Mein Leben auf Facebook (Teil2)

Mein Leben auf Facebook  (Teil2)
Zuerst war mir nicht ganz klar, was ich da mache. Chatten, anderen auf die Nerven gehen, Bilder tauschen. Irgendwie von jedem etwas. Wirklich ernst nehmen konnte man das nicht. War das nicht ein Spiel? Eine Art Kindergarten für Erwachsene? Hätte mir damals jemand gesagt, dass mit Facebook eine Sozialrevolution in Gang gesetzt würde, die unser Leben von Grund auf verändern sollte – vermutlich wäre ich unhöflich geworden. Aber es sagte niemand. Schließlich war alles nur virtuell, unecht. Ein Trick. (2. Teil der Serie)
von Mark Rinasky
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Link zum ersten Teil:
Endstation-Facebook - Teil 1

Dann die Erleuchtung. Mein Leben verändert sich. Die Welt rückt näher. Auch die nächste Umgebung. Nachbarn, Arbeitskollegen, Bekannte – die meisten sind bei Facebook. Eine neuartige, ungemein vielschichtige Kommunikationsform entsteht. Beiläufig erfahre ich Dinge, die zuvor nicht zugänglich waren: Vorlieben, Aktivitäten, Fotos und Videos werden geteilt. Personen, für die sich meine Kontakte interessieren oder mit denen sie befreundet sind, sehe ich plötzlich zum ersten Mal, sowie Clips, die sie zum Lachen bringen, Musik, die sie lieben. Ich erfahre, welche Bücher sie lesen und welche Artikel sie schätzen oder ablehnen. Und da sie dasselbe von mir erfahren, ist das Gleichgewicht an Informationen gegeben. Ein Austausch auf Augenhöhe.
Erkenntnisgewinn
Beiträge werden geteilt, bewertet oder einfach ignoriert. Doch es geht nicht um Anregungen allein. Oder darum, die ganze Welt zu umarmen. Bisweilen ist der Austausch recht oberflächlich. Diese Oberflächlichkeit entspricht dann dem Status der Beziehung: Nachbarn, die nicht in Freundschaft verbunden sind, grüßen sich, mehr nicht. Aber die Grüße sind anders geworden. Es sind nun keine Namen mehr, die an uns vorüberziehen, sondern Profile: Menschen. Aber auch der Kontakt zu engen Freunden ist intensiver geworden, vielfältiger. Zum Teil werden Beziehungen sogar gelöst, weil wir erst jetzt wissen, mit wem wir es zu tun haben. Der Erkenntnisgewinn ist enorm. Revolutionär. Vielleicht auch ein wenig beängstigend.
Neuartige Zwischentöne

Für den neuartigen Zwischenton des sozialen Kontakts, der es ermöglicht, auch Fremde, Bekannte, Nachbarn und Arbeitskollegen in den Kreis der Privatheit zu ziehen, hatten wir, zumindest in den letzten Jahrzehnten, keine Entsprechung. Die Überfremdung war wie ein Geschwür durch unsere Orte gezogen.
Dank Facebook ist es nun wie einst: Nicht nur Freunde reden miteinander, auch Fremde. Das ist wichtig, sehr wichtig sogar. Jeder Freund war einst ein Fremder. Und wer den Fremden kennt, der kennt die Welt. Die Jüngeren von uns haben dies nie erfahren und sich über die alten Filme, in denen der Austausch noch funktionierte, gewundert. Die Welt war kleiner damals, ruhiger, überschaubarer. Deshalb war es im Live-Kontakt realisierbar. In den letzten Jahrzehnten war es nicht mehr realisierbar. Und daher war es auch schwieriger, echte Freunde zu finden.
Brücke zum Ich – Tür zur Welt

