Vertreibung aus dem Rest-Paradies? Heirat und Ehe in den Medien 1968 und 2010

Vertreibung aus dem Rest-Paradies? Heirat und Ehe in den Medien 1968 und 2010
„Ein Rest aus dem Paradies“ – so hieß 1968 ein „SPIEGEL-Report über Heiraten in Deutschland“. In einer „Epoche schock- und popfroher Jugend“ drängten damals mehr Paare als je“ mit Frack und Claque, in Samt und Seide - vor Standesbeamte und Traualtare“. Nur fünf Prozent der erwachsenen Deutschen blieben damals ledig – dies obwohl Intellektuelle wie die Anthropologin Margaret Mead „Opas Ehe“ schon damals für tot erklärt hatten und Beziehungsratgeber wie Walther von Hollander sogar behaupteten, dass die traditionelle Ehe „widernatürlich“ sei. Bereits in den 1930er Jahren hatte Aldous Huxley eine utopische Zukunft entworfen, in der es keine Heirat mehr gab und sich nur noch Historiker daran erinnerten, was mit „Gattin“ und „Ehe“ einmal gemeint war.
von Stefan Fuchs
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Im Jahr 1968 war diese „schöne, neue Welt“ weiter entfernt denn je: Nur vier Prozent der deutschen Männer und zwei Prozent der Frauen hielten die Ehe damals für überholt. "Glücklich verheiratet sein, ein gutes Familienleben führen" nannten dagegen 70 Prozent der deutschen Jugendlichen in Umfragen als erstrebenswertes Lebensziel. Der Pädagoge Kurt Seelmann konstatierte: "Die Eheberater und die Wissenschaftler stellen die Ehe in Frage, die Leute nicht". Futuristische Soziologen orakelten von einem „Zurücktreten familistischer Prinzipien in einer Fülle von Sozialverbänden" – doch die Frauen wollten diese Zukunft (noch) nicht. Ihnen war der „Ehemann unterm Dach lieber als die Freiheit im Verband“ – was sich am deutlichsten am chronischen Frauenmangel in roten Studenten-Kommunen zeigte.
Irritiert fragte sich der SPIEGEL, warum sich die Männer „im Zeitalter der freien Sex- und Wechsellust, der Waschsalons und Fertiggerichte schon in jüngsten Jahren eine Dame für Dauer ins Heim setzen, die ihnen dann den zweiten Schnaps am Abend verbietet“. Herzensratgeber Walther von Hollander gab darauf die Antwort: „Sie haben das Gefühl, die guten Frauen sind sonst ausverkauft". Tatsächlich musste sich damals beeilen, wer eine „gute Partie“ machen wollte: Das Durchschnittsalter bei der ersten Eheschließung war seit 1950 von 28,1 auf 26 Jahre bei den Männern und von 25,4 auf 23,6 Jahren bei den Frauen gesunken. In den 1960er stieg die Zahl der Studentenehen und selbst minderjährige Brautleute waren keine Seltenheit. Verwundert beobachtete der SPIEGEL, dass „dieselben Teens und Twens, die eine Jugend lang die kühle Masche übten“ sich bei der Hochzeit „in reine Romeos und Julias“ verwandelten. Der „Schritt unter den Trauhimmel“ bot – so die Interpretation des SPIEGEL- Autors – „die wahrscheinlich einzige Gelegenheit, aus der als seelenlos verrufenen Umwelt“ […] für einen strahlenden Moment herauszutreten und sich als Person bewundern und glorifizieren zu lassen“.
Tempi passati: „Die Deutschen verlieren die Lust am Heiraten“ titelt die WELT am SONNTAG Ostern 2010. Jetzt im Frühling beginne zwar wieder die Hochzeitssaison. Doch für immer mehr Deutsche stellte sich die Frage nach Altar und/oder Standesamt, Treueschwur, Brautkleid, Eheringen und Hochzeitsgästen gar nicht – „weder jetzt noch irgendwann“. Berechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zeigten, dass „unter den Jüngeren jede dritte Frau und sogar knapp 40% der Männer niemals den Bund der Ehe eingehen werden“. In Ostdeutschland gingen schon heute 41% der Männer keine Ehe mehr ein, während um 1980 nur zwölf Prozent unverheiratet blieben – „ein historisch beispielloser Anstieg“. In Westdeutschland stehe der Prozess noch am Anfang – doch auch hier sei „die traditionelle Ehe auf dem Rückzug“.
