konstitutiv für die Erziehung. Ohne sie geben wir die Erziehung ab, entweder an eine Erzieherin oder an die sogenannten Miterzieher in den Medien oder auf der Straße. (...) Es gibt für Eltern keinen Ersatz. Das ist wie ein physikalisches Gesetz: Ein Vakuum ist nicht möglich. Die Lücke wird sofort von anderen Elementen gefüllt.“ (30) „Wolfgang Tietze, Leiter der ersten bundesweiten Studie zur Qualität von Kindergärten kam im November 1998 zu dem Schluss: 'Fest steht, dass die erzieherische Qualität der Eltern wesentlich wichtiger für die Entwicklung der Schützlinge ist als die Kindergärten oder Schulen ... Deutschland muss sich von der Vorstellung der 70er Jahre verabschieden, dass die Einrichtungen Fehlentwicklungen in den Familien korrigieren könnten'. Und dass die Fehlentwicklungen zunehmen, liegt auf der Hand, schon weil die Zeit, die Eltern ihren Kindern (bis 18 Jahren) und der Erziehung widmen, sich in den letzten 25 Jahren von 33 Stunden pro Woche auf heute 16 Stunden mehr als halbiert hat.“ (31)
„Die Eltern erziehen in erster Linie durch ihr persönliches Verhalten. Die Söhne und Töchter erwarten von ihren Eltern wesentlich mehr, als nur eine Erweiterung ihres noch beschränkten Wissens oder einige mehr oder weniger gute Ratschläge. Sie suchen in ihnen das Zeugnis für den Wert und den Sinn des Lebens, das sich greifbar vor ihren Augen verwirklicht und, auf die Dauer gesehen, in allen Situationen des Lebens gültig bleibt.“ (32) Für die Erweiterung des Wissens trifft es manchmal nicht zu, denn heute wissen die Kinder in einigen Bereichen, wie z.B. im Umgang mit dem Computer, für gewöhnlich mehr als die Eltern.
Und dennoch ist die Widmung der Eltern unerlässlich. Janne Matláry war Staatssekretärin im Außenministerium in Norwegen. Trotz ihrer Bemühung, ihren Pflichten als Familienmutter nachzukommen, bemerkte sie, dass, so lange sie im Amt war, ihr Kinder vernachlässigt wurden. Sie schreibt: „In menschlicher Sicht war es sehr gut, dass ich mehr Zeit für die Kinder hatte. Ich hatte mir nicht bewusst gemacht, wieviel sie gelitten hatten, als ich fort war. Sie hatten es tapfer getragen, und ich hatte es verdrängt. Jetzt sah ich deutlich, wie sehr sie mich und meine Zeit brauchten. Zeit war ganz wichtig: nachmittags zu festen Zeiten nach Hause zu kommen und mit ihnen zu essen, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen, zu spielen und zu reden. In unserer Zeit, in der unsere Gesellschaft in so vielerlei Hinsicht auseinanderfällt, ist die Familie um so wichtiger.“ (33)
Es gibt unzählige Berichte aus aller Welt, wie sich die Eltern ihren Kindern widmen. Um ein warmes Zuhause anzubieten, ist viel Aufmerksamkeit und Zeitwidmung erforderlich. Die ersten, die angemahnt werden müssen, sind die Väter. Es ist leichtsinnig, sich abzusondern oder physisch oder geistig abwesend zu sein, mit der Folge, sich nicht für die Belange des Familienlebens zu interessieren oder das Interesse auf die finanzielle Lage der Familie zu beschränken. Käme es zu einer Kollision zwischen verschiedenen Forderungen – gewöhnlich handelt es sich nur um eine zeitlich beschränkte oder sogar um eine Schein-Kollision –, müsste man sich nach folgendem Leitsatz entscheiden: Nach Gott kommt die Familie und erst dann der Beruf. Dort, wo diese Wertskala nicht gilt, leidet stets die Familie. Ben Jakob berichtet: „Neulich erzählte eine Bekannte meiner Frau aus ihrer Familie. Ihr Mann ist beruflich sehr erfolgreich. Seine damals neunjährige Tochter ging einmal zu ihm ins Studierzimmer und sagte: 'Papa, ich gebe dir hier mein ganzes Taschengeld, damit du nicht immer so viel arbeiten musst und einmal Zeit hast, mit mir zu spielen'. Für viele beschäftigte Väter ist es leichter, Geld zu geben, als sich selbst. Und viele Väter opfern heute ihre Familien der eigenen Karriere. Ein erfolgreicher Manager sagte einmal: ‚Ich bin die Leiter des Erfolges hochgestiegen. Erst als ich oben ankam, merkte ich, dass die Leiter an der falschen Wand angelehnt war!‘“ (34)
(wird fortgesetzt)
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Anmerkungen
(24) Kinder für Anfänger. Diogenes, Zürich 1970 (3), 9.
(25) Wer wird heute diskriminiert?: „Kinderreiche Eltern, der Vater als Verbrecher, die Mutter als dumm, beide als verrückt; unschuldige Mädchen als infantil, feige oder unnormal, saubere junge Männer als blöde und pervers; in manchen Kreisen auch glückliche junge Ehepaare, die noch so spießig sind, einander treu zu sein und natürlich Priester, die hier noch Dinge warnend beim Namen zu nennen wagen als Zeloten und Gewissenstyrannen. Über derlei Diskriminierung regt sich kein Mensch auf .“ Görres, Ida Friederike: Was Ehe auf immer bindet. Morus, Berlin 1972 (2), 78.
(26) Kinder für Anfänger, 12.
(27) Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, Nr. 93f.
(28) Ebd., Nr. 96.
(29) Escrivá de Balaguer, Josemaría: Die Ehe, eine christliche Berufung, in: Christus Begegnen, Nr. 23.
(30) Liminski, Martine und Jürgen: Abenteuer Familie. Sankt Ulrich, Augsburg 2002, 23f.
(31) Zitiert in: ebd., 144.
(32) Escrivá de Balaguer, Josemaría: Die Ehe, eine christliche Berufung, in: Christus Begegnen, Nr. 28. –André Frossard erzählt, wie in seiner Familie Weihnachten gefeiert wurde. Da für die Familie dieses Fest keinen Sinn hatte, blieb das Feiern für sie sinnlos und widersprüchlich: „Weder der elsässische Muskateller noch das Bier, noch der Himbeergeist machte die Familie gesprächiger. Der reichlicher als sonst bestellte Tisch und die über und über mit silberketten behängte Fichte sprachen uns von nichts. Es war ein Weihnachten ohne religiöses Gedanken, ein Weihnachten, das niemandes Fest war.“ Gott existiert. Ich bin ihm begegnet. Herder, Freiburg 1970, 21.
(33) Love-Story. So wurde ich katholisch. Sankt Ulrich, Augsburg 2003, 171.
(34) Familien brauchen Väter, in: Familie ist Zukunft. XIV. Internationaler Kongreß für die Familie, Bonn, April 1989. Bouvier, Bonn 1989, 157. – Kardinal Höffner schrieb: „Es ist schlimmer, wenn der Vater ‘keine Zeit’ für die Familie hat, als wenn er ‘kein Geld’ für sie hat.“ Höffner, Joseph: Christliche Gesellschaftslehre. Presseamt des Erzbistums Köln 1975, 106.

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