Bekenntnis der Machtlosigkeit

Bekenntnis der Machtlosigkeit
90, 71, 59 und 48. Alles Prozentwerte. 23 und 50 und 69. 77? Willkommen im aktuellen Zahlenkarussell von Allensbach. Themen, aktuelle Studie heute: Wie sehen Lehrer ihre Schüler? Was erwarten Eltern von der Schule? Antworten: 87, 37, 31. Und nochmal 90. In Worten: Zwei Drittel, drei Viertel, die Mehrheit. Und: Mittelfeld. Acht Prozent? Wer sich für die Sätze hinter den Zahlen interessiert, mag weiterlesen. Wer sich nur für das Fazit interessiert, kann schon an dieser Stelle erfahren, dass Eltern und Lehrer ein Bild voneinander haben, welches immer mehr von Misstrauen und Überforderung gekennzeichnet ist.
Von Mark Rinasky
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Primärtugenden

Zwar betrachten 87 Prozent der Lehrer Wertevermittlung als ihre zentrale Aufgabe, doch nur ein gutes Drittel (37 Prozent) glaubt, dass ihnen diese Vermittlung wirklich gelinge. Lediglich acht Prozent der Lehrer geben an, sie hätten großen Einfluss auf ihre Schüler. Dieser Wert kooperiert mit dem Pessimismus der Eltern: Zwei Drittel der Befragten bezweifeln, dass die Persönlichkeit junger Menschen in der Schule positiv geformt werden könne; selbst die Schulung der Konzentrationsfähigkeit sowie die Stärkung des Selbstbewusstseins trauen die wenigsten der Schule zu (33). Immerhin geben 75 Prozent der befragten Lehrer an, ihre Schüler hätten Konzentrationsprobleme, 59 Prozent beschreiben sie als selbstbezogen und auf Äußerlichkeiten fixiert (58), 71 Prozent attestieren eine materialistische Lebenshaltung, und fast die Hälfte (48 Prozent) der Lehrer beklagt, sie hätten wenig oder keinen Einfluss auf ihre Schüler. Welche Zahlen fehlen noch? 23, 31, und 50. Sowie 69 und 77. 90!
Sekundärtugenden

«In puncto Höflichkeit und Manieren versagt die Schule nach Meinung der Eltern vollkommen. Nur 23 Prozent erkennen darin ein Anliegen der Lehrerinnen und Lehrer», erfuhren wir vor einigen Tagen auf dem Online-Portal der WELT, deren Mitarbeiter die Lehrerstudie ausgewertet haben. Headline: «Eltern wollen, dass Lehrer ihre Kinder erziehen.» Schon die Überschrift ist eine Botschaft, die das ganze Dilemma zum Ausdruck bringt. Doch wenn Eltern und Lehrer überfordert sind, wer formt die Schüler dann? Antwort: Medien (69 Prozent) und Freundeskreis (68 Prozent). Nicht einmal die Eltern schätzen den Einfluss, den die Lehrer haben, groß ein (31 Prozent), während 78 Prozent der befragten Lehrer der Umfrage zufolge schon häufiger den Eindruck gewonnen haben, dass Eltern bei der Erziehung überfordert sind; ferner sind 77 Prozent der Auffassung, dass die Kinder von heute nicht mehr so gut erzogen sind wie früher. «So erwarten die einen fatalerweise von Lehrern genau das, was diese ihrer Meinung nach nur sehr unzureichend zu leisten im Stande sind, nämlich Erziehungsdefizite auszugleichen. Das kann vielleicht ein Stück weit das schlechte Lehrerbild in der Bevölkerung erklären.» (WELT)
Erziehung ist Sache der Eltern, Ausbildung ist Sache der Schule?