Dagegen werde besonders in den Metropolen „das Single-Dasein zur Norm“: „Mittlerweile lebt in 39,5 Prozent der Haushalte ein Alleinstehender. In Deutschlands Single-Hauptstadt Berlin liegt die Quote gar bei 54 Prozent“. Neben den Singles seien „neue Lebensformen auf dem Vormarsch: Ein-Eltern-Familien, nicht eheliche Lebensgemeinschaften und lockere Beziehungen, bei denen die Partner keine gemeinsame Wohnung haben. […] „Living Apart Together“, getrenntes Zusammenleben nennt der Psychologe Jens B. Asendorpf von der Berliner Humboldt-Universität diese Partnerschaften, in denen knapp zehn Prozent der Bevölkerung leben.“ LAT-Partnerschaft, das höre sich nach „Latte machiato, Freiheit und Moderne“ an. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir propagierten diese Beziehungsform als „optimalen Kompromiss zwischen Selbstverwirklichung und Nähe“.
Doch die Wirklichkeit stelle sich meist profaner dar: „Überzeugte LATs sind selten“ wird Asendorpf zitiert. Nur eine Minderheit finde diese Art der Beziehung optimal. Vor allem in den jüngeren Jahren sei diese Form der Beziehung in aller Regel ein Übergangsphänomen, das früher oder später mit dem Zusammenziehen oder der Trennung ende: Fast die Hälfte der LATS werde innerhalb von sechs Jahren gelöst: „Damit ist die Trennungsrate etwas doppelt so hoch wie bei nicht ehelichen Lebensgemeinschaften, die wiederum instabiler als Ehen sind“. Instabilität – so ein zentrale Erkenntnis sei „das Wesensmerkmal der alternativen Beziehungen“.
Kulturrevolution und spätmoderne Beziehungswelten – neuer Blick auf die Ehe?

Die Zerbrechlichkeit moderner Beziehungen ist keine deutsche Besonderheit: In allen westlichen Industriegesellschaften sind nicht-eheliche Beziehungsformen trennungsanfälliger als „traditionelle“ Ehen. In den meisten nicht-westlichen Gesellschaften ist das unverheiratete Zusammenleben bisher (noch) relativ selten. Doch auch in den neuen Industrieländern Ostasiens wandeln sich die Lebensformen – soziale Konventionen verlieren an Geltung und Scheidungen nehmen zu. Der postmoderne Lebensformenwandel ist – wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen – weltweit zu beobachten: Bevölkerungswissenschaftler bezeichnen ihn als „Zweiten Demographischen Übergang“ („Second Demographic transition“).
Diesen „Übergang“ analysiert auch der marxistische Gelehrte Eric Hobsbawm in seinem Standardwerk „Das Zeitalter der Extreme – Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts“: „Der vielversprechendste Zugang zu dieser kulturellen Revolution führt über die Familie und den Haushalt, also über die Beziehungsstrukturen zwischen den Geschlechtern und Generationen. In den meisten Gesellschaften hatten sich diese Strukturen auf eindrucksvolle Weise gegen plötzliche Veränderungen immun gezeigt, aber das heißt nicht, dass sie statisch geblieben wären. […] Wie immer Umfang und Komplexität des verwandtschaftlichen Netzes und der jeweiligen Rechte und Pflichten innerhalb dieses Netzwerks ausgesehen haben mögen, so war im allgemeinen selbst dann ein Nukleus (Ehepaar plus Kinder) vorhanden, wenn die Zahl der Mitbewohner oder die zugehörige Gruppe und deren Haushalt sehr viel größer waren. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sich diese grundlegenden und lang währenden Arrangements mit rasender Geschwindigkeit zu ändern begonnen, und zwar am dramatischsten in den „entwickelten“ westlichen Ländern […]. In England und Wales […] war im Jahr 1938 eine Ehescheidung auf achtundfünfzig Eheschließungen gekommen [...]; Mitte der achtziger Jahre wurde aber bereits jede zweite Ehe [...] geschieden […]. Am schnellsten hatte sich dieser Trend in den freizügigen 60er Jahren entwickelt. Ende der siebziger Jahre gab es über zehn Scheidungen von tausend Ehen in England und Wales, fünfmal mehr als im Jahr 1961 […]. In Belgien, Frankreich und den Niederlanden hat sich die Scheidungsrate […] zwischen 1970 und 1985 ungefähr verdreifacht. Und selbst in den Staaten mit einer emanzipatorischen Tradition in diesen Dingen, wie Dänemark und Norwegen, haben sich die Scheidungsraten im gleichen Zeitraum nahezu verdoppelt. […] Auch die Anzahl alleinstehender Menschen […] begann sich drastisch zu erhöhen. […] Umgekehrt fand sich die klassische westliche Kernfamilie – das Ehepaar mit Kindern also – auf dem Rückzug. In den USA ging der Anteil dieser Familien in nur zwanzig Jahren (1960-1980) von 44 Prozent aller Haushalte auf 29 Prozent zurück; in Schweden […] fiel der Anteil von 37 auf 25 Prozent. Sogar in den Ländern, in denen die Kernfamilie 1960 noch immer die Hälfte oder über die Hälfte aller Haushalte gebildet hatte (Kanada, Bundesrepublik Deutschland, Niederlande, Großbritannien), war sie deutlich in die Minderheit geraten. […] Diese Krise der Familie ging Hand in Hand mit ziemlich dramatischen Veränderungen bei den allgemein herrschenden Standards hinsichtlich des Sexualverhaltens, der Partnerschaft und des Kinderwunschs.“ Die „eigentliche Bedeutung“ dieser neuen Verhaltensweisen und Lebensformen sieht Hobsbawm darin, dass sie „implizit oder explizit die etablierte, historische Ordnung der menschlichen Beziehungen zurückwiesen, die durch soziale Konventionen und Verbote in der Gesellschaft ausgedrückt, sanktioniert und symbolisiert worden war“.
