Leere Truhen – Ende einer Geisterdebatte?

Leere Truhen – Ende einer Geisterdebatte?
Die Beweislast ist erdrückend, der Tatbestand bekannt, das voraussichtliche Strafmaß gerecht: «Rein in die bildungspolitische Mottenkiste!» Lebenslänglich? Auf der Anklagebank sitzen keine gewöhnlichen Täter, sondern ein paar verstaubte Kisten. Inhalt: Ideologien, ausgediente Weltanschauungen – Gespenster. Tatmotiv unbekannt.
Unübersehbar: deutliche Leistungsvorteile der Gymnasiasten aus Bundesländern mit vierjähriger Grundschule
Bekannt dagegen sind die Opfer: unsere Kinder. Spätestens nach den jüngsten wissenschaftlichen Untersuchungen, die durch zahlreiche, bereits vorliegende Ergebnisse gestützt werden, können sich die Verfechter einer längeren Grundschulzeit oder eines Gesamtschulsystems nicht mehr auf das Kindeswohl bzw. Bildungsgerechtigkeit berufen. Eine vor fünf Jahren von der Politik in Auftrag gegebene Studie präsentiert mit niederschmetternder Klarheit eine beinahe erdrückende Beweislast im Hinblick auf die Negativeffekte einer längeren gemeinsamen Schulzeit.
Nach dem Vergleich von fast 5000 Grundschülern und Gymnasiasten aus vier- und sechsjährigen Grundschulen nennt der für die Studie verantwortliche Bildungsforscher in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT unter anderem folgendes Ergebnis: «Bei gleicher Ausgangslage lernen Schüler an Gymnasien weitaus mehr als an Grundschulen.»
Längere gemeinsame Schulzeit verstärkt soziale Disparität und bremst Lernentwicklung aller Kinder
Selbst lernschwächere Schüler würden vom offenbar anspruchsvolleren Lernklima an Gymnasien profitieren. Dabei sind die weitaus schlechteren Ergebnisse in der sechsjährigen Grundschule nur zum Teil eine Folge der besseren fachdidaktischen Ausbildung der Gymnasiallehrer für die Klassen fünf und sechs. Eine Verlängerung der Grundschulzeit von vier auf sechs Jahren schadet allen Schülern, unabhängig von sozialer Herkunft, Bildungs- und Migrationshintergrund.
Auch die Behauptung, mit einer längeren Grundschulzeit oder mit Gesamtschulen ließen sich soziale Disparitäten abbauen, scheint widerlegt. Die Studie erbringt den Nachweis, dass der statistische Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg eher verstärkt wird. Der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbandes forderte nach den nun vorliegenden Untersuchungen Konsequenzen für die Bildungspolitik in Deutschland: Die nachgewiesenen gravierenden Lern- und Wettbewerbsnachteile für junge Menschen, das Versagen der Gesamtschulen beim Ausgleich sozialer Disparitäten wie bei der sozialen Integration müssten zum Ende der Bestrebungen führen, in Deutschland Gesamtschulmodelle zu Lasten des gegliederten Schulwesens einzuführen.
Der Dreiklang des Fortschritts: Förderung, Leistungsorientierung, Lehrerbildung
Nach Auffassung vieler Experten sind die Wege zu einer besseren schulischen Ausbildung längst bekannt. Stichwortkette: Konsequente Sprachförderung für Benachteiligte schon im Vorschulbereich – klare Leistungsorientierung – eine an höchsten Ansprüchen orientierte Lehrerbildung für alle Schularten – verbesserte personelle und materielle Rahmenbedingungen.
«Wir plädieren für einen qualitätsorientierten Ausbau des differenzierten mehrgliedrigen Schulsystems, für eine begabungs- und leistungsgerechte Förderung aller Kinder ohne Unterschied auf ihre soziale Herkunft», erklärt der Landesvorsitzende des Philologenverbandes Baden-Württemberg. «Es muss endlich Schluss sein mit unnötigen Schulstrukturdebatten.» Schluss? Ende einer Geisterdebatte? Das Urteil scheint eindeutig. Das Prozessende wahrscheinlich. Warten wir auf die Vollstreckung des Urteils.
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