Ab in die Ferien: herumhängen oder pauken?

 herumhängen oder pauken?
Die Zeit der Ferien sollte weder durch Herumhängen noch durch Pauken geprägt sein. Das schließt aber keinesfalls aus, reichlich Zeit für schöpferisch-zweckfreies Handeln und intensive Lernzeiten im Zusammenspiel von Familie und Freizeit einzuplanen. Bevor jedoch eine solche Erfahrung Wirklichkeit werden kann, sind einige Aspekte zu berücksichtigen. Werden diese aufgegriffen und in die Realität getragen, dann können 6 Wochen Sommerferien recht entspannt und sinnvoll verwirklicht werden.
von Albert Wunsch
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Da Niemand zu seinem Glück bzw. zur Erfüllung eigener Wünsche getragen oder gar gezwungen werden kann, hat bei einer solchen Urlaubszeit-Planung die Eigenverantwortung im Zentrum zu stehen. Denn wenn sich Eltern als Bespaßer ihrer Kinder betätigen sollten, ob als selbst erwählte Rolle oder vom Nachwuchs so eingefordert, wird dies weder aus der Sicht der Kinder noch aus dem Blickwinkel der handelnden Väter und Mütter erfolgreich werden können. Selbst Profi-Spaßmacher müssen sich oft damit abfinden, dass Ihre Mühe nur mit einem milden Lächeln honoriert wird. Die super-positiv Variante von Söhnen und Töchtern auf elterliche Event-Akrobatik lautet dann meist: ‚Na ja, schlecht war´s ja nicht!’
Daher ist vor Ferienbeginn den Kindern ab ca. 3 Jahren die - je nach Alter leicht zu variierende - Frage zu stellen: „Was stellt ihr euch vor, wie in diesem Jahr die Ferien verlaufen sollen? Macht doch mal einen Plan - jedes Kind für sich - wie du dir/ihr euch die Ferien vorstellt, für euch selbst und als Familie.“ (kleinere Kinder können diese Ideen auch in Bildern zum Ausdruck bringen). Wenn sich der Nachwuchs in der Schule schwer tut, z. B: in einzelnen Fächern unter befriedigend liegt, sollte der Hinweis: „Wie viel Zeit glaubst Du, sollte für diesen Bereich eingeplant werden“, nicht fehlen. Erhält dieser Hinweis nicht die notwendige Beachtung, muss nachgesteuert werden, indem von den Eltern hier entsprechende Vorgaben gemacht werden. Parallel dazu sollten auch die Eltern für sich einen solchen Freizeit-Plan erstellen.
Danach setzen sich alle mit ihren jeweiligen Plänen zusammen und vergleichen. Alle Gemeinsamkeiten werden markiert. Danach werden die für den Einzelnen sehr wichtigen Planungen ebenfalls kenntlich gemacht. Weiterhin werden die Wünsche bzw. Ideen herausgestellt, wo am ehesten Abstriche möglich wären. Hilfreich ist es auch, wenn eine Kennzeichnung nach den Kategorien ‚gutes Wetter’, ‚nicht so tolles Wetter’, ‚auch bei Regen gut umsetzbar’ erfolgt, um in der Situation schneller entscheiden zu können.
Falls Kinder dazu neigen sollten, wenig nützliche oder gar schädliche Dinge für sich einzuplanen – z. B. aus dem Bett nicht rauskommen zu wollen, stundenlang vor TV-Geräten, PC’s Spielkonsolen oder ähnlichem verbringen zu wollen, sind hier Maximal-Zeiten pro Tag aus Sicht der Eltern festzulegen, damit der Nachwuchs sich nicht zu umfangreich von Bewegung, frischer Luft, sozialen Kontakten und neuen Erfahrungen absorbiert und gleichzeitig dem Wachstum von ‚viereckigen Augen’ Vorschub leistet.
Da in der Regel Etliches nur mit einem bestimmten Finanzaufwand zu realisieren ist, wird auch gemeinsam geklärt, welche dieser Vorhaben aus dem Familien-Urlaubsbudget zu realisieren sind und was nur bei einem Einsatz des pro Kind bereitgestellten persönlichen Urlaubsbudgets oder unter Einbeziehung des Taschengeldes verwirklicht werden kann und welche Kombinationen möglich sind. Falls Eltern sich bisher noch nicht für eine Budget-Regelung entschieden haben sollten wird schnell erfahren, wie erleichternd und lehrreich dies für alle Beteiligten ist.
