Frontalunterricht an der Tafel ist doch nicht so schlecht

von Kevin Donnelly - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Die Chinesen bevorzugen immer noch „chalk and talk“, also „Kreide und Gespräch“ im Unterricht, während westliche Länder dies mehr und mehr zugunsten einer kollaborativen Schülerarbeit aufgegeben haben, bei der die Schüler stärkeren Einfluss auf den Unterrichtsverlauf nehmen.

Sieht man sich jedoch Chinas Erfolge bei internationalen Tests, wie PISA, TIMSS und PIRLS genauer an, scheint es, dass wir irregeleitet wurden, die traditionelle, lehrergeführte Lernmethode aufzugeben, bei der der Lehrer mehr Zeit damit verbringt, vor der Klasse stehend, den Lehrstoff zu vermitteln und die Aktivität im Klassenzimmer zu moderieren.

Frontalunterricht kontra Entdeckungslernen

Debatten über Vor- und Nachteile von Frontalunterricht kontra Entdeckungslernen werden nun schon seit Jahrzehnten geführt. Traditionell waren Klassenzimmer so organisiert, dass die Schüler in Bankreihen saßen, der Lehrer stand vorn vor der Tafel und führte das Unterrichtsgespräch, wobei er gleichzeitig für eine disziplinierte Unterrichtsatmosphäre sorgte. Dies nennt man Frontalunterricht.

Gegen Ende der 1960er Jahre begannen Lehrer neue, innovative und experimentelle Formen des Lernens auszuprobieren. Dazu gehört Wissensvermittlung nach Interessenlage der Schüler, wodurch diese mehr Kontrolle über das Geschehen im Klassenzimmer erhalten und so langweilige Aufgaben, wie das Auswendiglernen von Multiplikationstabellen und Kopfrechenübungen vermieden werden. Dies nennt man investigatives oder Entdeckungslernen.

Auf Basis des Vergleichs der Lehrmethoden in UK und China, sowie einem neuen UK-Report mit dem Titel: Was macht hervorragenden Unterricht aus?, mehren sich die Belege dafür, dass die neuen Lehrmethoden, die den Lehrer zu einer Art Conférencier machen, der, statt zu lehren und die Schüler mit Fragen zu testen, so dass alle sich ernstgenommen und gefordert wissen, in Klassenverbänden, bei denen Kinder das lernen, was sie gerade interessiert, zu Minderleistungen führt. Der UK-Report folgert, dass viele der in Australien angewandten Lehrmethoden einfach widersinnig sind. Forschungsergebnisse lassen jedenfalls keine Begeisterung für Entdeckungslernen zu; sie befürworten durch die Bank Frontalunterricht.

Dies gilt insbesondere für die ersten Grundschuljahre in Fächern wie Englisch und Mathematik, in denen der Lehrer eindeutige Lehrinhalte vermitteln muss, was im Frontalunterricht vor der ganzen Klasse bessere Resultate erbringt.

John Sweller, Lernpsychologe an der University of New South Wales merkt im Final Report of the Review of the Australian National Curriculum folgendes an: Wenn neuer Lehrstoff vermittelt werden soll, muss diese Information klar und direkt erklärt werden. Viele australische Bildungsexperten sind jedoch der Überzeugung, dass Kinder nur dann wirklich lernen können, wenn sie körperlich aktiv sind. So erzählt man den Lehrern, es sei falsch, die Kinder an ihre Schultische zu zwingen und sie zum Zuhören anzuhalten.

Doch zeigen die Erkenntnisse, dass dies nicht stimmt. Der UK-Report weist nach, dass Kinder selbst dann, wenn sie still sitzen und zuhören, den Lehrstoff verinnerlichen. Sie lernen, egal, ob sie sich aktiv oder passiv verhalten.

Oft wird Lehren als „Drill und kill“-Methode, oder „Kinder zu Papageien machen“ verspottet, doch belegen der UK-Report und andere Forschungsergebnisse, dass Memorieren und Auswendiglernen wichtige Unterrichts-Strategien sind, mit denen alle Lehrer vertraut sein müssen.

