Ehe und Familie aus christlicher Sicht (6)

Ehe und Familie aus christlicher Sicht (6)
Johannes Paul II. bemerkt: „Der Mensch unserer Zeit glaubt mehr den Zeugen als den Lehrern, mehr der Erfahrung als der Lehre, mehr dem Leben und den Taten als den Theorien.“ Mary Ann Glendon (Universität Harvard, 1995 Vertreterin des Heiligen Stuhls bei dem Weltfrauenkongress in Peking) sagt: „Die meisten Leute, vor allem die Jugendlichen, stört es nicht, dass man von ihnen Schwieriges verlangt. Was sie unbedingt brauchen, ist, abgesehen von der Gnade Gottes, eine geeignete Bildung und gute Beispiele.“
von Jaume Planas
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Religiöse Erziehung

Im Bereich der Erziehung ist der religiöse Aspekt der empfindlichste von allen. Wenn heute in der Erziehung etwas mangelt, dann ist es vor allem die religiöse Erziehung.
Sie fängt bei den kleinen Kindern damit an, dass sie das Verhalten ihrer Eltern, Großeltern, Geschwister ... nachahmen. Wenn dies mit den dem Kind geeigneten Erklärungen begleitet wird, lernt das Kind Gott lieben, und sich spontan an ihn wenden. Es betet für den Bruder, der krank geworden ist, für den Papa, der so viel zu arbeiten hat, für die Oma, die ...
Dies muss aber mit der Unterstützung des Glaubens begleitet werden. Auch wenn es am Anfang des Lebens der Kinder eine Kluft gibt zwischen dem, was sie beten, und dem, was sie im Katechismus lernen, wird all das allmählich – mit dem Erwachsenwerden – zu einer Einheit verschmelzen. Die katholische Kirche lehrt: „Die Erziehung zum Glauben durch die Eltern muss schon in frühester Kindheit einsetzen. Sie beginnt damit, dass die Familienmitglieder einander helfen, durch das Zeugnis eines dem Evangelium entsprechenden Lebens im Glauben zu wachsen. Die Familienkatechese geht allen anderen Formen der Glaubensunterweisung voran, begleitet und bereichert sie. Die Eltern haben die Sendung, ihre Kinder beten zu lehren und sie ihre Berufung als Kinder Gottes entdecken zu lassen (Vgl. LG 11).“ (49)
Auch das 2. Vatikanische Konzil hat diese Frage aufgenommen. Dort wird gesagt: „Die Kinder und Heranwachsenden haben ein Recht darauf, angeleitet zu werden, (...) Gott immer vollkommener zu erkennen und zu lieben.“ (50)
Diese religiöse Bildung kommt vor allem durch das persönliche Verhalten der Eltern zustande. Der heilige Josefmaria Escrivá riet: „Müsste ich den Eltern einen Rat geben, würde ich ihnen vor allem dies sagen: Lasst eure Kinder sehen (...), dass ihr euch bemüht, im Einklang mit eurem Glauben zu leben; dass Gott nicht nur auf euren Lippen, sondern auch in euren Werken ist, dass ihr euch bemüht, aufrichtig und loyal zu sein, dass ihr euch und sie wirklich gern habt. So tragt ihr am besten dazu bei, aus ihnen wirkliche Christen zu machen, rechtschaffene Männer und Frauen, die fähig sind, mit Aufgeschlossenheit die Situationen zu meistern, vor die sie das Leben stellt, ihren Mitmenschen zu dienen und an ihrem Ort in der Gesellschaft ihren Beitrag zur Lösung der drängenden Menschheitsprobleme zu leisten.“ (51)
Beten lernen

So fließen Glaube und Unterweisung in der Lehre ins praktische Leben hinein. Die Erziehung in der Frömmigkeit fordert gemeinsames Beten in der Familie: die gute Meinung morgens, der Engel des Herrn, ein Teil des Rosenkranzes, Feiern der Feste, die Krippe bauen usw. Der Rosenkranz ist nach dem Tischgebet das häufigste Gebet in der Familie.
