Endstation Facebook – eine Sozialrevolution (Teil1)

Endstation Facebook – eine Sozialrevolution (Teil1)
Gegner der Online-Community Facebook sehen in dem Wachstumsphänomen, das seit Jahren den Erdball in Atem hält, womöglich eine Pandemie, die sich in einer Konsequenz ausbreitet, die beispiellos ist in der Geschichte der Menschheit. Der rasende Takt der Verbreitung und die Beständigkeit des Vorpreschens einer Welle, die über den anfänglichen Verdacht, einer Mode zu folgen, längst hinausgewachsen ist, setzt aber auch ihre Befürworter in Erstaunen. Ratlosigkeit breitet sich aus. (1. Teil der Serie)
von Mark Rinasky
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Link zum zweiten Teil:
Endstation-Facebook - Teil 2

Im Januar überschritt die Nutzerzahl in Deutschland, die zwei Jahre zuvor noch bei sechs Millionen gelegen hatte, die 22-Millionen-Marke. Das ist ein schier unglaublicher Wert. Inzwischen hat die Ausdehnung der Anhängerschaft eine Dynamik erreicht, die einer Naturgewalt gleichkommt. Noch in diesem Jahr dürfte die weltweite Nutzerzahl die Milliardengrenze überschreiten. Die Entwicklung hat etwas Magisches.
Marktdurchdringung
In den USA betrug die Marktdurchdringung (Verhältnis der Mitglieder zur Gesamtbevölkerung) bereits Ende 2011 50,3 Prozent. Diese Zahlen erhalten ein zusätzliches Gewicht angesichts der Palette an negativen Kritikpunkten, denen sich Facebook seit Jahren ausgesetzt sieht, Vorwürfe von substantiellem Gehalt, die ununterbrochen durch den Pressewald hallen: Datenschutz/Verwertung von Nutzerdaten/Weitergabe der Benutzeridentitäten usw. Doch die Nebelspur der Kritik ist wie der Kondensstreifen eines Düsenjets: sie ist sichtbar, aber sie bewirkt nichts.
Damit wird offenkundig, dass die Vorteile, die mit der Errichtung eines Facebook-Accounts verbunden sind, von keiner Kritik, mag sie auch noch so pointiert und sachkundig vorgetragen werden, eingeholt werden kann. Sollten wir daher nicht journalistisch umdenken und die Blickrichtung wechseln? Anstatt Negativ-Aspekte aufzugreifen, müsste das Phänomen aus der Sicht der Befürworter betrachtet werden, was bislang versäumt wurde. Offenbar haben sich die Mainstream-Medien soweit vom Volk entfernt, dass Entwicklungen, die nicht den gängigen Erklärungsmustern folgen, nur paralysiert wahrgenommen werden.
In die Ursprünge zurückfragen

Aus der Vergangenheit könne jeder lernen, meinte einst der amerikanische Futurologe Hermann Kahn und fügte hinzu: «Heute kommt es darauf an, aus der Zukunft zu lernen.» Was ist damit gemeint? Dass man die Trends der Zukunft vorwegnimmt und entsprechende Maßnahmen in der Gegenwart vorbereitet – Trends, die uns wichtiger sind als Traditionen? Oder werden unsere Traditionen, da sie in einer von Auflösung gekennzeichneten Gegenwart nicht mehr überleben können, erst in der Zukunft wieder sichtbar? Gibt es eine Verbindung?
Zukunft = Vergangenheit

Im Spannungsfeld dieser Fragen, die nach einem Muster verlangen, das groß genug ist, um den Horizont in beide Zeitrichtungen auszufüllen, steht das Facebook-Phänomen: An diesem Beispiel wird wie an kaum einem anderen deutlich, dass ein übertrieben aggressiver Prozess der Loslösung von allem Ursprünglichen, wie wir ihn seit Kriegsende erleben, zu Entwicklungen führt, die von der Zukunft zurück in die Vergangenheit zielen. Offenbar lässt sich die Tradition, soweit es um Basiswerte geht, nicht überlisten. Und die Errungenschaft von Facebook besteht gerade darin, über einen virtuellen Trick die Moderne an die Tradition zurückzubinden, Zukunft und Vergangenheit zu versöhnen.
Zwischen zwei Polen

