Everest

Filmkritik von José García
---

Der Mount Everest, benannt nach dem britischen Landvermesser George Everest und mit 8 848 Metern höchster Berggipfel der Welt, wurde am 29. Mai 1953 von Edmund Hillary und Sardar Tenzing Norgay erstmals bestiegen. Bereits in den 1980er Jahren begannen die kommerziellen Everest-Expeditionen: Sherpas tragen die Lasten, Bergführer bringen die zahlungskräftigen Kunden, die bis zu 65 000 Dollar dafür aufbringen, auf den Gipfel. Zu den Bergführern, die im Jahre 1992 mit den kommerziellen Everest-Expeditionen begonnen hatten, zählten auch Rob Hall und Scott Fischer.

---
Filmische Qualität: 3,5 von 5 Punkten
Regie: Baltasar Kormákur
Darsteller: Jason Clarke, Josh Broil, John Hawkes, Jake Gyllenhaal, Emily Watson, Robin Wright, Michael Kelly, Sam Worthington, Keira Knightley
Land, Jahr: USA 2015
Laufzeit: 122 Minuten
Genre: Drama
Publikum: Jugendliche, Erwachsene
Einschränkungen: --
---

Im Mai 1996 führten Hall und Fischer unabhängig voneinander zwei Bergsteigergruppen auf den Gipfel des Mount Everest, als unvermittelt ein Schneesturm aufzog, der zu einer Katastrophe führte. Beim Aufstieg kam es zu Verzögerungen, weil an diesem Tag 34 Bergsteiger verschiedener Expeditionen den Aufstieg versuchten. Niemand hätte die plötzliche Ankunft eines solch heftigen Schneesturmes voraussehen können, nachdem zuvor ideale Wetterbedingungen geherrscht hatten. Fünf Bergsteiger auf der Südseite und drei auf der Nordseite des Berges kamen dabei ums Leben. Es war die bis dahin größte Katastrophe am Mount Everest. Später gab es allerdings zwei weitere Massensterben mit 16 (im Jahre 2004) und 18 Todesopfern (2005 als Folge des Erdbebens vom 25. April).

Das Unglück von 1996 fand große weltweite Medienbeachtung, weil dabei mehrere erfahrene Bergführer ums Leben kamen und weil einige der Überlebenden ihre Erlebnisse veröffentlichten: Jon Krakauer („In eisigen Höhen“), Anatoli Boukreev, Beck Weathers und Lene Gammelgaard. Auf diesen Grundlagen haben die erfahrenen Autoren William Nicholson und Simon Beaufoy das Drehbuch für den Kinofilm „Everest“ verfasst, bei dem der isländische Regisseur Baltasar Kormákur Regie führt. Kormákur war es laut Informationen des Filmverleihs besonders wichtig, dass die Filmemacher „diese acht Menschen, die ihr Leben im Mai an diesem Berg verloren hatten, würdigten und dass sie eine ausgewogene Geschichte erzählten, ohne zu versuchen, eine der Entscheidungen, die damals vor und nach dem Auf- und Abstieg getroffen wurden, zu rechtfertigen oder zu kritisieren.“

Der Spielfilm „Everest“ erzählt insbesondere aus der Sicht zweier Protagonisten, des Bergführers Rob Hall und seines Kunden Beck Weathers. Der erfahrene Bergführer und Leiter der „Adventure Consultants“-Expedition Rob Hall (Jason Clarke) fliegt von Neuseeland nach Nepal. Am Flughafen verabschiedet er sich von seiner schwangeren Frau Jan (Keira Knightley) in der Hoffnung, zur Geburt des Kindes wieder zu Hause zu sein. Begleitet wird Hall unter anderem von Helen Wilton (Emily Watson), die für Versorgung und Koordination der Expedition im Basislager sorgen soll. Am Flughafen von Kathmandu trifft Rob Hall auf zwei Kunden, den Pathologen Beck Weathers (Josh Brolin) und den Postboten Doug Hansen (John Hawkes), der ein Jahr zuvor den Aufstieg abbrechen musste. Weathers ist neben Rob Hall der einzige Expeditionsteilnehmer, dessen Familie der Zuschauer kennenlernt: Im fernen Texas wartet seine besorgte Frau Peach (Robin Wright) auf seine Nachrichten und Telefonate.

Im Basislager, wo die aus drei Bergführern, acht Kunden und vier Sherpas bestehende „Adventure Consultants“-Expedition einen Monat mit unterschiedlichen Bergtouren zur Akklimatisierung verbringt, begegnen sie der „Mountain Madness“-Expedition mit den Führern Scott Fischer (Jack Gyllenhaal) und Anatoli Bukrejew (Ingvar E. Sigurdsson). Fischer wirkt sehr gelassen, später sogar etwas leichtfertig. Er erklärt, am selben Tag wie Rob Hall, dem 10. Mai, den entscheidenden Aufstieg zu wagen.

Gedreht wurde „Everest“ zwar auch in Kathmandu. Die Bergbilder stammen jedoch aus den italienischen Alpen und aus Island. Kameramann Salvatore Totino fängt zwar großartige Bilder am Berg ein. Die Vorstellung, dass es sich dabei um den wirklichen Mount Everest handeln könnte, zerstört aber der Film selbst: In einer Szene, als die Rettungsaktionen in vollem Gange sind, schafft es ein Hubschrauber, erstmals bis zum Hochlager 1 auf 6 000 Meter Höhe hochzusteigen. Das bedeutet wohl einen Weltrekord für Hubschrauberflüge. Denn bis dahin hatten es solche Luftfahrzeuge lediglich bis zum Basislager geschafft, weil oberhalb dieser Höhe die Luft einfach zu dünn für die Drehflügel ist, wie es im Film auch ausdrücklich heißt. Dies stellt zwar einen Höhepunkt in der Dramaturgie von „Everest“ dar, weil dadurch einer der Überlebenden in Sicherheit gebracht werden kann. Es macht jedoch dem Zuschauer bewusst, was er bis dahin geahnt hatte: Weil von den Bergsteigern Luftaufnahmen zu sehen sind, die bei Dreharbeiten für gewöhnlich aus dem Hubschrauber aufgenommen werden, kann unmöglich vor Ort gedreht worden sein.

Dennoch gelingt es dem Regisseur, die Schinderei glaubhaft zu machen, der sich die Bergsteiger unterziehen. Besonders beeindruckend sind die ohrenbetäubenden Geräusche und die Bilder des Schneesturmes. Baltasar Kormákur nimmt eine eher beobachtende Stellung ein, er erzählt fast lakonisch. Dies tut dem Film gut, der dann ohne Pathos und ohne jegliche Heldenverehrung auskommt.

An einer Stelle fragt Journalist und Schriftsteller Jon Krakauer, der im Auftrag einer Zeitschrift an der Expedition teilnimmt, einige seiner Mitstreiter, warum sie sich auf solche Strapazen und Gefahren einlassen. So recht kann keiner darauf antworten. Die Frage stellt der Film dem Zuschauer ebenfalls. „Everest“ vermittelt freilich auch die Anziehungskraft, die ein solcher Berg auf die Menschen ausübt.