Eltern sollten ihren Kindern erlauben, Fehler zu machen

Eltern sollten ihren Kindern erlauben, Fehler zu machen
Jessica Lahey, Lehrerin für Englisch, Latein und Rechtschreibung in Lyme, New Hampshire / USA schrieb kürzlich einen interessanten Beitrag im The Atlantic über die Bedeutsamkeit von Fehlern im Leben eines Kindes. Sie erinnert sich an einen Plagiatsfall, in dem die Mutter einer Schülerin die Hauptrolle spielte. Diese Mutter hatte selbst die Hausaufgabe für ihre Tochter - zu großen Teilen durch Kopie von Webseiten - erstellt, da ihr Töchterlein zu sehr gestresst war und die Mutter sich Sorgen machte, das Kind könne krank oder überfordert werden.
von Carolyn Moynihan - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Zum guten Schluss gab ich der Schülerin eine 6 und stellte sicher, dass sie ihre Hausaufgabe selbstständig neu schrieb. Natürlich habe ich nicht die Möglichkeit, die Mutter der Schülerin zu disziplinieren, doch habe ich in meinen Träumen so etwas schon häufiger getan. Ich bin nicht sicher, welchen Nutzen die Mutter aus diesem Vorfall gezogen hat, doch gewann ihre Tochter ein besseres Verständnis für die Konsequenzen ihres Verhaltens und ich selbst eine 'Kriegserfahrung'. Heute kümmern mich die Mütter nicht mehr, die ihren Kindern ein wenig zu viel bei den Hausaufgaben helfen, oder Väter, die das Studienprojekt des Sohnes ausführen. Bitte vergeudet nicht meine Zeit damit.
Lehrer tauschen häufig ihre Erfahrungen über ausufernde Überfürsorge von Eltern aus, doch ist Frau Lahey nicht besorgt, dass bestimmte Auswüchse der Elternfürsorge, wie einem Kind die Teilnahme an einem Zeltlager oder der Fahrschule zu versagen, einem 10-jährigen das Schulbrot in mundgerechte Würfel zu schneiden oder für die Party, zu der die 16-jährige Tochter eingeladen ist, eigenes Essen beizusteuern, weil sie eben sehr wählerisch ist, den Kindern nachhaltig schaden. Sie zählt darauf, dass Kinder diese Fürsorge ablehnen, wenn sie älter werden.
„Was mich am meisten besorgt, sind die Beispiele übertriebener Fürsorge, die das Vertrauen eines Kindes und seine Erziehung zur Eigenständigkeit konterkarieren.“ Eltern, die so „fürsorglich sind“, „sehen ausschließlich die Meinung ihres Kindes als objektive Wahrheit an, bemühen sich nicht um die Fakten“, und „nehmen die Aussage ihres Kindes, ohne den Lehrer zu hören und negieren die Möglichkeit, dass ihr Kind einen Fehler gemacht oder sich in irgendeiner Weise falsch benommen haben könnte“.
Was wir Lehrer allerdings häufig sehen, sind Eltern mit hoher Ansprechempfindlichkeit einerseits und niedrigen Ansprüchen andererseits. Diese Eltern reagieren schnell auf tatsächliche oder eingebildete Nöte und Belange ihrer Kinder, geben ihnen jedoch keine Chance, ihre eigenen Probleme selbst zu lösen. Auf einen Anruf hin brausen sie sofort zur Schule, um dem Kind vergessene Schulbrote, Hefte, etc. nachzutragen; sie verlangen zu den Zeugnissen bessere Noten, falls nicht, drohen sie, das Kind auf eine andere Schule zu schicken.
Ein Lehrer beschreibt die Situation so:
„Ich hatte mit einer Reihe von Eltern zu tun, die so überaus fürsorglich waren, dass ihre Kinder es nicht lernten, Verantwortung zu übernehmen und daraus erwachsende Konsequenzen zu tragen. Diese Kinder entwickelten ein hohes Anspruchsdenken, was auf Seiten der Eltern dazu führt, dass sie Schwierigkeiten haben, mit der Schule vertrauensvoll, kooperativ und lösungsorientiert zusammen zu arbeiten, womit dem Kind, wie auch der Schule am besten gedient wäre.“
Das ist der Typus Eltern, die mir die größten Sorgen bereiten: Eltern, die ihre Kinder nicht lernen lassen wollen. Lehrer lehren nicht allein Lesen, Schreiben und Rechnen. Sie lehren auch Verantwortung, Selbstorganisation, Benehmen, Zurückhaltung und Voraussicht. Diese Fähigkeiten werden zwar in den standardisierten Tests nicht abgefragt, aber wenn sich Kinder ihren Weg in das Erwachsenendasein bahnen, sind sie die bei weitem wichtigsten Fähigkeiten für das Leben, die ich unterrichte.
Ich empfehle keinesfalls, dass Eltern den Lehrern ihrer Kinder blind vertrauen sollten; das würde ich auch selbst nicht tun. Aber Kinder machen nun einmal auch Fehler, und wenn dies geschieht, ist es wichtig, dass die Eltern die erzieherischen Effekte der Konsequenzen als Geschenk und nicht als Pflichtverletzung begreifen. Jahr für Jahr sind meine besten Schüler und Schülerinnen, die, die glücklich und erfolgreich ihren Weg gehen, die, die Fehler machten, die dafür auch Verantwortung trugen und sich so herausgefordert fühlten, die besten selbst angesichts ihrer Fehler zu werden.
Es macht Freude, solche Worte aus dem Mund eines Lehrers zu hören.
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