Facebook hat eine Brücke gebaut. Aber auch neue Türen geöffnet. Nicht nur, dass Fremde nun leichter zu Freunden werden können und diejenigen, die uns fremd bleiben, näher gerückt sind: Die Anonymität ist verschwunden. Und Anonymität ist fies. Gleichzeitig ist der Kontakt zu Freunden, von denen wir örtlich getrennt leben, viel leichter zu halten; die Verbindung ist jetzt in Echtzeit möglich. Überall in der Welt leben Menschen, die wir vielleicht ohne Facebook verloren hätten. Emails? Zu unpersönlich. Skype? Nur für Geschäfte. Chatten? Es fehlt die Plattform, die alle eint. Und Briefe werden nicht mehr geschrieben. Nicht nur, weil es unpraktisch ist. Wir mögen kein Papier, Papier, das unvergleichlich ärmer ist als früher, Abfall beinahe. Wasserzeichen unbekannt. Das seltsame Rascheln, die ungelenke Schrift. Das alles ist hässlich. Auch Briefmarken mögen wir nicht. Wir hassen die Post.
Aber wir lieben das Netz. Die Vielfalt. Die Möglichkeiten. Die Gleichzeitigkeit: hier ist uns die Ewigkeit am nächsten. Erst durch Facebook hat das Netz Flügel bekommen. Alles Frühere war Geplänkel, ein Vorspiel. Computer, egal in welcher Form, waren Werkzeuge, Erkundungsobjekte. Wichtig und interessant, keine Frage. Aber auch nicht mehr. Bisweilen sogar lästig. Jetzt öffnet ein simples Telefon die Tür zur Welt und verbindet uns mit ihr so wie wir verbunden werden wollen. Kein Spam. Alles Echtzeit. Mit Foto.
Online-Wesen

Kommunikation hat zusätzliche Ebenen bekommen, sie verläuft jetzt nicht mehr linear zwischen A und B, und sie ist auch nicht mehr temporal fixiert. Da die Timeline mit Email-Client, Desktop und Handy verknüpft ist, hängt der Datenstrom ständig an unserer Seite. Wir sind jetzt Online-Wesen. Früher mussten wir fragen, um etwas in Erfahrung zu bringen. Jetzt erfahren wir Dinge, nach denen wir gar nicht gefragt haben bzw. fragen können, selbst wenn wir im Direktkontakt stehen. Durch Facebook ist uns bewusst geworden, dass der Direktkontakt in der Außenwelt, mag er noch so intensiv sein, an natürliche Grenzen stößt.
Ende der Natürlichkeit

Wir haben diese Natürlichkeit überwunden und für eine neue, digitale Natürlichkeit eingetauscht und gerade damit die alten Werte zurückerobert. Mehr noch: Wir wissen jetzt, dass im Direktaustausch nur eine begrenzte Anzahl von Informationen transportierbar ist. Die digitale Realisierung neuer Möglichkeiten führt gleichzeitig zu einer Bereicherung traditioneller Kontakte, denn mit der Verzweigtheit der Facebook-Welt wird selbst das Bekannte umdefiniert.
Sozialrevolution

Dies ist die Sozialrevolution, die wir meinen. Kommunikation muss nun vollkommen neu definiert werden. Der einzigartige Facettenreichtum dieses neuartigen Kommunikationsmediums kann sich demjenigen, der nicht bei Facebook ist, unmöglich in einem einzigen Artikel erschließen, da die Vielfalt an einer größeren Anzahl von Beispielen dokumentiert werden müsste, die ein ganzes, wenn nicht sogar mehrere Bücher füllen würden. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht neue Möglichkeiten entdecken. Und Facebook entwickelt sich weiter. Facebook lebt.
Beispiellose Kommunikationswege – exotische Formen des Austauschs

