Ehe und Familie aus christlicher Sicht (5)

Ehe und Familie aus christlicher Sicht (5)
Bei den aktuellen Diskussionen im Rahmen der Familienpolitik kann das Wesen von Ehe und Familie leicht aus dem Blick geraten. So möchten wir in einer Artikelserie Ehe und Familie aus der christlichen Sicht vorstellen.
von Jaume Planas
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Zu den anderen Teilen der Serie:
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Anerkennung der Arbeit in der Familie
Auf der Ebene der radikalen Gleichheit aller Menschen sollen Unterschiede der Fähigkeiten und des Grundcharakters nicht übersehen werden. Die Frau besitzt Wesensmerkmale, die ihr auf eine ganz besondere Weise zu eigen sind. Escrivá nennt einige davon: „Feinfühlige Umsicht, unermüdliche Großzügigkeit, Liebe für das Konkrete, Scharfsinn, Einfühlungsvermögen, Ausdauer und eine tiefe, schlichte Frömmigkeit. Das Frau-Sein ist nicht echt, wenn es nicht in der Lage ist, die Schönheit dieses unersetzlichen Beitrags zu begreifen und ihn im eigenen Leben zu verwirklichen.“ (35)
Über die Arbeit Zuhause sagte Johannes Paul II. in einer Ansprache: „Diese Arbeit darf freilich nicht als ein unerbittlicher und unvermeidlicher Zwang, als Sklaverei angesehen werden, sondern als freie, bewusste und gewollte Entscheidung, durch die die Frau in ihrer Persönlichkeit und in ihren Ansprüchen sich voll und ganz verwirklichen kann. In der Tat ist die Hausarbeit ein wesentlicher Bestandteil in der rechten Gesellschaftsordnung und hat einen enormen Einfluß auf die Allgemeinheit, man muss sich ihr ständig und restlos widmen, weshalb sie eine tägliche Askese ist, die Geduld, Selbstbeherrschung, Weitblick, schöpferischen Geist, Anpassungsfähigkeit und Mut in unvorhergesehenen Situationen erfordert; sie ist auch ein Beitrag zu Gewinn, Reichtum, zu wirtschaftlichem Wert und Wohlstand.“ Und ferner: „Kein Gesetz schreibt euch das Lächeln vor! Aber ihr könnt es bieten.“ (36)
Die Arbeit in einem Büro oder zu Hause unterscheidet sich wesentlich dadurch, dass die erste sachverhaftet, die zweite personenbezogen ist. Gerade diese Personenbezogenheit ist dem Frau-Sein zu eigen. Gabrielle Strecke bemerkt: „Im Haushalt aber ist jede Sache personenbezogen: auf die Menschen, die der Frau am teuersten sind, auf ihren Mann, ihre Kinder. Muss man nicht, wenn man die Menschen sehen will, auch die Dinge wollen, die ihnen dienen? Im Haus haben alle Dinge Leben. Nichts ist niedrig, alles hat seine Würde, das glattgezogene Betttuch, der schön gedeckte Tisch, die blanke Fensterscheibe. Schließlich verrichtet die Hausfrau ihre Arbeit auch für sich, um Genugtuung am Erfolg zu empfinden, nicht um des materiellen Gewinns willen, nicht für Fremde, wie es Erwerbsarbeit meist verlangt.“ (37)
Die Mütter sollten keine Komplexe haben, wenn die Familie es erfordert, sich ihr ganz zu widmen. Der heilige Josefmaria Escrivá wurde einmal nach der Professionalität der Aufgabe als Hausfrau gefragt. Er bezeichnete die Arbeit der Frau zuhause als eine „wunderbare Berufsarbeit“ die die Tätigkeit der Mutter Gottes auf Erden nachahmt. Dies bedeutet nicht, dass er das Bild der berufstätigen Frau in politischen und wirtschaftlichen Stellen geringschätzte, aber die Arbeit im Heim ist für ihn eine „wunderbarere berufliche Tätigkeit“. (38) Kaum übertreffbare Worte äußerte Escrivá über die Mütter, die „wirklich heroisch sind, auch wenn sie niemals spektakulär in Erscheinung treten. Sie machen keine Schlagzeilen – wie man so sagt –, aber sie opfern sich immer wieder auf, sie stellen freudig ihre Wünsche und Neigungen zurück, sie verschenken ihre Zeit oder verzichten auf Selbstbehauptung und auf mögliche Erfolge, damit ihre Kinder glücklich sind.“ (39)
Eine solche Widmung hat soziale Relevanz: „Nun, was bedeutet ‘soziale Tätigkeit’ denn anderes, als mit Hingabe und Dienstbereitschaft für andere dazusein und wirksam zum Wohle aller beizutragen? Das Wirken der Frau in ihrer Familie hat nicht nur in sich eine soziale Bedeutung, es kann ohne weiteres zu der Aufgabe werden, die die bedeutendste soziale Ausstrahlung überhaupt hat. Stellen Sie sich eine kinderreiche Familie vor: Die Arbeit der Mutter ist durchaus vergleichbar mit der Arbeit berufsmäßiger Erzieher und Lehrer und übertrifft nicht selten deren Wirksamkeit.“ (40)
