Geschwisterkämpfe

von Mary Cooney - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Machen Ihre Kids Sie in den Sommer-ferien auch immer verrückt? Sie wissen schon, was ich meine. Auseinander-setzungen, Geschrei und Geschwätz. Sind Sie es auch müde, immer Streits zu schlichten, die Argumente der Kinder abzuwägen, von denen jedes der Meinung ist, es habe Recht und das andere Unrecht?

Es gibt leider keine schnelle und einfache Lösung für das Gezänk von Geschwistern, das so oft stattfindet. Es gibt dagegen keine Medizin, ebenso wenig wie gegen Schnupfen. Aber es gibt ein paar Methoden, Schärfe und Häufigkeit solcher Auseinandersetzungen zu begrenzen.

So ist der erste Schritt zur Lösung des Problems der, Muster im Verhalten der Kinder aufzuspüren, die helfen, die Ursachen von Spannungen zwischen den Geschwistern zu ergründen. Jede Familie ist anders, deshalb möchte ich mich vor Verallgemeinerungen hüten. Hier möchte ich einfach darlegen, was ich bei meiner eigenen Brut festgestellt habe:

Muster 1: Es scheint eine stärkere Rivalität zwischen Geschwistern zu geben, die sich altersmäßig am nächsten sind. Prinzesschen (Nr. 5) und Superstar (Nr. 2) streiten nie. Aber Prinzesschen und Schlitzohr verbindet eine Hassliebe, die sich in hemmungslosem Gelächter oder Tränen entladen kann. Schlitzohr (Nr. 4) streitet sich auch oft mit Quirl (Nr. 3). Der Grund? Geschwister, die sich altersmäßig nahe sind, spielen häufiger gemeinsam und streiten sich deshalb auch öfter. Hinzu kommt, dass manche Kinder eine schwere Zeit durchstehen müssen und sich entthront vorkommen, wenn in die Familie ein weiteres Kind geboren wird. Es kann Jahre dauern, bis das Kind darüber wegkommt.

Muster 2: Jüngere Kinder lieben es, ihre älteren Geschwister zu ärgern, aber schreien Zeter und Mordio, wenn das Ältere Revanche auch nur andeutet. Wenn Schlitzohr sie ärgert, drehen Superstar und Quirl durch. Dann setzt es Ohrfeigen und Prügel für den Jüngeren. Der Grund: Jüngere Geschwister wollen bei den Größeren mitspielen, doch können sie noch nicht mithalten und müssen deshalb ihre Frustration dadurch ausdrücken, dass sie das Spiel der Großen durcheinanderbringen oder es unterbrechen. Häufig provozieren die Kleinen auch die Großen, um Beachtung zu finden, was Schlitzohr immer wieder versucht.

Muster 3: Andererseits versuchen die Großen auch manchmal die Kleinen zu dominieren und sie gelegentlich zu Handlungen zu verleiten. Superstar und Quirl stiften häufig Schlitzohr an, Dinge zu „besorgen“, für die sie zuvor eigentlich um Erlaubnis fragen müssten. Dann streiten sie sich, wer eigentlich der Schuldige ist:

Mutter: Wer hat die Plätzchendose geholt?
Quirl: (mit steinernem Blick) Ich war’s nicht.
Mutter: Schlitzohr, warst Du es?
Schlitzohr: Ja, aber Quirl sagte mir, ich solle sie holen!

Meine Erklärung: Ältere Geschwister haben natürlich mehr Erfahrung und einen besseren Überblick, was sie gern zu ihrem Vorteil nutzen. Wenn Eltern ihnen eine gewisse Autorität den Jüngeren gegenüber zugestehen, gewöhnen sie sich daran, diese auszuüben, werden sie aber manchmal auch missbrauchen. Jüngere Geschwister hassen das.

Muster 4: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ war ein beliebtes Sprichwort meiner Mutter, als ich ein Kind war. Meine Kinder haben selten Langeweile. Wenn einmal doch, so führt das fast immer zu Streit. Meine Interpretation: Wenn Kinder mit sich nichts anzufangen wissen, schikanieren sie häufig andere und stören ihr Spiel.

