Die Vermissten

Die Vermissten
Generationenkonflikte hat es immer schon gegeben. Pubertierende sind schon immer gerne auf Distanz zu den Eltern gegangen. Das Internet-Zeitalter verschärft aber insofern solche Konflikte, als Kinder und Jugendliche virtuelle Räume entdecken, in denen ihre Eltern außen vor bleiben. Nach neuesten Umfragen nutzen inzwischen 96 Prozent der Kinder und Jugendliche Sozialwerke wie Facebook oder SchülerVZ, ohne dass die meisten Eltern wüssten, was ihre Kinder im Internet tun. Das Unverständnis der Elterngeneration gegenüber virtuellen Netzwerken, die zum Hindernis in der Kommunikation zwischen den Generationen werden kann, wird in Jan Speckenbachs nun im Kino anlaufenden Langspielfilmdebüt „Die Vermissten“ ebenso thematisiert wie der demografische Wandel.
Filmische Qualität: 3,5 von 5 Punkten
Regie: Jan Speckenbach
Darsteller: André M. Hennicke, Luzie Ahrens, Sylvana Krappatsch, Jenny Schily, Sandra Borgmann, Christoph Bantzer, Irene Rindje, Ecki Hoffmann
Land, Jahr: Deutschland 2012
Laufzeit: 86 Minuten
Genre: Science Fiction
Publikum: Jugendliche (FSK: ab 12 Jahren), Erwachsene
Einschränkungen: --

Rezension: JOSÉ GARCÍA - www.textezumfilm.de

„Die Vermissten“ erzählt von einem Vater, dessen 14-jährige Tochter von einem Tag auf den anderen verschwindet. Sicherheitsingenieur Lothar (André M. Hennicke) bekommt eines Tages einen Anruf von seiner geschiedenen Frau Sylvia (Jenny Schily), zu der er seit Jahren keinen Kontakt mehr hält: Martha sei einfach verschwunden. Lothar macht sich geradezu obsessiv auf die Suche nach ihr. Als die zwölfjährige Lou (Luzie Ahrens) den Weg des Ingenieurs mehrfach kreuzt, schöpft Lothar einerseits Hoffnung, Martha zu finden. Andererseits stellt er aber fest, dass sie kein Einzelfall ist, sondern das Verschwinden der Kinder zu einem gesellschaftlichen Generationenkonflikt zu werden droht, der in selbsternannten Bürgerwehren und in einer verstärkten Polizeipräsenz seinen Ausdruck findet.
Jan Speckenbachs Zukunftsvision spielt in der Jetztzeit. Davon zeugen zum Beispiel die Autos oder auch andere Geräte wie Handys und Computer. Darin mischen sich aber irritierende Bilder, etwa die immer wieder eingestreuten verwahrlosten Straßen mit Müllhaufen und Bauruinen. „Die Vermissten“ strapaziert allerdings solche Sinnbilder, etwa durch die wiederholt über die Leinwand huschenden Zugvögelschwärme. Zu dieser bemühten Symbolik kommen logische Anschlussfehler im Drehbuch von Jan Speckenbach und seiner Mit-Autorin Melanie Rohde hinzu. Nachdem beispielsweise Lothar von Jugendlichen um sein Portemonnaie erleichtert wurde, kann er einen Döner nicht bezahlen, weshalb er aus der Schnellimbiss-Bude wegrennen muss. Im Anschluss daran quartiert er sich jedoch nicht nur in einem Hotel ein, sondern begleicht auch anstandslos die Rechnung in einem Café. Schwerer als solche Flüchtigkeitsfehler wiegen freilich die überdeutlichen Dialoge, die meistens ohnehin die in den Bildern enthaltenen Informationen verdoppeln und außerdem von einer eindringlichen Spannungsmusik noch unterstrichen werden.
Dennoch gelingen dem Regisseur einige aussagekräftige Szenen, so etwa als sich Lothar von einer Klassenkameradin seiner Tochter Marthas Mitgliedschaft in einer SchülerVZ-Gruppe mit dem Namen „Ratten der Lüfte“ und der geflügelten Ratte als Logo zeigen lässt. Der Erwachsene versteht jedoch nicht, dass die Jugendlichen dadurch die Sage vom Rattenfänger von Hameln geradezu auf den Kopf stellen: Sie selbst entziehen sich der Welt der Erwachsenen. Eltern und Kinder verfügen über keine gemeinsame Sprache, wenn es um die Sozialen Netzwerke geht, so dass die Heranwachsende gerade die Internetnetze für deren „Revolution“ nutzen. Deutlicher wird es allerdings, als Lothar jugendlichen Aussteigern in seinem Auto Schutz vor dem Regen gewährt. Die drastische Lösung der Demografieprobleme: Alle „Überzähligen“ so etwa ab 60 Jahren, die eigenen Eltern eingeschlossen, einfach umbringen.
Die Krassheit dieser Aussage lässt an visuell radikalere Filme denken, etwa an Jörg Lühdorffs Doku-Fiction „2030 – Aufstand der Jungen“, der die Auswirkungen der Überalterung in etwa zwanzig Jahren verdeutlichte. Jörg Lühdorff konzentrierte sich auf die sozialen Folgen der Aufkündigung des Generationspakts, womit die gesellschaftliche Schere so weit auseinandergegangen ist, dass viele Menschen im sozialen Tod den einzigen Ausweg finden, während die Wohlsituierten in eleganten Büro- und Wohnhäusern residieren. Jan Speckenbach wählt einen gewissermaßen schonungsloseren Ansatz. Denn hier verläuft die Grenze nicht mehr zwischen Arm und Reich sondern einfach zwischen Jung und Alt, so dass der vom Film unspektakulär entwickelten Vision etwas Dystopisches anhaftet. Insbesondere in der Ausgrenzung der Kinder, vor allem aber in der Konfrontation mit der Bürgerwehr bricht der Generationenkonflikt denn auch gewaltsam aus.
Trotz seiner Schwächen und der vermeintlich alltäglichen Bilder bietet „Die Vermissten“ eine Parabel über die demografische Entwicklung, die sich nicht minder besorgniserregend ausnimmt als andere thematisch verwandte Filme. Dazu führt Regisseur Jan Speckenbach aus: „Meine Erzählung ist das fiktionale Abbild einer bereits existierenden Wirklichkeit. Was beunruhigend wirken mag, hat damit zu tun, dass die Demografiekurve beunruhigend ist.“

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