Johannes Paul II hat daran erinnert, wie hilfreich dieses Gebet ist: „Eine Familie, die vereint betet, bleibt eins. Seit altersher wird der Rosenkranz in besonderer Weise als Gebet gepflegt, zu dem sich die Familie versammelt. Indem die einzelnen Familienmitglieder ihren Blick auf Jesus richten, werden sie befähigt, sich stets aufs neue in die Augen zu schauen, miteinander zu sprechen, füreinander einzustehen, sich gegenseitig zu vergeben und in einem durch den Heiligen Geist belebten Liebesbündnis wieder neu zu beginnen. (...) Es gelingt nicht mehr, gemeinsam Zeit zu verbringen, und sogar jene wenigen Augenblicke des Zusammenseins werden von den Bildern des Fernsehens beherrscht. Die Wiederbelebung des Rosenkranzgebetes in der Familie bedeutet, ganz andere Bilder in das alltägliche Leben hineinzulassen, und zwar die der Heilsmysterien: das Bild des Erlösers, das Bild seiner heiligsten Mutter. Die Familie, die zusammen den Rosenkranz betet, gibt ein wenig das Klima des Heimes von Nazareth wieder: sie stellt Jesus in den Mittelpunkt, sie teilt mit ihm Freude und Schmerz, sie legt Bedürfnisse und Vorhaben in seine Hände, von ihm schöpft sie Hoffnung und Kraft für den Lebensweg.“ (52)
In diesem Klima der Frömmigkeit werden die Kinder dazu geführt, Jesus Christus kennen zu lernen, und in handfesten Beispielen des Lebens machen sie sich mit dem erlösenden und befreienden Kreuz Christi vertraut. So erfahren sie, Beschwerden, Widerwärtigkeiten und Krankheiten mit dem Kreuz Christi zu verbinden und wachsen in der Liebe zu ihm. „Mit Freude habe ich festgestellt, dass junge Menschen heute genau wie vor vierzig Jahren von der christlichen Frömmigkeit gepackt werden, wenn sie sehen, dass man sie aufrichtig lebt, wenn sie begreifen lernen, dass Beten nichts anderes heißt, als mit Gott sprechen, so wie man mit einem Vater oder einem Freund spricht, eine ganz persönliche Aussprache fern aller Anonymität; wenn sie im Herzen jene Worte Christi vernehmen, die wie eine Aufforderung zu vertrauensvoller Begegnung sind: vos autem dixi amicos, ich habe euch Freunde genannt (Joh 15, 15), und wenn sie schließlich ihren Glauben herausgefordert sehen und begreifen, dass Christus derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit (Hebr 13, 8).“ (53)
Zeiten der Krise

Die „theoretische“ Glaubensunterweisung – sie ist nie ausschließlich theoretisch – ist grundlegend, um Krisen zu bestehen, die der Heranwachsende zu durchleiden hat. Irgendwann tritt das auf, was Liminskis den „Kirchenstreik“ nennen: „Das ist ein Moment, den fast alle Eltern erleben. Das heranwachsende Kind überrascht am Sonntagmorgen mit der Feststellung: 'Heute gehe ich nicht mit'. Manchmal folgt auch noch eine Begründung, meist aber ist nur 'keine Lust', 'heute mal nicht', 'wenn ich diesen Pfarrer schon sehe', 'das bringt’s nicht', 'das ist langweilig'.“
Die Eltern werden dadurch schockiert und provoziert – das ist, was das Kind an erster Stelle will –, und hier helfen weder Vorwürfe noch Zwang. Es erfordert Geduld und Argumente. Liminski fährt fort: „Diese Argumentation muss in doppelter Hinsicht parat liegen. Zum einen inhaltlich. Eltern müssen ihren Glauben begründen können und das setzt voraus, dass sie darüber nachgedacht und sich konkretes Wissen, etwa über die sieben Sakramente (Taufe, Firmung, Eucharistie, Buße, Krankensalbung, Ehe, Weihe), angeeignet haben. Dafür genügt oft das Studium des Katechismus. Zum zweiten formal. Es geht nicht darum, eine Diskussion zu gewinnen, sondern dem Kind zu helfen. Deshalb ist der einzige Zwang, den Eltern in solch einer Situation ausüben sollten, der auf sich selbst. Sie sollten ruhig bleiben und versuchen, die Gesamtsituation in den Blick zu nehmen.“ (...)