Muster 5: Je mehr Spielzeug meine Kinder haben, umso mehr streiten sie sich darum. Das gilt umso mehr, je jünger sie sind, weil ihnen noch der Respekt vor der Sphäre ihrer Geschwister und deren „Besitztümern“ fehlt. Prinzesschen denkt sicher manchmal: Was ich habe, habe ich. Und was Du hast, will ich auch haben. Meine Folgerung: Kids sind zunächst einmal selbstsüchtig. Sie müssen erst lernen, dass sie nicht das Zentrum des Universums sind.

Wenn man die Ursachen für Spannungen unter Geschwistern erkannt hat, kann man versuchen, sie zu beheben. Ich habe keine einfachen Lösungen anzubieten, aber ein paar Empfehlungen.

Muster 1 - Ist die Rivalität unter Kindern das Hauptproblem, sollte man Wege finden die Konkurrenz unter ihnen zu vermindern. Zwar sollten alle Kinder lernen, mit Anstand zu verlieren, doch verstärken Spiele, die zu Konkurrenz anstacheln, Probleme dieser Art. Empfehlen Sie Spiele, die Kooperation der Mitspieler erfordern. Es gibt darüber eine Menge Hinweise im Netz oder in guten Fachgeschäften.

Ein anderer Weg, den Konkurrenzkampf zu reduzieren ist der, die Kinder zu ermutigen, eigenen Hobbys nachzugehen, die ihnen das Gefühl vermitteln, in manchen Dingen speziell und einzigartig zu sein. Quirl spielt Hockey, Superstar Baseball. Es stört Superstar als guten Spieler nicht, dass Quirl schneller auf seinen Schlittschuhen ist als er, denn er wirft und schlägt den Ball immerhin besser als sein kleiner Bruder.

Kids kämpfen häufig gegeneinander um Zeit und Aufmerksamkeit der Eltern. Ich merke dies, wenn Schlitzohr und Prinzesschen mich gleichzeitig bedrängen, um etwas bei mir zu erreichen. Wenn dies zu oft geschieht, sagt mir meine Intuition, dass sie mehr individuelle Streicheleinheiten nötig haben. Während des Schuljahres, wo sie ohnehin mehr persönliche Betreuung durch mich erfahren, wetteifern sie seltener um meine Zuwendung.

Muster 2 und 3 - Wenn sich Spannungen zwischen aufdringlichen oder herrsch-süchtigen Geschwistern aufbauen, ist proaktives Handeln gefragt. Greifen Sie ein, bevor der Krach ausgebrochen ist, denn dann sind Ihre Kinder richtig wütend und Sie selbst enttäuscht. Sprechen Sie bei passender Gelegenheit mit Ihren Kindern, wie sie einander behandeln sollten, also mit Respekt und Geduld. Wecken Sie Verständnis dafür, dass Brüder und Schwestern die besten Freunde im Leben sein sollten, dass sie einander Geschenke Gottes sind und dass sie viel mehr Spaß miteinander haben, wenn sie sich verstehen. Hier müssen natürlich Worte und Taten Hand in Hand gehen. Wenn Schlitzohr Quirl ärgert, zieht er sich nicht nur den Zorn seines Bruders zu, sondern muss auch eine Weile allein in seinem Zimmer verbringen. Wenn Quirl, als älterer Bruder, Schlitzohr schikaniert, oder ihn zu etwas anstiftet, verliert er Privilegien.

Andererseits ist es unfair, von den Älteren zu erwarten, Vollzeit-Babysitter sein zu sollen, oder immer auch die Jüngeren bei ihren Spielen mitspielen lassen. Natürlich sollten die Älteren womöglich die Kleineren mitspielen lassen, doch mit Maßen. Den Jüngeren sollten altersgemäße Spiele geboten werden, so dass sie nicht frustriert sind und den Größeren nicht auf die Nerven gehen.

Muster 4 - Wenn es einem meiner Kids langweilig ist und Streit mit einem Geschwister in der Luft liegt, motiviere ich es, mir Gesellschaft bei der Hausarbeit zu leisten. Es ist eine großartige Gelegenheit, mit dem Kind zu plaudern, was es auch meist sehr genießt. Eine weitere Möglichkeit ist, einen Zettel aus dem „Arbeitsglas“ ziehen zu lassen. Auf solchen Zetteln sind kleine Aufgaben notiert, die zu erledigen sind, bevor eigene Aktivitäten gewählt werden können. Auch hierzu findet man viele Anregungen auf den einschlägigen Webseiten.