Auch die apostolische Ausstrahlung ist nicht geringzuschätzen: „Ich kenne viele verheiratete Frauen mit einer ansehnlichen Kinderzahl, die ihren Haushalt vorbildlich führen und darüber hinaus noch Zeit für die Mitarbeit in apostolischen Tätigkeiten finden; genau wie Aquila und Priscilla, jenes Ehepaar der urchristlichen Gemeinde, die in ihrem Haus und ihrem Beruf arbeiteten und zugleich ausgezeichnete Mitarbeiter des heiligen Paulus waren. Mit ihrem Wort und ihrem Beispiel führten sie Apollo, der später ein großer Prediger der jungen Kirche wurde, zum Glauben an Christus.“ (41)
Zur Lage der Kinder
Im Zeitalter der Emanzipation und des falsch gesteuerten Feminismus ist immer wieder festzustellen, dass viele Kinder ohne Familie aufwachsen. 1995 berichtete eine Münchener Zeitung über die Situation in der bayerischen Hauptstadt: „Die Zahl der verhaltensauffälligen Kinder hat stark zugenommen“, äußert SPD-Stadträtin Maria Nindl, „aber das Thema wird leider immer heruntergespielt.“ Jedes dritte Kind sei schon betroffen. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. „Manche Eltern haben überhaupt kein Interesse an ihren Kindern.“
Das Problem der kaputten Familie ist keine Frage der sozialen Herkunft. Eine Problemgruppe sind die Alleinerziehenden: Das ist fast jede fünfte Münchener Familie. (...) Ein anderes Problem sind die „Schlüsselkinder“. Nicht nur weil München teuer ist, auch weil oft beide Elternteile Geld verdienen müssen. Jedes zweite Kind wächst allein auf (59 Prozent). Die Ein-Kind-Familie ist in München fast die Regel. 33,5 Prozent der Familien haben zwei Kinder, sieben Prozent drei Kinder, 1,5 Prozent vier und mehr Kinder. „Da werden kleine Prinzessinnen und Prinzen großgezogen“, so Günter Gramsamer, vom staatlichen Schulamt, „mit Geschwistern hätten sie es leichter.“
„Die Auswirkungen sind extremer geworden, in München deutlich mehr als auf dem Land“, beobachtete Gramsamer. Schuld daran seien: „Zuviel Fernsehen, zuviel allein, zu wenig Nestwärme, zu wenig Spielflächen.“ Hubertus Schröer: „Bei der Wohlstandsverwahrlosung werden die Kinder mit Geld, Medien und Klamotten überhäuft.“ Maria Nindl: „Ohne Schuld der Kinder wird ihnen die Zukunft verbaut.“ (42)
Der Erzbischof von München-Freising, Friedrich Kardinal Wetter, sah sich in seinem Neujahrshirtenbrief 1995 verpflichtet, die Eltern daran zu erinnern, dass sie die ersten Erzieher ihrer Kinder sind: „Die Schule hat es zunehmend mit erziehungsschwierigen Kindern zu tun. Es fehlen oft die Grundregeln des Sozialverhaltens. Lehrerinnen und Lehrer sollen die familiären Defizite ausgleichen und sehen sich in die Rolle von Ersatzmüttern und Ersatzvätern gedrängt. Mit der griffigen Formel ‘Schule neu denken’ wird eine Schule gefordert, die Kindern und Jugendlichen den Lebens- und Erfahrungsraum bietet, den sie zu Hause nicht mehr haben. Aber mit einem solchen Auftrag wäre sie heillos überfordert. Die Eltern müssen auch in Zukunft die Ersterzieher ihrer Kinder sein. Was aber die Schule leisten kann, ist die tatkräftige Unterstützung der elterlichen Erziehungsbemühungen, mehr nicht.“ (43)
Dass die Eltern ihre Rechte und Pflichten vernachlässigen und anderen Institutionen ihren Erziehungsauftrag überlassen, ist eine große Gefahr. Dadurch könnte der Staat zu der ideologischen Auffassung kommen, ihm komme das Erziehungsrecht hauptsächlich zu, und dann wird es an die Eltern delegiert. Der Zweite Familienbericht der Bundesregierung (1975) bezeichnete die Familie als egoistisch und geschlossen, als den Ort, wo die Eltern ihre frustrierenden Erfahrungen an die Kinder vermitteln, als einen Garanten sozialer Ungleichheit. (44) Der Dritte Familienbericht der Bundesregierung (1979) betrachtet die Familie als ersten und nachhaltigen Ort für die Bildung des Kindes. Er revidiert die etwas generalisierte Meinung der sechziger Jahre, indem er betont, dass die Hilfe der Familie für die soziale Integration des Kindes stärker ist als die, die andere Instanzen geben können. (45) Trotzdem sind die Aussagen der Regierung in den 90er Jahren nicht ermutigend. Unter den Politikern aller Parteien gilt als allgemeiner Konsens: Familie ist da, wo Kinder sind, ohne mit Werten zu rechnen, die die Grundlage der Ehe sind und ohne die die Familie kein Fundament hat. (46)
(wird fortgesetzt)
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Anmerkungen
(35) Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, Nr. 87; vgl. a. Nr. 88, 90, 112.
