Als Schüler ein Jahr in Gaztelueta (Bilbao, Spanien)

Als Schüler ein Jahr in Gaztelueta (Bilbao, Spanien)
Im Sommer 2008 wollte ich gerne ins spanische Ausland gehen. Ein Bekannter meiner Familie, der Spanier ist, sagte mir, dass er mir helfen könne, etwas zu finden; so würden die Kosten auch nicht zu hoch sein. Er selber war auf der Colegio Gaztelueta gewesen und empfahl sie mir sehr. So ging ich also nach Bilbao und an diese Schule für ein Jahr. Nach diesem einem Jahr entschied ich mich, nicht wieder nach Deutschland zurückzukommen, sondern mein Abitur dort zu machen, weil ich vergeblich nach einer gleichwertigen Schule in Deutschland gesucht hatte.
von Paul von Kessel
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Erste Eindrücke

Nun bin ich also schon zwei Jahre an der Schule und möchte hier mal beschreiben, was mich letztendlich dazu gebracht hat, dort zu bleiben und nicht wieder zurückzukehren.

Als ich am ersten Schultag in die Schule kam, wurde ich von all meinen Mitschülern und auch von den Lehrern sehr offen begrüßt und ich fühlte mich sofort wohl in der Schule. Ich dachte zuerst, dass das nur am Anfang so sein würde, aber es kam nie dazu, dass ich mich ungerecht behandelt fühlte und generell kam unter den Schülern auch nie Mobbing auf.
In Gaztelueta waren wir nur Jungen, insgesamt etwa 900, aufgeteilt in Primaria (vergleichbar mit Grundschule), Secundaria (Sekundarstufe) und Bachillerato (Oberstufe). Zu Beginn war ich mir nicht sicher, ob ich es gut finden würde, nur mit Jungs in der Schule zu sein. Aber heute bin ich mir da sehr sicher. Es ist viel einfacher zu lernen, wenn du als Junge nicht von Mädchen in der Klasse umgeben bist, weil die Atmosphäre entspannter ist und der Umgang zwischen Jungen anders ist, wenn keine Mädchen in der Nähe sind. Das hört sich jetzt an, als würde man dann keine Mädchen mehr zu Gesicht bekommen, doch man kann sie auch häufig genug in der Freizeit treffen.
Sehr schnell merkte ich in Gaztelueta, dass einmal das Verhältnis zwischen den Schülern ein sehr ehrliches und offenes war, aber auch zwischen Lehrern und Schülern. Die Lehrer waren im gleichen Moment Respektpersonen, aber auch einfach Menschen, mit denen man über die neusten Fußballstände oder Wertvorstellungen und sonstige Dinge des Lebens reden kann. Das war eine Erfahrung, die ich bis dahin noch nie gemacht hatte. Das kann daran gelegen haben, dass die Lehrer an einer nicht öffentlichen Schule nicht nur Interesse an ihrem Gehalt haben, sondern es ihnen auch Spaß macht, zu unterrichten und mit jungen Leuten zu arbeiten, und dass die Schüler ihnen als Personen wichtig sind.

Unter den vielen Lehrern, mit denen man “quatschen“ kann, spielt der “Preceptor“ eine besondere Rolle. Er ist ein Lehrer, mit dem du über alles sprechen kannst, was dich bedrückt oder interessiert. Dies können schulische oder persönliche Probleme sein, aber auch einfach ein Interessenaustausch über Hobbys oder andere Dinge. Dieser Preceptor ist jedoch nicht wie ein an vielen Schulen ein gewählter Vertrauenslehrer, sondern jeder Schüler hat seinen eigenen Preceptor, mit dem er etwa alle zwei Wochen spricht. Der Preceptor hilft dir auch dabei, wie du deine Zeit am besten aufteilen kannst, um gut zu lernen. Letztendlich ist der Preceptor dann also nicht nur einer der einem hilft, sondern auch einer der einfach ein guter Freund ist und einem oft einen guten Rat geben kann.
Generell habe ich gemerkt, dass das Niveau an der Schule sehr hoch ist, was sicher auch daran liegt, dass jeder Schüler individuell durch den Preceptor unterstützt wird. So erschien Gaztelueta vor kurzem auf Platz neun eines Rankings von allen Schulen Spaniens.
Lernen und der Club

Viele meiner Freunde gehen nachmittags zum Club Negubide. Das ist eine Einrichtung, die vom Opus Dei betreut wird. Unter der Woche gehen wir dorthin, um besser lernen zu können. Dort können wir uns untereinander mal die eine oder andere Sache erklären, aber wir haben auch einen geregelten Zeitplan und immer eine bestimmte Zeit nach der Schule, wo wir noch mal lernen und Hausaufgaben machen. Wenn man sich unseren gesamten Jahrgang anschaut, sieht man, dass fast alle von den zehn Schülern, die wir am Ende dieses Schuljahres für gute Leistungen ausgezeichnet wurden, nach Negubide gehen, um dort zu lernen. Doch Negubide ist nicht nur fürs Lernen gedacht, es soll einem auch die Möglichkeit gegeben werden, den eigenen Glauben zu vertiefen, was wir wöchentlich durch Anregungen und im Gespräch mit einem vom Club tun, der uns dabei hilft. Auch haben wir immer die Möglichkeit mit einem Priester zu sprechen, der einem die eine oder andere Sache noch mal genauer erklären kann.

Am Wochenende finden dann unterschiedliche Aktivitäten in Negubide statt. Freitags haben wir fast immer Hallenfußball gespielt und daraus auch ein Turnier gemacht, was über das ganze Schuljahr hinweg andauerte. Am Samstag haben wir nachmittags zuerst Meditación (Betrachtung) und Bendición (Segen). Danach sind die Pläne dann von Woche zu Woche unterschiedlich. Mal spielen wir Fußball, mal organisieren wir ein Paddel-Turnier (dem Tennis ähnlich, aber mit 4 Spielern), oder Paintball oder gehen zur Kartbahn. Abends gibt es dann noch Abendbrot und manchmal noch einen Film, Sketche oder irgendwelche Brettspiele.
Wenn mal ein verlängertes Wochenende ansteht, dann verbringen wir dieses auch mal im Haus von einem Freund oder in den Ferien nehmen wir auch an Fußballturnieren gegen andere Clubs teil. Das sind die Momente, die man dann ewig in Erinnerung behält und eigentlich nie missen will.

Insgesamt kann ich nur sagen, dass ich in Spanien das gefunden habe, was ich nur schwer beschreiben kann, aber was mir gleichzeitig auch immer fehlte. Einen Ort, wo ich Vertrauen in die Menschen haben kann und wo ich auch der sein kann, der ich bin. Dieser Ort ist Negubide für mich geworden und ohne Gaztelueta hätte ich nie zu ihm gefunden. Ich hoffe, dass dies auch in naher Zukunft in Deutschland möglich ist, obwohl ich wahrscheinlich nicht mehr davon profitieren werde. Solche Schulen sind für Deutschland sehr wichtig, weil sie nicht nur viel Wert auf die Bildung, sondern auch auf die Persönlichkeit jedes einzelnen legen.
Ich antworte auch sehr gerne auf Fragen, die mir gestellt werden.
Paul (18 Jahre)

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