Aus der Erfahrung können sie bestätigen: „Das betreffende Kind hat auch Nein und nachher wieder aus freien Stücken umso tiefer und überzeugter Ja gesagt. In solchen Phasen wird von den Eltern ein hohes Maß an Feinfühligkeit und selbstlosen Ratgebens verlangt. Das gilt nicht nur beim Thema religiöse Erziehung. Aber wegen der geradezu metaphysischen, endgültigen Bedeutung, die im Ja oder Nein zum Glauben steckt, kann ein grundsätzliches Infragestellen umso schmerzhafter empfunden werden. Aber das Infragestellen ist gut, die Kinder haben auch ein Recht darauf, weil sie auch im Glauben erwachsen werden müssen. Eltern sollen diesen Fragen und Zweifeln mit Respekt begegnen. Es ist der Respekt, die Sonne der Achtung, die die Beziehung vertieft und zu einer echten Freundschaft reifen lässt. Bloßer Zwang jedoch führt allenfalls zu momentanen Gehorsamshandlungen, nicht zu Erfolgserlebnissen der Liebe.“ (54)
Es kann geschehen, dass die Kinder sich objektiv falsch entscheiden. Auch dann hilft der Zwang nicht, auch nicht das bloße Sich-zurück-ziehen und nichts wissen wollen. Escrivá hatte eine sehr dezidierte Meinung diesbezüglich: „Wenn die Eltern ihre Kinder wirklich lieben und aufrichtig an ihrem Glück interessiert sind, müssen sie, nachdem sie ihre Ratschläge und Gedanken geäußert haben, in der Lage sein, sich taktvoll zurückzuziehen, damit nichts das große Gut der Freiheit beeinträchtigt, das den Menschen zur Liebe Gottes und zu seinem Dienst befähigt.
Sie sollten sich vergegenwärtigen, dass Gott selbst unsere Liebe und unseren Dienst nur in Freiheit will und unsere persönlichen Entscheidungen immer respektiert: Er überließ den Menschen die Macht der eigenen Entscheidung (Sir 15, 14), heißt es in der Schrift. (...) Selbst in dem extremen Fall, dass ein Kind eine Entscheidung trifft, die die Eltern aus guten Gründen als verfehlt und vielleicht sogar als höchst unglücklich ansehen, hilft der Zwang nicht. Das einzige, was hilft, ist, dem Kind Verständnis entgegenzubringen und ihm weiterhin zur Seite zu stehen, um die Schwierigkeiten zu überwinden und aus jener unglücklichen Entscheidung zumindest noch das Bestmögliche zu machen.“ (55)
Es kann vorkommen, dass die Kinder sich richtig entscheiden, aber diese Entscheidung den Eltern nicht passt. Albino Luciani, später Papst Johannes Paul I., erzählte: „Giusto de la Bretonières, in Korea 1866 während seiner Missionstätigkeit ermordet, wurde im Alter von fünf Jahren von seiner Mutter im Garten überrascht, als er sein Ohr auf ein kleines Loch presste. 'Was machst du denn da, Giusto?' – 'Ich lausche, Mama! Ich höre von weit her die Chinesen, sie rufen mich und bitten mich um Hilfe'. Das war das kleine Samenkorn einer Berufung.
Diese Mutter, eine reiche und vornehme Frau, verhinderte das Keimen dieses Samens nicht, sondern beobachtete genau, wie er sich Schritt für Schritt entwickelte. Und später, als ihr Sohn 23 Jahre alt war, erlaubte sie ihm, das Institut für fremdländische Missionen in Paris zu besuchen, das aus ihm einen großartigen Missionar Christi machte.
Andere Mütter wären an ihrer Stelle vielleicht erschrocken, sie hätten das von ihrem kleinen Sohn gegrabene Loch wieder zugeschüttet und ihn ermahnt: 'Wehe dir, wenn du noch einmal herkommst und weiter horchst! Vergiß die Chinesen!' Beten wir darum, dass die Zahl der schüchternen Mütter abnimmt und die der großzügigen und vertrauensvollen Mütter und Väter zunimmt!“ (56)
Weiterbildung

Auch der Erwachsene soll sich weiterbilden. Das gilt in beruflicher und kultureller Hinsicht wie in religiöser. Josefmaria Escrivá sieht darin eine Bedingung, um die Einheit zwischen Glauben und Verstand zu erreichen, die letzten Endes zu einer Einheit des Lebens führt. In einer Adventshomilie sagte er:
„Das Leben des Gebetes und der Buße und das Erwägen unserer Gotteskindschaft verwandeln uns in Christen von tiefer Frömmigkeit, gleich kleinen Kindern vor Gott.