Bisweilen ist es möglich, im Sofortzugriff einen Zugewinn an Infowerten zu erhalten, für die man in der Außenwelt Stunden bräuchte, vorausgesetzt, dass ein Zugang realisierbar wäre. Meistens ist er es nicht. Selbst Personen, die man kennt und mit denen man regelmäßig in Kontakt steht, können nicht fortwährend zur Verfügung stehen. Jetzt schon. Sie erhalten dank Facebook nun ganz zwangsläufig ein schärferes Profil. Kommunikationsverbindungen entstehen, die es in der Außenwelt nie gegeben hat, weil sie a priori nicht möglich sind oder, soweit sie einst möglich waren, von den Entwicklungen der Moderne verschüttet worden sind.
Aber auch exotische Formen des Austausches sind möglich. Wir können Freunden bei einer Unterhaltung zusehen ohne uns in das Gespräch einzumischen oder interessante Dinge über Menschen erfahren, die wir nicht kennen, womöglich aber kennenlernen möchten. Wir sind dank der Online-Community in der Lage, Unbekannte, deren Profil uns interessant erscheint, einzuladen. Oder wir folgen ihnen einfach, indem wir ihren Newsfeed abonnieren. So entstehen Freundschaften zwischen Menschen, die sich in der Außenwelt nicht treffen können, weil sie durch Zeit, Ort und Umstände daran gehindert werden.
Mit Facebook ist eine Zwischenform, ein Zwitter aus Freundschaft und Bekanntschaft möglich geworden. Damit ist eine bislang beispiellose Form des Sozialkontakts entstanden. Die Welt war früher nur schwarz-weiß oder im günstigsten Fall bunt. Jetzt ist sie facebook. Man kann es nicht anders ausdrücken, die technischen Entwicklungen laufen der Sprache davon. Es kann nur erlebt werden. Neuartige Abläufe des kommunikativen Handelns, die es noch zu erforschen gilt, gehören plötzlich zum Alltag. Die Primärrealität hat nicht nur eine wichtige Ergänzung erhalten, sondern einen sozialen Motor mit weltumspannendem Radius: ein zentrales Medium der Extraklasse, einen digitalen Organismus. Es ist folgewidrig, wenn nicht sogar albern, ihm ausweichen zu wollen. Auch wenn das einige für chic halten.
Weltneuheit – drei Stichwortketten

Partizipation am Leben der anderen ohne die Abläufe alltäglicher Verrichtungen nachhaltig unterbrechen zu müssen; komplexe Kommunikationsformen, die in der Außenwelt keine Plattform haben; unzählige Zwischentöne nonverbaler Verständigung (Distanz wahren ohne Nein sagen zu müssen, Ja sagen ohne Nähe zu suchen, Nähe zu finden ohne Umwege zu gehen); Dinge und Entwicklungen wahrzunehmen, die auf anderen Wegen nicht erfahrbar sind; Bereicherung ohne Direktkontakt bei entsprechender Rückkoppelung.
Mehrwertabschöpfung im Online-Modus zum temporalen Nulltarif; Personenkonstellationen von ungeahnter Vielfalt und Kommunikationshierarchien von umwälzender Dynamik; bahnbrechende Ergänzung/Verbesserung/Erweiterung des kommunikativen Handelns mit Perspektiven, die momentan noch nicht ausgelotet werden können. Kurz: Autonomie, Transparenz, Komplexität, Gleichzeitigkeit, Sofortzugriff, Intensitätsgewinn, Exklusivstatus – das alles ist Facebook. Und das auf einer einzigen Plattform. Mit Facebook ist eine Weltneuheit in unser Leben gefallen, die aus der Zukunft kommt, um uns in die Vergangenheit zurückzuholen.
Distanzlose Heimat

Die alte Welt konnte das nicht leisten. Sie ist zu laut, zu unübersichtlich. Sie hat nie wirklich verstanden, was Individualität heißt. Sie ist zu groß dafür. Und doch zu klein, zu grau. Wir können diese Distanzen nicht mehr überbrücken. Wir wollen es auch nicht. Unsere Eltern, die nicht das Glück hatten, die Leerstellen mit den Möglichkeiten, die nun das Netz bietet, aufzufüllen, sind müde geworden. Viel müder als die Menschen in den Schwarz-Weiß-Filmen: kraftlos, erschöpft. Diesen Fehler werden wir nicht wiederholen. Die digitale Welt, deren Straßen Facebook ebnet, ist kein Ersatz für die Wirklichkeit, wie die Kritiker irrtümlich behaupten, sondern der einzig sinnvolle Zugang zu ihr. Wir sind angekommen. Alternativlos.
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