Wenn Eltern „Abi machen“.

Wenn Eltern „Abi machen“.
Es ist schon das vierte Abitur, das wir als Eltern mit-„machen“, aber außer ganz allgemeinen Ratschlägen und Ermahnungen zu Fleiß und Ausdauer können wir kaum etwas beitragen. Wir haben auch keinen Grund zu besonderer Aufregung oder Sorge. Aber trotzdem sind wir viel nervöser als unser Sohn. Liegt es daran, dass er als Jüngster sich nun auch bald anschickt, das elterliche Heim zu verlassen? Oder daran, dass die anderen Eltern anscheinend immer ehrgeiziger werden und ausschließlich hochtrainierte Super-Kinder zu haben scheinen, die schon vor dem „Abi“ Anspruch auf Führungspositionen erheben?
Von Bert Strieman
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Dreieinhalb Jahrzehnte nach dem eigenen Abitur und nach gefühlten 50 Schuljahren der Kinder mit schon drei erfolgreich absolvierten Abiturprüfungen müsste ich eigentlich ein Abi-Profi sein, „cool“ bleiben und höchstens meinem Sohn beruhigend auf die Schulter klopfen, wenn er sich nervös zeigt. Was haben wir nicht alles gemeinsam durchgestanden, meine Frau und ich an der Seite unserer Kinder, nach einem halben Dutzend umzugsbedingter Schulwechsel, dem bunten Wirrwarr ständig wechselnder Curricula, ungezählter Elternabende, Klassenfahrten, Sprechtagen und der Anschaffung und Entsorgung von schätzungsweise drei Kubikmetern Schulbücher, wovon ein Viertel kaum benutzt war, wegen der segensreichen Erfindung des Kopiergeräts... Nun also geht für meine Frau und mich unsere „Schulzeit“ doch noch zu Ende, und unser jüngster Sohn hat nur noch wenige Wochen bis zum Abi vor sich. Warum ist es aber gar nicht „Routine“ für mich, sondern eine so aufregende Erfahrung? Meiner Frau geht es ähnlich, auch wenn sie als Mutter von Natur aus weniger Unruhe zeigt als ich.
Mit Unruhe denke ich zum Beispiel an die sonderbaren Trainingslager, die manche Eltern offenbar für ihre Kinder eingerichtet haben - mein Sohn berichtete davon. Da wird gepaukt, koordiniert, organisiert, als sei das Abitur ein Prestige-Projekt der Familie und nicht der Schulabschluss eines Schülers. Mein Sohn war amüsiert, ich alarmiert. Klar – ich sollte mich freuen, dass die von wiederkäuenden Medien unisono präsentierten Schreckbilder dysfunktionaler Familien, die angeblich zur baldigen Desalphabetisierung der deutschen Gesellschaft führen, in meinem Lebensumfeld nicht auftreten. Aber jede Übertreibung ist schädlich, sogar beim elterlichen Ehrgeiz.
Verständlich ist der familiäre Leistungsdruck natürlich schon. Früher reichte es, das Abitur „in der Tasche zu haben“. Einmal in der akademischen Freiheit der Universität angekommen, fragte niemand mehr danach, was für eine Abi-Prüfung ein gewesener Schüler nachweisen kann (mit der einmaligen Ausnahme des Numerus Clausus). Das war auch richtig so, denn Schule und Studium sind (oder waren) zwei verschiedene Welten. Die lateinische Wurzel des Wortes Abitur legte es schon nahe: Hier wird bescheinigt, dass etwas abgeschlossen ist, der Weg frei zu Neuem. Das „Reifezeugnis“ war gewissermaßen ein Freibrief, das Eintritts-Billet in die akademische Welt. Im späteren Leben immer weiter danach zu fragen, wäre ungefähr so sinnvoll gewesen, wie die Vorlage eines Kinderuntersuchungshefts bei der Beförderung auf eine höhere Management-Position.
Da scheint sich einiges geändert zu haben. Abiturnoten bekommen fast den Rang von Persönlichkeitsmerkmalen, und in Zeiten professioneller „Bewerbungshelfer“, in denen Bewerbungsschreiben für ein banales zweiwöchiges Praktikum mit wissenschaftlicher Akribie und gekaufter Expertise ausgearbeitet werden, muss anscheinend ein Abiturzeugnis etwas Bleibendes haben, das man noch beim Eintritt in das Pensionsalter stolz vorweisen kann…
Bin ich also ein Rabenvater, weil ich meinem Sohn vor dem Abi kein Trainingslager verpasse und sogar noch zuschaue, wenn er statt zu „büffeln“ dem „chillen“ nachgeht und noch immer mit Freunden Basketball spielt? Zu meiner Verteidigung berufe ich mich auf den dilatorischen Imperativ: „Verlange von Deinen Kindern nicht etwas, von dem Du nicht hättest wollen können, dass es Dir selbst vorgegeben worden wäre.“ Darüber hinaus halte ich mich an fünf einfache Regeln:
  • Mach dein Kind nicht nervös. Es ist vielleicht viel entspannter vor seinem Abi als Du selbst. Wenn das so ist, dann reiße dich zusammen und vermeide ständiges Nachfragen. Manche Kinder brauchen auch mal eine „Paukbremse“, Abwechslung durch einen gemeinsamen Ausflug oder dergleichen.
  • Vermeide falschen Ehrgeiz. Ohne übertriebenen Erwartungsdruck lernt es sich ohnehin besser. Das Leben hängt nicht an der Abi-Note, „sub specie aeternitatis“ ist das nur eine Episode – und sogar unter dem Aspekt eines ganz normalen Lebenslaufs.
  • Rat und Hilfe auf Anfrage. Halte Dein Kind zu normalem Fleiß an, aber mische dich nicht ungefragt in die inhaltliche Vorbereitung ein, auch nicht bei Fächern, die du selbst studiert hast. Aber wenn du gefragt wirst, dann nimm dir Zeit!
  • Das Gesetz der letzten zehn Prozent. Ein wirklich nützlicher Tipp (nicht nur für Abiturienten), den ich bei Alexander Solschenizyn fand: Man sollte immer auch die letzten zehn Prozent einer Arbeit mit derselben Sorgfalt erledigen wie die ersten neunzig, weil sonst das Ganze leidet.
  • Zünde am Tag der Abi-Prüfung eine Kerze an!
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