Muster 5 - Was die Auseinandersetzungen über Spielzeug betrifft, so sollten Kinder lernen zu teilen, sich abzuwechseln und andere um Erlaubnis bitten, mit ihren Sachen zu spielen. Das ist nicht leicht, doch Taten sind oft überzeugender als Worte. Wenn Kinder dauernd über ein Spielzeug streiten, zieht man es aus dem Verkehr und sagt: „Ihr könnt es wiederbekommen, wenn ihr bereit seid, Euch darein zu teilen oder Euch einigt, wer es haben darf.“

Manchmal herrscht Unklarheit, wem ein Spielzeug gehört und ob jemand gefragt werden muss, damit spielen zu dürfen. In unserem Hause gilt die Regel, dass Spielzeug, das älter als ein Jahr ist und von seinem Besitzer nicht in seinem Spielzeugregal aufbewahrt wird, der ganzen Familie gehört und niemand gefragt werden muss, bevor man damit spielt.

Ich bin überzeugt, dass die meisten Kinder in den westlichen Ländern und natürlich auch meine eigenen, viel zu viel Spielzeug besitzen. Oft ermutige ich sie deshalb, besonders ältere Spielsachen zu verschenken, um ihnen Verzicht und Großzügigkeit näher zu bringen. Je weniger Spielzeug es im Hause gibt, umso weniger kann darüber gestritten werden.

Schließlich möchte ich noch ein paar allgemeine Anregungen geben, die den Hausfrieden befördern können.

Der Spruch, zwei sind eine Firma und drei eine Menschenmenge, trifft auf Kinder ganz besonders zu. Meine Kinder spielen besser zu Zweit und sie tun das meist ohne großes Nachdenken, selbst wenn alle im selben Raum spielen. Wenn es dann einmal zum Streit kommt, reicht es oft aus, die Paare zu ändern, um Frieden wieder herzustellen.

Der alltägliche Umgang mit unreifen Menschen (sprich Kids) ermüdet, keine Frage. Deshalb schicke ich nach dem Mittagessen in den Sommerferien jedes Kind auf sein Zimmer für eine ruhige Lesestunde. So haben wir alle eine Ruhepause voneinander. Diese Unterbrechung liebe ich ganz besonders!

Humor ist auch ein gutes Mittel, wenn die Kinder streiten. Wenn die Jungs anfangen, sich zu prügeln, lässt mein Mann sie oft mit erhobenen Händen an der Wand Aufstellung nehmen. Jedes Kind bekommt dann Gelegenheit, die Brüder nacheinander durchzukitzeln. Humor ist eine tolle Möglichkeit, ihnen zu vermitteln: Schaut, weshalb ihr euch prügelt, ist wirklich keine wichtige Angelegenheit. Lacht darüber und geht wieder spielen.

Wenn Sie der Meinung sind, dass Ihre Kids nichts anderes tun, als streiten, sind Sie nicht allein. Hier in der Casa Cooney passiert das allemal. Oft kann ich nicht einmal ausmachen, ob das Geschrei Lachen, Weinen oder falsche Empörung signalisiert.

Doch gibt es Hoffnung. Als Kind stritt ich mich täglich mit meinen Geschwistern. Meiner Tante gegenüber prahlte ich einmal damit, mich mit meiner Schwester an einem Tag nur ein Dutzend Mal gestritten zu haben (meine arme Mutter). Heute verstehe ich mich mit meinen Geschwistern blendend. Wenn ich meine Kinder betrachte, stelle ich fest, dass sie, je älter sie werden, immer weniger zanken. Superstar und seine große Schwester Big Sis haben sich immer wie Hund und Katze gefetzt. Heute rempeln sie nur noch ganz selten aneinander und sogar Superstar und Quirl kabbeln sich nur noch gelegentlich.

Halten Sie durch. Es gibt Licht am Ende des Tunnels. Es ist sogar etwas Gutes an den Geschwisterkämpfen, doch darüber werde ich später einmal schreiben.

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Mary Cooney beschult ihre 5 Kinder zu Hause. Sie war Pianistin und lebt in Maryland. Sie bloggt auf Mercy for Marthas, wo dieser Artikel zuerst publiziert wurde.