Angesichts dieser Zahlen und der Tatsache, dass zwei Drittel der Lehrer angeben, der Unterricht und der Umgang mit Schülern sei in den vergangenen fünf bis zehn Jahren anstrengender geworden, überrascht es ein wenig, dass Lehrer insgesamt ihren Beruf immer noch positiv bewerten: Drei Viertel (76 Prozent) gaben an, sie würden sich wieder für ihren Beruf entscheiden. Bei anderen Berufsgruppen liegt die Zahl in der Regel lediglich zwischen 50 und 60 Prozent. Wenigstens dieser Wert gibt also Anlass zu vorsichtigem Optimismus, auch wenn die Tatsache, dass die Hälfte der Lehrer der Auffassung ist, wenig bis keinen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Schüler zu haben, sicherlich erschreckend ist. Erschreckend ist auch das Diskussionsniveau im Welt-Forum, wo Leser, die sich zum Teil heftig beschimpfen, ihre Meinung zu den zitierten Artikeln (siehe Links unten) austauschen können. Es lohnt sich, diese Beiträge zu studieren, da sie über eine der möglichen Ursachen der Misere in einer Weise Auskunft geben, wie dies in einem Artikel nicht möglich ist. Die Auffassung eines Lesers, wonach diejenigen Lehrer, welche erzieherische Aufgaben übernehmen, auch einen Anteil am Sorgerecht erhalten sollten, gehört noch zu den eher harmlosen Varianten aus dem Arsenal der Konfusionen. Allerdings gibt es auch einige sachdienliche Hinweise, die in der Krise eine logische Abfolge von Aktion und Reaktion, von Kursbestimmung und Konsequenz sehen und die bei einem Leser in der Frage gipfeln: «Wie soll man Werte vermitteln, wenn man keine hat?»
EU-Bildungsbericht

Eine Zahl sowie ein Begriff, die in einem gewissen Zusammenhang stehen dürften, stehen noch isoliert beieinander: «90» und «Mittelfeld». Das Mittelfeld, die meisten Leser ahnen es bereits, ist der Platz, den Deutschland nach Auswertung einer anderen Studie (Fortschrittbericht der EU-Kommission zur allgemeinen und beruflichen Bildung) derzeit einnimmt. Im Zuge einer stetigen Verbesserung des Bildungsniveaus in Europa haben andere Länder Deutschland inzwischen überholt. So hat knapp jeder fünfte 15-Jährige in Deutschland erhebliche Probleme beim Lesen. In Finnland sind es hingegen nur 8,1 Prozent!
Bleibt zum Schluss noch die größte Ziffer dieses Artikels – die 90. Während, wie oben berichtet, fast 70 Prozent der Lehrer einen sehr großen Einfluss der Medien auf die Persönlichkeitsbildung ihrer Schüler konstatieren, gaben auf die Frage, worin sich die Schülergeneration heutzutage insgesamt, also unter Einbeziehung von Lebensstil und Äußerlichkeiten, auszeichnet, sogar 90 Prozent der Pädagogen an, dass der prägende Einfluss der Medien das Leben der Schüler dominiere. Ein enormer Wert, dem etwas Absolutes anhaftet und der angesichts des vom Medienkartell abgesegneten Werteverfalls eine wirklich beängstigende Entwicklung offenbart (siehe Serie «Das Jahr der Kugel/Propaganda und Wirklichkeit»).
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WELT-ONLINE: Eltern wollen, dass Lehrer ihre Kinder erziehen
WELT-ONLINE: Schulen versagen bei der Vermittlung von Werten
SÜDKURIER: EU-Bildungsbericht: Andere sind besser
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Kommentare

Wenn wir nicht dermaßen pädagogisch verblendet wären, müssten wir doch auf den ersten Blick erkennen, dass das, was die Pädagogik ständig VERMITTELN soll, bereits als BEGABUNG im Kind angelegt ist: Wissen und Können z.B. sind angeborene Fähigkeiten jedes Menschen. Die Pädagogik tut aber so, als müssten sie erst VERMITTELT werden. Ja, sogar die Bayer. Verfassung gibt den Auftrag zu dieser UNMÖGLICHKEIT.
Die päd. VERMITTLUNGSversuche richten sich ständig gegen die WIRKlichkeit. Mit DRUCK. Und Druck muss Gegendruck erzeugen: actio = reactio.
So kommen wir vollautomatisch zu einer ErZIEHung, die in WIRKlichkeit genau das Gegenteil ist, nämlich ErDRÜCKung. Und da diese nun, wie ein Perpetuomobile ständig Gegendruck auslöst, werden so automatisch die Kräfte und der GEIST gebunden. Das ist schon fast die Garantie dafür, dass der Mensch keine Zeit mehr hat, zum selbständigen Denken zu kommen.
Hauptsache Chaos!
Da stelle ich mir als Ich-kann-Schule-Lehrer doch alles etwas anders vor mit einer ErZIEHung nach dem SOG-Prinzip und einer Stärkung und Entwicklung der bereits vorhandenen Talente.
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe

"Erziehung gehört zur Wortfamilie ziehenund nicht zur Wortfamilie drücken." fjn