Predigt Benedikt XVI

Kardinal Ratzinger (Benedikt XVI) zur Seligsprechung von Josefmaria Escrivá

Predigt bei einer feierlichen Dankmesse in der Kirche Dodici Apostoli am 19. Mai 1992 für die Pilger deutscher Sprache, die an der Seligsprechung von Josefmaria Escrivá am 17. Mai in Rom teilgenommen hatten

Die geheime Offenbarung des heiligen Johannes, die uns so viel Schreckliches über die Vergangenheit und Zukunft unserer Geschichte sagt, reißt doch immer wieder den Himmel über der Erde auf und zeigt uns, daß Gott die Welt nicht aus den Händen läßt. Soviel Böses es auch geben mag, am Ende steht der Sieg. Mitten in den Drangsalen der Erde wächst der Lobpreis. Um den Thron Gottes steht ein wachsender Chor von Geretteten, deren Leben selbstvergessene Bewegung der Freude, der Verherrlichung geworden ist. Dieser Chor singt nicht nur im Jenseits; er bereitet sich mitten in der Geschichte vor und ist verborgen in ihr schon da. Das wird ganz deutlich an der Stimme, die vom Thron her, das heißt aus der Verborgenheit Gottes selber kommt: Lobt Gott, ihr Knechte Gottes, ihr Gottesfürchtigen, ihr Großen und ihr Kleinen (Offb 19,5). Das ist eine Aufforderung in diese unsere Welt herein, das Eigentliche zu tun und so schon jetzt der Liturgie der Ewigkeit zuzugehören.

Die Seligsprechung von Josefmaria Escrivá sagt uns, daß dieser Priester unseres Jahrhunderts im Chor der Lobpreisenden steht, daß auf ihn das Wort der heutigen Lesung zutrifft: „Die er vorherbestimmt hat, die hat Gott verherrlicht“ (Röm 8,30). Verherrlichung ist nicht nur Zukunft, sie ist schon geschehen: Die Seligsprechungen erinnern uns daran. „Lobt Gott, ihr Kleinen und ihr Großen“ – Josefmaria Escrivá hat diese Stimme als seine Berufung gehört, aber er hat sie nicht nur auf sich und sein eigenes Leben bezogen. Er sah es als seine Sendung an, den Anruf vom Thron her weiterzuleiten, ihn hörbar zu machen in unserem Jahrhundert. Die Großen und die Kleinen hat er eingeladen zum Lobpreis Gottes, und gerade dadurch hat er selbst Gott verherrlicht.

Josefmaria Escrivá war sich sehr früh bewußt, daß Gott etwas mit ihm vorhabe, daß ein Auftrag über seinem Leben stehe. Aber er wußte nicht, was dieser Auftrag war. Wie sollte er Antwort finden, wo sie suchen? Er ging auf die Suche vor allem im Hören auf das Wort Gottes, die Heilige Schrift. Er hat die Bibel gelesen nicht als ein Buch der Vergangenheit, nicht als ein Buch der Probleme, über die wir streiten, sondern als ein gegenwärtiges Wort, das zu uns heute spricht; als ein Wort, in dem wir vorkommen, jeder von uns, und in dem wir unseren Platz suchen müssen, damit wir unseren Weg finden. Auf dieser Suche hat ihn die Geschichte des blinden Bartimäus besonders berührt, der am Wege nach Jericho sitzend vom Vorüberziehen Jesu hörte und laut um Erbarmen schrie (Mk 10,46-52). Während die Jünger den blinden Bettler zum Schweigen bringen wollten, wandte sich Jesus ihm zu mit der Frage: Was willst du, daß ich dir tue? Die Antwort des Bartimäus war: Herr, laß mich sehend werden. Josefmaria erkannte in Bartimäus sich selbst. Herr, laß mich sehend werden, war nun sein immerwährender Ruf, laß mich deinen Willen sehen. Und er beginnt, Gott zu sehen, wenn er Gottes Willen sieht und gewillt ist, in ihn einzuwilligen.

Die Sehnsucht nach dem Sehen von Gottes Willen und nach dem Hineinlegen seines eigenen Willens in den Willen Gottes war und blieb die eigentliche Triebkraft von Escrivás Leben. „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ Durch diese Sehnsucht, durch dieses unablässige Bitten war er vorbereitet, im Augenblick der Erleuchtung wie Petrus zu antworten: „Herr, auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen“ (Lk 5,5). Sein Ja war nicht weniger abenteuerlich, als das Ja damals am See von Gennesaret nach einer erfolglosen Nacht gewesen war. Spanien war aufgewühlt vom Haß gegen die Kirche, gegen Christus, gegen Gott. Man wollte die Kirche austilgen aus Spanien, als ihm aufgetragen wurde, die Netze für Gott auszuwerfen. Er aber hat sein Leben lang unermüdlich in die Wasser unserer Geschichte hinein als Fischer Gottes die Netze eingesenkt, um Große und Kleine ans Licht zu ziehen, sie sehend zu machen.