Nun werden die Planungen - unterschieden nach gemeinsam oder einzeln zu realisieren – in einen eigenen Ferien-Ablauf-Plan eingetragen. So wird das nach zwei drei Ferien-Tagen einsetzende Gejammer in den Variationen: „Was soll ich denn heute tun? „Mama, mir ist so langweilig!“ oder „Dazu habe ich heute gar keine Lust?“ maximal minimiert. Aber auch ad hoc Situationen wie: ‚Ich will jetzt mit Max und Erna ins Spaßbad und dazu brauche ich für Eintritt, Getränke, Eis und Snacks 30,- EURO, aber bitte schnell, die anderen warten’ werden so vermieden bzw. können wesentlich entspannter angegangen werden. So lassen sich recht gut unterschiedlichste Freizeit-Gestaltungsideen in einen koordinierten Gesamtplan bringen.
Wenn sich die Eltern vom Grundsatz her auch an die, den Kindern gegebene Aufgabenstellung gehalten haben, vorrangig ihre Feizeitinteressen und Rekreationswünsche aufzulisten, wird kurz vor dem Beschluss des Ferienprogramm-Rahmens von den Eltern der Hinweis eingebracht werden, dass nun nur geregelt werden müsse, wer den während der Zeit, wo alle Familienmitglieder berechtigter Weise Urlaub machen wollen (ob zu Hause oder im Ferien-Domizil), für Einkaufen, Kochen, Tischdienste, das Sauber- und Ordnungshalten der Wohnräume usw. zuständig sei. Auch wenn der Nachwuchs auf diese Frage äußerst irritiert reagieren wird, denn schließlich haben aus Kindersicht Eltern weder Nachtschlaf-, Freizeit oder Urlaubs-Bedürfnisse zu haben, jetzt steht – je nach den altersbedingten Fähigkeiten – Aufgabenmoderation nach dem Muster: ‚Wer macht was, wer könnte was machen’ an. Diese Runde ist erst dann beendet, wenn alle Aufgaben halbwegs gerecht verteilt sind. Jetzt ist noch notwendig zu klären, was den die Söhne und Töchter als Ideen haben, was denn passieren sollte, wenn sie die Regel ‚mal vergessen’ sollten oder sie diese zeitweise außer Kraft zu setzen suchen Auf den Ablenkungsversuch: ‚Das brachen wir nicht zu regeln, dass mache ich schon!’ sollten Eltern keinesfalls reinfallen. Als steht weiter in Kurzfassung im Raum: ‚Was passiert, wenn’s nicht passiert?’ Wenn dem Nachwuchs nichts einfallen sollte, können die Eltern entsprechende Vorschläge zur Konsequenz eines solchen Verhaltens machen. Unabhängig davon sind jederzeit Tauschaktionen unter den Beteiligten möglich. Dann kann in der Kombination von individuellem bzw. familiärem Freizeitprogramm und gemeinsam zu realisierendem Haushaltsprogramm eine abschließende Inkraftsetzung des Ferien-Programms 2008 erfolgen.
Werden solche praktischen Tipps zur Stress-Reduktion von Ferienzeiten genutzt, dann werden sich viele Situationen für gemeinsame neue und schöne Erfahrungen ergeben. Das könnte dann z.B. so funktionieren: Vater und Sohn übernehmen im Wechsel mit Mutter und Tochter wochenweise das Bereiten des Frühstücks. Heute übernimmt der Vater das Mittagessen, der Sohn bereitet den Grill und einen deftigen Salat für den Abend vor; morgen übernehmen Muter und Tochter die Vorbereitungen. Während Vater und Mutter den Liegestuhl pflegen, planen der Sohn mit dem Nachbarjungen die Fahrradtour am nächsten Nachmittag. Vater und Tochter suchen einen Picknick-Platz für den Abend im Wald während Sohn und Mutter gemeinsam die notwendigen Lebensmittel einkaufen. Auch wenn in der Urlaubszeit Sauberkeit und Ordnung nicht den selben Stellenwert wie im Alltag einzunehmen brauchen, auch hier sind die notwendigen Dienste zwischen Bad, Küche, Wohn- und Schlafraum zu organisieren. Denn auch im Urlaub gilt: Was vorab geregelt wird, reduziert die Entstehung von Konflikten gewaltig.
