Goethe!

Goethe!
Als vor gut fünf Jahren das öffentlich-rechtliche Fernsehen des 200. Todestags Friedrich Schillers (1759–1805) mit dem Fernsehfilm „Schiller“ gedachte, führte zu dessen Inszenierung die bekannte Produzentin Uschi Reich aus: „Schreibende Menschen darzustellen, gilt im Film, dessen Wesen die Aktion ist, als langweilig“, weshalb eher das Leben des Dichters, insbesondere dessen Sturm-und-Drang-Phase ins Szene gesetzt wurde.
Filmische Qualität: 4 von 5 Punkten
Regie: Philipp Stölzl
Darsteller: Alexander Fehling, Miriam Stein, Moritz Bleibtreu, Volker Bruch, Burghart Klaußner, Henry Hübchen, Hans-Michael Rehberg, Vitus Wieser
Land, Jahr: Deutschland 2010
Laufzeit: 99 Minuten
Genre: Filmbiografie
Publikum: Jugendliche, Erwachsene
Einschränkungen: Szenen mit klar erotisierender Absicht

Rezension: JOSÉ GARCÍA - www.textezumfilm.de

Einen ähnlichen Weg ist der 1967 geborene Regisseur Philipp Stölzl mit seinen Drehbuch-Mitautoren Christoph Müller und Alexander Dydyna gegangen, um in 99 Minuten einem heutigen Kinopublikum Johann Wolfgang von Goethe nahezubringen: Nicht etwa der sich emsig produzierende Dichter oder der gesetzte Weimarer Finanzminister steht im Mittelpunkt des Spielfilms „Goethe!“, sondern der ungestüme, gegen die Konventionen rebellierende junge Praktikant beim Reichskammergericht in Wetzlar, der seine Erfahrungen schließlich in „Die Leiden des jungen Werther“, seinem ersten Verkaufserfolg, verarbeitet.
Wir schreiben das Jahr 1772. Obwohl die Musik und das Schriftbild des Vorspanns auf einen biederen Kostümfilm hinzuweisen scheinen, konterkarieren dies bereits die erstes Szenen, in denen ein legerer Johann Goethe (Alexander Fehling) für schmalzige Gedichte nur Spott übrig hat und bei der Doktorprüfung an der Straßburger Universität versagt. Die Juristerei interessiert den jungen Mann nicht im Geringsten. Denn mit Haut und Haaren hat er sich der Literatur verschrieben – endlich schickt er sein erstes Drama „Götz von Berlichingen“ an einen Verleger in Leipzig. Wütend über die Flausen im Kopf seines 22-jährigen Sohnes dreht Goethes Vater (Henry Hübchen) den Geldhahn zu. Er verschafft dem Sohn eine Stellung als Referendar am Reichskammergericht im Provinzstädtchen Wetzlar – ein Angebot, das Johann Goethe nicht ablehnen kann, zumal der Leipziger Verleger eine Drucklegung des „Götz“ unmissverständlich abweist.
In Wetzlar soll er vom Gerichtsrat Kestner (Moritz Bleibtreu) auf die rechte Bahn gebracht werden. Dort freundet sich Goethe mit seinem Kollegen Jerusalem (Volker Bruch) an, der später wegen einer unerfüllten Liebe Selbstmord begehen – und damit das Vorbild für den „jungen Werther“ liefern wird. In Wetzlar lernt Goethe die junge „Lotte“ (Miriam Stein), Charlotte Buff, kennen, mit der er „den ganzen Abend“ tanzt. Anderntags besuchen Jerusalem und Goethe Lotte in dem Hof, wo sie mit ihren Vater und Geschwistern wohnt. Stölzl rekonstruiert mit viel Detailliebe die Szene, die Goethe selbst beschrieb: „Welch eine Wonne das für meine Seele ist, sie in dem Kreise der lieben, muntern Kinder, ihrer acht Geschwister, zu sehen!“ Lotte und Johann verlieben sich ineinander, müssen aber ihre Liebe aufgeben, als Kestner um Lottes Hand anhält. Nicht zuletzt wegen der finanziellen Not ihres Vaters (Burghart Klaußner) willigt sie in die Verlobung ein. Goethe ist am Boden zerstört. Regisseur Stölzl lässt den jungen Referendar nach einem versuchten Duell mit Kestner im Gefängnis landen, wo er seine Erlebnisse fieberhaft niederschreibt. Den Briefroman nennt er „Die Leiden des jungen Werther“.
Das Produktionsdesign überzeugt durch die Liebe zum Detail etwa der Kostüme und durch den Aufwand, der bei der mit dem Computer nachgeholfenen Rekonstruktion der Bauten im ausgehenden 18. Jahrhundert betrieben wurde. In der Sprache findet der Film einen Mittelweg, der altertümliche Konstruktionen mit moderner Diktion zu einem gelungenen Gesamteindruck verknüpft. Schauspielerisch ist „Goethe!“ bis in die Nebenrollen bestens besetzt. Alexander Fehling gibt den lebensfrohen Sturm-und-Drang-Dichter mit viel Energie. Vor allem stimmt die Chemie zwischen ihm und Miriam Stein in ihrer ersten Kinorolle. Sie darf als die große Entdeckung des deutschen Kinojahres gelten.
Eine zentrale Frage bleibt: Wie verhalten sich in „Goethe!“ Authentisches und Fiktion zueinander? Dass der Film etwa spätere Zitate verwendet, gehört zur künstlerischen Freiheit eines Filmschaffenden, die zur Charakterisierung seiner Hauptfigur beiträgt. Nicht anders sah es übrigens auch Thomas Mann bezüglich seines Romans „Lotte in Weimar“ (1939). Schwerer wiegt es jedoch, wenn bestimmte Abweichungen den Kern der Erzählung betreffen. Für die Filmdramaturgie mag es vorteilhafter sein, dass Goethe Charlotte Buff vor deren Verlobung kennenlernt. Dass ihre Liebe auch sexuelle Intimität einschließen müsse, ist darüber hinaus dem heutigen Zeitgeist verpflichtet, der sich eine „platonische Liebe“ wohl kaum vorzustellen vermag. Diese verändern jedoch die innere Wahrhaftigkeit der Beziehung zwischen Johann Goethe und Charlotte Buff. Wahrheit oder Dichtung – die Frage stellte sich wohl schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Die Leiden des jungen Werthers“ 1774. Im Film beantwortet sie Lotte mit den Worten: „Es ist mehr als Wahrheit. Es ist Dichtung“.

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