Der Wille Gottes. Paulus sagt darüber zu den Thessalonichern: „Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung“ (1 Thess 4,3). Der Wille Gottes ist im letzten ganz einfach und in seinem Kern für alle der gleiche: Heiligkeit. Und Heiligkeit bedeutet, wie uns die heutige Lesung sagt, Christus ähnlich zu werden (Röm 8,29). Josefmaria Escrivá hat dies als einen Ruf nicht nur an sich selbst betrachtet, daß er sich heilige, sondern vor allem als einen Auftrag für die anderen: Mut zur Heiligkeit geben, Christus eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern zu sammeln. Das Wort „heilig“ hat im Laufe der Zeit eine gefährliche Einengung erfahren, die wohl heute noch immer wirksam ist. Wir denken dabei an die Heiligen, die auf den Altären dargestellt werden, an Wunder und heroische Tugenden und wissen dann, daß das nur für einige wenige Erwählte gilt, denen wir uns nicht zurechnen können. Wir überlassen die Heiligkeit denen, diesen unbekannten wenigen, und bescheiden uns damit, so zu sein, wie wir eben sind. Aus dieser geistlichen Apathie hat Josefmaria Escrivá aufgerüttelt: Nein, Heiligkeit ist nicht das Ungewöhnliche, sondern das Gewöhnliche, das Normale für jeden Getauften. Sie besteht nicht in irgendwelchen unnachahmlichen Heroismen, sie hat tausend Gestalten; sie kann an jeder Stelle und in jedem Beruf verwirklicht werden. Sie ist das Normale; sie besteht darin, das gewöhnliche Leben auf Gott hin zu leben und es mit dem Geist des Glaubens zu durchformen. Mit diesem Auftrag hat unser Seliger unermüdlich die Kontinente bereist und zu den Menschen gesprochen, um Mut zur Heiligkeit, das heißt zum Abenteuer des Christseins zu geben, wo immer uns das Leben hingestellt hat. So ist er der große Mann der Tat geworden, der aus dem Willen Gottes lebte und in den Willen Gottes hineinrief, aber er ist darüber nicht zum Moralisten geworden. Er wußte, daß nicht wir uns selbst gerecht machen können; so wie die Liebe das Passiv des Geliebtwerdens voraussetzt, so ist auch Heiligkeit immer mit einem Passiv verbunden: mit dem Annehmen des Geliebtseins von Gott.

Seine Gründung heißt Opus Dei, nicht Opus nostrum. Er wollte nicht sein Werk schaffen, das Werk des Josefmaria Escrivá, nicht für sich ein Monument bauen. Mein Werk ist nicht mein Werk, konnte und wollte er auf der Linie Christi, in der Gleichgestaltung mit ihm sagen (vgl. Joh 7,16). Nicht das Eigene wollte er tun, sondern Gott Raum geben, damit sein Werk geschehe. Sicher war ihm auch bewußt, daß Jesus im Johannesevangelium zu uns sagt: Das ist das Werk Gottes, der Glaube (Joh 6,29) – das heißt, das Sich-Übereignen an Gott, damit er durch uns handeln könne. Auf diese Weise ist eine weitere Identifizierung mit einem Schriftwort gewachsen. Das Wort des Petrus im Evangelium von heute wurde sein Wort. Homo peccator sum. - Ich bin ein sündiger Mensch. Als unser Seliger den reichen Fischfang erkannte, ist er wie Petrus erschrocken ob seiner Armseligkeit im Vergleich zu dem, was Gott mit ihm und durch ihn tun wollte. Er hat sich einen „Gründer ohne Grund“ und ein „ungeeignetes Werkzeug“ genannt; er wußte und sah förmlich, daß dies alles nicht er getan hatte, nicht er tun konnte, sondern daß Gott durch ein scheinbar völlig ungeeignetes Werkzeug hindurch handelte. Und dies ist letztlich auch mit dem Begriff „heroische Tugend“ gemeint: Es geschieht, was nur Gott selbst tun kann.

