Gegenstrategie Gesellschaftsspiel!

Gegenstrategie Gesellschaftsspiel!
Die bisweilen negative Wirkung der Massenmedien auf das Verhalten vor allem junger Menschen ist ebenso evident wie umfassend. Je schlechter die Bildung von Jugendlichen ist, je weniger Zukunftsaussichten für sie verfügbar sind, aber auch je weniger Anregungen aus Familie oder Schule kommen, desto mehr neigen sie dazu, sich durch Medienkonsum, vor allem durch Fixierung auf Unterhaltungssendungen, von ihren Problemen abzulenken und sich in der gegebenen Situation festzufahren.
von Markus Rüther
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Filme und sonstige Sendungen dienen dann nicht mehr zur Bereicherung der Wirklichkeit, sondern ersetzen sie. Der synthetische Inhalt der Fiktion als ein Leben aus zweiter Hand siegt über die Echtheit einer Lebenswelt, deren Ideal für diese Kinder unerreichbar ist, da die defizitäre Alltagsstruktur einen Großteil der auf Zukunft und Gegenwart gerichteten Hoffnungen und Versprechungen in eine utopische Zone verweist, so dass alles Lebendige, Wünsche und Ziele, ja selbst das Machbare in Ermangelung einer Anbindung an das Hier und Jetzt nur noch in der Fiktion einlösbar ist. Die Wahl (Fiktion als Lebensersatz) der von dieser Misere betroffenen Kinder ist also nicht nur verständlich, sondern im Grunde konsequent und logisch, und es ist dieser trostlose Zustand, in den ein Teil der Fernseh- und Werbewelt hineinspringt, um sich von ihm zu ernähren.
Enteignung der Phantasie
Dieser Kultur der «Enteignung der Phantasie» (Harald Bienek) müssen Eltern und Pädagogen etwas entgegensetzen. Schon seit Jahrzehnten befürchten Medienpädagogen, dass sich die Massenkommunikation aus einem Instrument der Freiheit in eines der Unfreiheit (Dieter Baacke) verwandeln kann; die Stichwortkette bildet einen Text für sich: Phantasieverlust – Übernahme von Klischees und Stereotypen – Förderung der Aggressivität – Störungen der Sprachentwicklung – Lesehemmungen und Konzentrationsschwierigkeiten – Ausbildung von irreführenden, unrealistischen Vorstellungen – unzureichende Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenswelt – Übernahme und Imitation bestimmter Lebensentwürfe, die Macht und Kompetenz ausstrahlen, aber den Verhaltenserwartungen in Schule und Beruf nicht entsprechen – Vermischung von Realerfahrung und medialer Vermittlung, was zu verzerrten Wirklichkeitsbildern führt und zu einem stetigen Anwachsen der Wissenskluft.
Die Totalität der Medienwelt
In letzter Zeit wird gerne betont, dass mit der Vermittlung von Medienkompetenz, oft als Schlüsselqualifikation unseres Jahrhunderts bezeichnet, sämtliche Gefahren gebannt werden können. Doch so wichtig die Förderung von Medienkompetenz auch ist, selbst wenn unsere Kinder die Absichten der Werbeindustrie durchschauen, wenn sie wissen, was Subtexte sind und wie Filme gelesen werden, indem sie Verborgenes reflektieren und auf Unbewusstes zugreifen, ja selbst wenn sie einst dem Internet mit jener gesunden Distanz gegenüberstehen wie frühere Generationen der Zeitungswelt – eine Tatsache bleibt davon unberührt: Die Totalität der Medienwelt wird stets das Zentrum bilden, um das ihr Alltag kreist. Die Durchdringung von Freizeit, Internet, Computer, Schule und Beruf hat inzwischen ein Ausmaß erreicht, dass für Viele ein Netz ohne Welt denkbarer erscheint als eine Welt ohne Netz. Nicht wir sind es, die den Medien gegenüber treten, es sind die Medien, die uns suchen. Und finden. Überall. Jederzeit.
Mut zum Rückschritt
Doch es gibt nach wie vor einen Ort, an dem es uns möglich ist, gegenzusteuern und eine andere Lebenskultur in Echtzeit zu etablieren: Dieser Ort ist die Familie. Immer weniger Menschen werden sich in Zukunft daran erinnern, dass es Zeiten gab, wo die Mitglieder einer Familie nicht vor dem Fernseher saßen, sondern am Kartentisch. Und unsere Kinder? Jedes Jahr kommen viele interessante Spiele auf den Markt, die im Familienverbund gespielt werden können. Und es gibt Klassiker, die immer überleben werden, nicht nur «Mühle» und «Mensch ärgere Dich nicht» – oder «Monopoly». Das Schöne an Gesellschaftsspielen ist ja nicht der unterhaltsame Wert allein, der Spaß oder das gemeinsame Erlebnis, Gesellschaftsspiele – sagt es nicht schon der Name?! – bilden über das spielerische Zusammensein eine sanfte Folie, auf der Konversation auf eine andere, ungewohnt lässige, unbeschwerte und unbekümmerte Weise ermöglicht wird. Spielende unterhalten sich im Zuge der dem Spiel geschuldeten Aktivitäten mitunter über Dinge, über die man sonst nie sprechen würde. Wir wissen es. Zeigen wir unseren Kindern, was wir von unseren Großeltern gelernt haben! Wir müssen ja nicht gleich den Strom abschalten, um bei Kerzenschein zusammen zu sitzen. Ein- oder zwei Spielabende in der Woche bilden noch keine Revolution. Schaffen wir uns Zonen des Rückzugs, Zonen der Harmonie und Ruhe, Zonen der Menschlichkeit, indem wir wieder lernen, unser Leben selber zu leben. Zumindest nach Feierabend.
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An dieser Stelle möchten wir – die Redaktion von erziehungstrends – in regelmäßiger Folge Gesellschaftsspiele vorstellen: neue, die noch nicht jeder kennt, und alte, die manche vergessen haben...
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