Im Zentrum dieser „historischen Ordnung“ stand die auf Ehe gegründete Familie. Noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war diese – so Hobsbawm – „ein integraler Bestandteil des Kapitalismus, weil sie ihn ebenso mit einer ganzen Anzahl solcher Voraussetzungen versorgen konnte wie dem „Hang zur Arbeit“, der Angewohnheit, gehorsam und loyal zu sein, […] Verhaltensweisen, die nicht so einfach in eine rationale Theorie der freien und auf Maximierung basierenden Wahl eingepasst werden können“. Im Verlauf seiner Expansion rationalisiert der Kapitalismus – wie der Ökonom Joseph A. Schumpeter es beschrieb – „Verhalten und Ideen und verjagt dadurch aus unseren Köpfen, zugleich mit dem metaphysischen Glauben, mystische und romantische Ideen von vielerlei Art“. […] Freies Denken" im Sinn des materialistischen Monismus, Laizismus und pragmatischer Akzeptierung der diesseitigen Welt folgt daraus zwar nicht mit logischer Notwendigkeit, aber immerhin sehr natürlich. [...] Während der kapitalistische Prozess vermöge der von ihm selbst erzeugten psychischen Haltung die Werte des Familienlebens immer mehr zum Verblassen bringt und die Gewissenshemmungen beseitigt, die eine alte moralische Tradition dem Streben nach einer anderen Lebensform in den Weg gelegt hat, fördert er gleichzeitig die neuen Gelüste“.
Ganz im Sinne dieser scharfsichtigen Analyse ging die „flutartige Ausbreitung von Wohlstand über die Bewohner aller bevorzugten Regionen der Welt“ (Hobsbawm) seit den 1950er Jahren mit einem grundlegenden Wertewandel einher: Eltern, Erzieher, Armee, Kirche und Staat verloren an Autorität – zugunsten der Selbstbestimmung des „autonomen“ Individuums. Die hergebrachten Normen des Geschlechts- und Familienlebens erschienen nun als „heuchlerisch“ und „widernatürlich“, Experimentierfreude im Beziehungsleben dagegen als „emanzipatorisch“. Diese Bewusstseinsrevolution ist von Soziologen (R. Inglehart, H. Klages) abstrakt als Wandel von Pflicht- und Akzeptanz- zu Selbstentfaltungswerten erforscht und je nach Standpunkt als Fortschritt begrüßt oder als „Werteverfall“ (Noelle-Neumann) kritisiert worden. Welche konkreten Folgen diese neue „Individualitätsmoral“ (Hobsbawm) für Ehe hatten schildert Susanne Leinemann in der WELT am SONNTAG: „Als ich in den 70er aufwuchs, kamen Scheidungen gerade richtig in Mode. Nicht schien damals schlimmer, als eine unglückliche Ehe hinter einer perfekten Fassade zu leben. Oft wurden wir Kinder vorgeschoben, um die Scheidung zu begründen: „Sie sollen nicht in einer Lüge aufwachsen“.
Ein Lob der Fassade – damit wäre man damals auf jeder Cocktailparty niedergeschrien worden. Damals – so bemerkt sie kritisch – seien noch viele Ehen unter dem Druck einer ungewollten Schwangerschaft und sozialer Konventionen zustande gekommen. Diese Zeiten seien aber längst vorbei: „Noch nie gingen Frauen und Männer so freiwillig den Bund fürs Leben ein wie heute. Wir haben unser Ehe-Schicksal selbst gewählt, keine Umstände haben uns dazu gezwungen. Finanzielle Abhängigkeiten nehmen immer mehr ab, viele Paare lernen sich auf Augenhöhe bei der Arbeit kennen.“ Nicht mehr der Wunsch nach materieller, sondern der nach emotionaler Sicherheit bewege zur Heirat. Auch solche modernen Ehen benötigten jedoch „ihre Fassade, die das Paar auch in Krisenzeiten schützt“. Fassaden seien ein Schutzwall, um zur Ruhe kommen und Lösungen für die unvermeidlichen Alltagsprobleme finden zu können, „ohne unter Dauerbeobachtung und Dauerkommentierung unserer Umgebung zu stehen“. Die Institution Ehe als Hort der Intimität – eine (un)zeitgemäße Einsicht angesichts der Brüchigkeit „spätmoderner Beziehungswelten“.
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