Die 90iger Jahre markierten den Scheitelpunkt im Auflösungsprozess bürgerlicher Werte und Traditionen, der erst im nächsten Jahrtausend, wie in diesem Artikel zu zeigen sein wird, von Facebook gestoppt werden sollte. Traditionelle Werte hatten ihre Gültigkeit eingebüßt, der kreative Zerstörungsprozess der 60iger, 70iger und 80iger Jahre war abgeschlossen. Doch während die Verbindung zur Vergangenheit gelöst worden war, konnte die Verbindung zur Zukunft noch nicht hergestellt werden. Das Timing stimmte nicht.
So folgte ein Jahrzehnt, das einer Ewigkeit glich – hilflos zwischen beiden Polen hin- und herpendelnd. Historisches Niemandsland. Auf den Straßen agierte eine anonyme Masse, die grußlos aneinander vorbeizog. Maschinen. Die Kunst verlor sich in endlosen Exzessen, Innovationen erstickten an ihrem eigenen Flair. Gottlosigkeit griff um sich. Langeweile. Auch der PC vermochte daran nichts zu ändern; es gab noch kein Netz.
Wir wussten, dass etwas Entscheidendes fehlte, konnten aber die Leerstelle nicht orten und die Fragezeichen nicht löschen. In unserer Ratlosigkeit wandten wir uns an Instanzen, die sieben oder acht Jahrzehnte überschauen konnten. Diese gaben schlichte Sätze zu Protokoll: «Früher waren Menschen auf den Straßen, heute sind es nur noch Autos.» «Und die Personen, die nicht in den Autos sitzen?», fragten wir zurück. «Sie tragen Rucksäcke», lautete die Antwort. «Oder Kopfhörer.» Blick nach innen – Lippen: ein Strich. Gelächelt wurde nur noch auf Fotos.
Der öffentliche Raum verstummte. Überall wurden Herz-Symbole verteilt: Aufkleber, Ballons, Kissen – eine geradezu inflationäre Entwicklung. Ohne Halt, aber auch ohne Ziel. Ein Liebesersatz? Plötzlich kamen die ersten Handys. Ein kurzes Aufatmen, begierig wurde fast jedes Gespräch entgegengenommen. Aber auch das wurde lästig. Schließlich erreichte uns das Internet. Ein Erlösungsversprechen, ersehnter Hoffnungsschimmer einer auf Technik getrimmten Zeit? Oder doch nur ein Trugbild?
Das neue Jahrtausend

Auf jeden Fall eine Beschäftigungsmaßnahme; der Weg ins Netz war lang. In den ersten Jahren waren wir rund um die Uhr damit beschäftigt, unsere Systeme einzurichten, Software aufzuspielen und sämtliche Möglichkeiten auszuloten: Chat, Blog, Online-Shopping: Technik als Mittel zur Distanz. Eine Wunderwaffe, sicher. Aber auch ein Handicap. Wir erhielten einfach zu viele Emails.
2004 wurde Facebook gegründet. Ganz leise. Erst 2008 wurde die Website auch in anderen Sprachen angeboten. Wären einige von uns nicht so erschöpft gewesen – wir hätten uns früher angemeldet. Also warteten wir, geduldig, ein wenig desillusioniert, gleichgültig fast. Allerdings schon damals ständig online, denn insgeheim wussten wir: sie konnte, ja sie musste kommen – die Erlösung.
Und sie kam. Das virtuelle Wohnzimmer, das Caféhaus der Moderne, der digitale Freizeitclub – wie immer man es nennen will: All das, was längst verloren schien, wurde durch Facebook zurückgeholt. Nähe! Endlich wieder Menschen. Freunde. Der Durchbruch. 2010. Zukunft und Vergangenheit hatten sich getroffen, versöhnt.
(wird fortgesetzt)

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