Josefmaria erkannte seine Armseligkeit, aber er hat sich Gott überlassen und nicht nach sich selber umgeschaut, sondern ohne Frage nach sich und seinem Eigenen sich dem Willen Gottes zur Verfügung gehalten. Er selbst hat immer wieder von seinen „Verrücktheiten“ gesprochen – Anfänge ohne jegliche Mittel, Anfänge mitten im Raum des Unmöglichen. Es schienen Verrücktheiten, die er wagen mußte und wagte. Dabei kommt einem das Wort seines großen spanischen Landsmannes Miguel de Unamuno in den Sinn: „Nur Narren machen ernst, die Gescheiten vollbringen nur Unsinn.“ Er wagte es, so etwas wie ein Don Quijote Gottes zu sein. Oder erscheint es nicht als Donquijoterie, mitten in der Welt von heute Demut, Gehorsam, Keuschheit, Freiheit vom Besitz, Selbstlosigkeit zu lehren? Der Wille Gottes war für ihn die wahre Vernunft, und so konnte allmählich die Vernunft des scheinbar Unvernünftigen ans Licht kommen.

Wille Gottes. Der Wille Gottes hat seinen konkreten Ort und seine konkrete Gestalt in dieser Welt. Er hat einen Leib. In seiner Kirche ist Christus Leib geblieben. Und daher ist Gehorsam gegen den Willen Gottes nicht vom Gehorsam gegen die Kirche zu trennen. Nur das Einbringen der eigenen Sendung in den Gehorsam der Kirche gibt die Gewähr, daß ich nicht meine Ideale als Gottes Willen annehme, sondern wirklich seinem Ruf folge. Deswegen war für Josefmaria immer der Gehorsam zur hierarchischen Kirche und das Einssein mit ihr grundlegender Maßstab seiner Sendung. Darin liegt keinerlei Positivismus der Autorität: Die Kirche ist nicht ein Machtsystem; sie ist nicht eine Vereinigung zu religiösen oder sozialen oder moralischen Zwecken, die sich selbst ausdenkt, wie man diese Zwecke am besten erreichen und eventuell auch durch andere ersetzen kann, die zeitgemäßer sind. Sie ist Sakrament. Das bedeutet: Sie gehört nicht sich selbst. Sie tut nicht ihr eigenes Werk, sondern muß Gottes Werk zur Verfügung stehen. Sie ist an den Willen Gottes gebunden. Die Sakramente sind das eigentliche Baugerüst ihres Lebens. Die Mitte der Sakramente aber ist die Eucharistie, in der diese Leibhaftigkeit Jesu Christi uns am unmittelbarsten berührt.

Deswegen hieß Kirchlichkeit für unseren Seligen vor allem: Leben aus der Mitte der Eucharistie. Er hat die Eucharistie in allen ihren Dimensionen geliebt und verkündet: als Anbetung des verborgenen, leibhaftig unter uns gegenwärtigen Herrn; als Geschenk, in dem er sich selbst immer neu an uns austeilt; als Opfer, gemäß dem Wort: Gaben hast du nicht von mir gewollt, aber einen Leib hast du mir bereitet (Hebr 10,5; vgl. Ps 40,6-8). Christus kann sich nur austeilen, weil er sich geopfert hat, weil er den Exodus der Liebe vollzogen und sich hingegeben hat, sich hingibt. Gleichgestaltet mit dem Bild des Sohnes (Röm 8,29) werden wir nur, wenn wir in diesen Exodus der Liebe eintreten, wenn wir Opfer werden: Liebe gibt es nicht ohne das Passiv der Passio, die uns verwandelt und uns öffnet.

Als Josefmaria zweijährig lebensgefährlich erkrankt und von den Ärzten aufgegeben war, beschloß seine Mutter, ihn Maria zu weihen. Unter unsäglichen Mühen hat sie im unwegsamen Land ihr Kind nach dem Marienheiligtum von Torreciudad gebracht und es dort der Mutter des Herrn übergeben, daß sie ihm Mutter werde. So wußte sich Josefmaria Escrivá zeitlebens unter dem Mantel der Muttergottes, die ihm Mutter war. In seinem Arbeitszimmer hing gegenüber der Tür das Bild der Muttergottes von Guadalupe; auf dieses Bild fiel, sooft er sein Zimmer betrat, sein erster Blick. Es war auch sein letzter Blick. In seiner Todesstunde konnte er eben noch das Zimmer betreten, aufschauend zum Bild der Mutter, ehe er vom Tod niedergestreckt wurde. Während er starb, läuteten die Glocken zum Angelus, verkündeten Marias Fiat und die Gnade der Menschwerdung des Sohnes, unseres Erlösers. In diesem Zeichen, das am Anfang seines Lebens stand, ihm immer wieder seine Richtung gab, ist er heimgegangen.

Wir wollen dem Herrn danken für diesen Zeugen des Glaubens unserer Zeit, für diesen unermüdlichen Künder seines Willens, und wir wollen darum beten: Herr, mache auch mich sehend. Laß mich deinen Willen erkennen und tun. Amen.