Die Frömmigkeit, die pietas, ist die Tugend der Kinder gegenüber ihren Eltern, und damit sich das Kind den Armen seines Vaters anvertrauen kann, muss es klein sein und sich klein fühlen, bedürftig. (...) Fromm also wie die Kinder; aber nicht unwissend, denn jeder muss sich nach seinen Möglichkeiten um ein ernsthaftes, wissenschaftliches Studium des Glaubens bemühen; das alles ist Theologie. Folglich: die Frömmigkeit von Kindern und die sichere Lehre von Theologen. Das Verlangen, dieses theologische Wissen zu erwerben, – die zuverlässige und feste christliche Lehre –, wird an erster Stelle geweckt durch den Wunsch, Gott kennen zu lernen und zu lieben.
Es ist aber gleichzeitig auch Folge des Dranges der gläubigen Seele nach tieferem Verständnis dieser Welt, die das Werk des Schöpfers ist. (...) Der Christ muss nach Wissen hungern. Von der Pflege der abstraktesten Wissenschaften bis zu den handwerklichen Fertigkeiten kann und muss alles zu Gott führen. Denn es gibt keine menschliche Tätigkeit, die nicht geheiligt werden könnte und nicht selbst Anlass zur eigenen Heiligung und zur Mitwirkung mit Gott bei der Heiligung unserer Mitmenschen wäre.“ (57)
Es ist grundlegend, dass christliche Jugendliche und Erwachsene eine Harmonie erreichen, die ihnen ermöglicht, ein Leben aus einem Guss zu führen. Sie dürfen nicht in der Natur- und Geisteswissenschaft gebildet sein und im religiösen Leben auf den Niveau eines Erstkommunionkindes stecken bleiben. „Die Religion ist die größte Rebellion des Menschen, der nicht leben will wie ein Tier, der sich nicht zufrieden gibt und nicht zur Ruhe kommt, bevor er seinen Schöpfer kennt und Umgang mit ihm hat. Das Studium der Religion ist daher eine grundlegende Notwendigkeit. Ein Mensch, dem die religiöse Bildung fehlt, ist nicht wirklich gebildet.“ (58)
Der Mensch hat den Grund seiner Existenz nicht aus sich selbst, sondern er ist geschaffen. Als Geschöpf Gottes bleibt er mit dem Schöpfer verbunden. „Sie (die Geschöpfe) hören nicht auf, Ton zu sein ‚in des Töpfers Hand‘; sie bleiben von Natur, kraft ihrer Kreatürlichkeit, ständig eines neuen Eingriffs von Seiten Gottes gewärtig – mag dieser Eingriff geschehen in Gestalt jener Lebensmitteilung, welche die Theologie ‚Gnade‘ nennt, oder auch in Gestalt von Offenbarung.“ (59)
Darüber hinaus ist der Christ ein Kind Gottes. Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es. Die Welt erkennt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat. Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes. 1 Joh 3,1f. Er soll lernen mit der Freiheit eines Kindes im Haus seines Vaters zu leben. In der Freiheit qua Christus nos liberavit (zur Freiheit hat uns Christus befreit. Gal 5, 1).
Die Bildung in der christlichen Lehre befähigt den Getauften, Christus kennen zu lernen, nachzuahmen und ein Leben in seiner Kirche zu führen. Die Kirche ist Mutter und, wie eine gute Mutter, gibt sie ihren Kindern die richtige Nahrung „zur rechten Zeit“ (Mt 24, 45).
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Anmerkungen
(49) Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2226 (LG = 2. Vatikanisches Konzil, Konstitution Lumen gentium).
(50) Erklärung über die christliche Erziehung, Nr. 1.
(51) Christus begegnen, Nr. 28.
(52) Johannes Paul II.: Rosarium Virginis Mariae, 16.10.2002, Nr. 41; dt.: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 156. Bonn 2002.
(53) Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, Nr. 102.
(54) Abenteuer Familie, 93f.
(55) Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, Nr. 104.
(56) Ave Maria. Styria, Graz-Wien-Köln 1996, 50.
(57) Christus begegnen, Nr. 10.
(58) Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, Nr. 78.
(59) Pieper, Josef: Über den Glauben. Kösel, München 1962, 78.

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