Neben diesem sinnvollen alltagspraktischen Handeln können in solchen ‚Sonder-Zeiten’ Eltern aber auch zu ihren Kindern recht neue Zugänge erschließen, indem sie sich über Träumereien, Zukunftspläne, Sorgen, Unsicherheiten, brachliegende Fähigkeiten, besondere Fertigkeiten, die umfangreichere Realisierung von Hobbys - auch unter finanziellen und zeitlich-organisatorischen Gesichtpunkten - austauschen. Damit sind keine Fragerunden an den Nachwuchs im Sinne: ‚Was ich immer schon einmal von dir wissen sollte’ gemeint, sondern Chancen für einen differenzierten Gedankenaustausch gemeint, in welche Eltern sich ähnlich einbringen wie ihre Kinder. Häufig wird dann ‚als Nebenprodukt’ deutlich, weshalb sich Sohn oder Tochter in der Schule überhaupt oder im Fach X bzw. bei der Lehrkraft Y so schwer tut, weshalb manchmal Mauern zwischen Kindern und Eltern wachsen, in welchen Situationen Konflikte bevorzugt auftreten, besonders in der Zeit der Pubertät, auf welche Weise das Klima in der Familie verbessert werden könnte und welche Sprüche oder Reaktionsmuster der Kinder bzw. von Mama oder Papa wirklich umgehend in den Restmüll gegeben werden sollten. So würden Ferien zur einer (Aus)Zeit, in welcher nicht nur gemeinsam neue Erfahrungen in Natur und Alltag gemacht werden, sondern gleichzeitig das Leben im Miteinader erlernt wird, mit sehr positiven Auswirkungen für alle Beteiligten.
Ja, viele Hoffnungen und manch handfeste Erwartungen - an wen auch immer - werden mit der Urlaubs-Zeit verbunden. Wer für die Umsetzung solcher Erwartungen zuständig ist, durch welche Voraussetzungen sich im Ferien-Alltag ein gutes Miteinander ergeben kann, wird aber häufig ausgeblendet. Abhilfe schafft ein gute Vorabstimmung zu den Rahmenbedingungen, die Klärung von unterschiedlichen Vorstellungen sowie eine Regelung der damit verbundenen Konsequenzen anfallenden Aufgaben. Kommt hier ein gut lebbarer Konsens zwischen allen Beteiligten zustande, lässt sich recht locker in ‚schönste Zeit des Jahres’ starten. Dann wird die Seele von Eltern für einige Zeit ganz entspannt in der Hängematte baumeln, Wünsche und Sehnsüchte fliegen auf den Wolken ins Irgendwo und manche Sorgen können auf den Wellen des nahen Baches aus dem momentanen Blickfeld ins Ur-Meer fließen. Während dessen kann der Nachwuchs jenseits von technischen Freizeitgeräten in neue emotional geprägte Innen- oder Außenwelten vordringen, in Abgrenzung von schulischem Lernen manch unbekannte Galaxien entdecken und erforschen, durch die Wandlung bzw. Überwindung von sattsam bekannter ‚Alltags-Langeweile’ in kreativ-ideenreiche Erfahrungsräume vorstoßen.
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vom selben Autor:
Wunsch, Albert: Die Verwöhnungsfalle - für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit. München, 8. Aufl. 2004
Wunsch, Albert: Kurswechsel. Von der Spaßpädagogik zur Erziehungskompetenz. In: Bischöfliches Generalvikariat Essen (Hrsg.): Katholische Grundschule - christliches Erziehungsbündnis für die Welt von morgen, Essen 2002
Wunsch, Albert: Verwöhnung als Motivations-Killer - Anstöße zur Vitalisierung verschütteter Schüler-Potenziale, in: Smolka, Dieter (Hrsg.): Schülermotivation - Konzepte und Anregungen für die Praxis, Neuwied, zweite Auflage 2004
Wunsch, Albert: Stark fürs Leben, eine Aufsatzsammlung. Erschienen als Band 6 der Schriftenreihe des Thomas Morus Bildungswerkes Schwerin im Erzbistum Hamburg 2003
Wunsch, Albert: Abschied von der Spaßpädagogik - Für einen Kurswechsel in der Erziehung. München, 2. Aufl. 2004
Wunsch, Albert: Neue Herausforderungen für Pädagogik und Familienpolitik. In: ORIENTIERUNGEN - zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Organ der Ludwig-Erhard Stiftung, Heft März 2004, Bonn
Kontakt zum Autor: Albert.Wunsch@gmx.de oder: www.Albert-Wunsch.de
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