(36)Ansprache, 29.4.1979, L’Oss. Rom. 30.4./1.5.79.
(37) Frausein – heute. O.W.Barth, Weilheim/Obb. 1965, 23. – “Sie schätzen ihre Arbeit im Haushalt gleichermaßen zu hoch und zu niedrig ein: Zu hoch, weil sie sich oft unnötig mehr Arbeit machen und zu viele Kräfte für Unwichtiges verschwenden (muss es nicht zu denken geben, dass die berufstätige Hausfrau die gleiche oder fast die gleiche Arbeit in viel kürzerer Zeit verrichten muss als die ‘Nur-Hausfrau’?); zu niedrig, weil sie die großen Vorzüge der Hausarbeit, ihren Ganzheitscharakter, ihre Vielseitigkeit, die Aufschiebbarkeit, Selbständigkeit und Unkontrollierbarkeit der Leistungen unterschätzen.“ Ebd., 22.
(38) Vgl. Interview mit der Frauenzeitschrift Telva, in: Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, Nr. 87ff.
(39) Freunde Gottes. Adamas, Köln 19815, Nr. 134.
(40) Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, Nr. 89.
(41) Ebd. –Am 2.11.1931 schrieb er in seinen persönlichen Aufzeichnungen: „Mein Jesus, dass das fruchtbare Apostolat deiner Kinder im Werk Gottes die Folge des Überflusses des Lichtes und der Wärme in ihren Seelen und in ihren Heimen sei: Dass unser Apostolat ein Apostolat ohne Widersprüche sei.“ In: Camino. Edición crítico-histórica, Kommentar zum Punkt 961.
(42) Bock, W.: Schon jedes dritte Kind ist gestört. Münchener Merkur, 25.4.1995. Das Ergebnis einer Studie von über 70.000 Kindern wird in einem Bericht von Bayr-Klimpfinger zusammengefasst: 98% der außerhalb der Familie heranwachsenden Kinder leiden an intellektueller und geistiger Unterentwicklung, auch wenn diese Kinder physisch gesund sind. In: Medizin Heute, Dezember 1973. –Dasselbe Ergebnis lie¬fern A. Anastasi und J. P. Foley in: Differential Psychology. Individual and group differences in behaviors, New York 1949.
(43) Wer nicht den Mut hat, Geschichte zu machen, wird ihr armes Objekt, 31.12.94. Pressereferat der Erzdiözese München und Freising, München 1995.
(44) Zweiter Familienbericht, 15.4.1975, S. 137, Sp l; S. 69, Sp. 1. –Vgl. Günther, Henning: Die Familie am Ende des 20. Jahrhunderts, in: Günther - Menze - Berglar - Stark - Rutt: Erziehung und Schule (Fördergemeinschaft für Schulen in freien Trägerschaft, Hrsg.), Köln 1977. Bereits in der Antike findet man Epikuräer und Kyniker, denen Ehe und Familie fremd war. Der Materialist Demokrit sieht die Kindererziehung mit Skepsis: „Kinder aufzuziehen ist etwas Unsicheres. Wenn es glückt, so ist es voll von Kampf und Sorge gewesen; wenn es aber missglückt, so ist der Schmerz durch keinen anderen zu übertreffen“: Fragment 68B 275 (Diels, H – Kranz, W., Hrsg.: Fragmente der Vorsokratiker, Berlin 1961, Bd. 2, S. 201, 15-17); vgl. auch Epikur in: Usener, H., Hrsg.: Epicurea, Lipsiae 1887, 526). –Dies war aber nicht die einzige Auffassung von Erziehung. Die gegenteilige Meinung war auch in der Antike vertreten: vgl. Aristoteles: Politeia und Nikomatische Ethik. –Für einen ausführlichen historischen Abriss vgl. Vilar, Johannes: Mut zur Familie, 1.Teil.
(45)Dritter Familienbericht, 20.8.1979: vgl. Ab 4.1, S. 34f. Zusammenfassender Bericht und Stellungnahme der Bundesregierung. Drucksache 8/3120. –Bericht der Sachverständigen Kommission der Bundesregierung. Drucksache 8/3121.
(46) Vgl. Balthasar, Theresa L.: Familie: da, wo Kinder sind? Komma, 22 (2004) 76f.

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