Der UK-Report legt dar, dass Lehrer dazu ermutigen müssen, Stoff solange zu wiederholen, bis er abrufbar ist und auf wichtige Aussagen, die haften sollen, besonders hinweisen müssen. Der Research in how children best learn kommt zu dem Schluss, dass bestimmte Aufgaben, wie Multiplikationstabellen oder das Rezitieren von Versen, Balladen und Gedichten so lange memoriert werden muss, bis es selbstständig abgerufen werden kann.

Es jedem recht machen zu wollen, ist nutzlos

Eine der fixen Ideen vieler australischer Bildungsexperten und auch wohl die aller englisch-sprechenden Gesellschaften ist, dass alle Kinder unterschiedliche Intelligenz und ihren einzigartigen Lernstil haben. (So lernen angeblich einige Kinder am besten, wenn sie Bilder betrachten, oder wenn sie körperlich aktiv sind, durch „Hands-on“ oder taktiles Lernen oder einfach dann, wenn sie lesen.)

Der UK-Report stellt klar, dass diese Form des Lehrens und Lernens unangebracht ist. Es ist keinerlei Nutzen nachweisbar, wenn man versucht, Schülern Lerninhalte in einer von ihnen präferierten Weise zu präsentieren. Anstatt Zeit, Energie und Mittel aufzuwenden, den Lehrstoff den unterstellten individuellen Bedürfnissen des einzelnen Schülers gemäß zu servieren, ist es effektiver, explizite Lehrmethoden anzuwenden und mehr Zeit auf Festigung und Prüfung des Gelernten zu verwenden.

Überschwängliches Lob nützt niemandem

Einer der hartnäckigsten Vorurteile beim Lehren ist es, dass Schüler ständig gelobt werden müssen und für Kritik kein Raum bleiben darf. Natürlich wird kein Lehrer die Selbstachtung eines Kindes schädigen wollen. Der UK-Report führt aus, dass, wiewohl öffentliches Lob eines Schülers bestätigend und positiv wirkt, falsches Lob den Lerneifer sehr beeinträchtigen kann. Schüler überschwänglich loben, insbesondere die, die wenig Leistung zeigen, ist besonders kontraproduktiv. So gewinnen sie den Eindruck, dass der Lehrer nur geringe Erwartungen an sie stellt, anstatt sie zu fordern und verstärkt so ihren Eindruck, dass gut gemeint auch gut getan ist.

Es gibt nicht nur eine Lehrmethode

Wenn auch hervorzuheben ist, dass einige Lehr- und Lernstrategien uneffektiv sind, bedeutet es nicht, dass es nur eine korrekte Methode gibt. Wohl sind einige Methoden effizienter als andere, doch muss man auch festhalten, dass Lehren eine komplexe Angelegenheit ist und die Lehrer deshalb unterschiedliche Strategien anwenden müssen.

In den ersten Grundschuljahren hilft es Kindern, Multiplikationstabellen, Gedichte und Balladen auswendig zu lernen. Bildung hat aber auch mit Neugier und Wissbegierde zu tun und deshalb ist zu anderen Zeiten Auswendiglernen nicht mehr sinnvoll, z.B. dann, wenn Schüler ein Thema untersuchen, das sie begeistert, oder wenn sie selbst Vorgänge untersuchen und analysieren.

Abhängig vom Lernstoff, von vorherigen oder künftigen Themen, davon ob Schüler mit einem bestimmten Thema bereits vertraut sind oder zum ersten Mal damit konfrontiert werden und auch von der Tageszeit wird der Lehrer sein Unterrichtsgespräch der Situation gemäß flexibel anpassen. Probleme können eigentlich nur dann entstehen, wenn Lehrer und ihre Ausbilder nur eine Methode zum Nachteil aller anderen gelten lassen.

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Dr. Kevin Donnelly ist Senior Research Fellow in der School of Education an der Australian Catholic University. Er wurde vor kurzem vom Commonwealth Government beauftragt, das Australian national curriculum zu bewerten. Dieser Artikel wurde zuerst auf The Conversation veröffentlicht. Zum Originalbeitrag geht es hier. Photocredit: Shutterstock