Homo ludens

Homo ludens
Ich bin – man mag es mir nachsehen oder auch nicht – grundsätzlich der Ansicht, dass Kinder liebevolle Eltern, nette Erzieher, die zudem klug sind, kluge Lehrer, die zudem nett sind, viel Bewegung an der frischen Luft, reichhaltige Nahrung (auch geistige) und ein paar richtig gute Freunde brauchen, um das haben zu können, was man gemeinhin eine glückliche Kindheit nennt. Doch damit stehe ich ziemlich alleine da. Man ist nämlich in Teilen meines sozialen Umfelds der Ansicht, dass ein Kind, wenn es denn der näheren Verwandtschaft zuzurechnen ist, außerdem eine Spielkonsole braucht.
von Josef Bordat
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Nur so könne es lernen, wie man einen Basketballclub zugrunde richtet („NBA-Manager 2012“), wie sich die Anatomie des menschlichen Körpers darstellt („SuperStripPoker“) und wie man die westliche Welt vom Terror befreit („KillingKaida 4.0“). – „Ja, und? Ich meine, was hat…“ – „Geh und kauf das Spiel!“ Manchmal klingt Schwiegermutter sehr entschieden.
Auch wenn ich trotz allem nicht ganz davon überzeugt bin, dass die genannten Erfahrungen wirklich zum obligatorischen Teil des Curriculums Siebenjähriger gehören, mache ich mich auf den Weg in ein einschlägiges Etablissement, in dem derlei Dinge feilgeboten werden. Ich lerne dank eines etwa 18jährigen Verkäufers die wesentlichen Differentiationskriterien der Spielebranche: Blut spritzt – Blut spritzt nicht, Blut ist rot („So wie in echt, halt.“) – Blut ist grün („Für ab 6 Jahre.“). – „Vielleicht haben Sie auch Spiele mit… ich meine, mit nicht ganz so vielen… Straftatbeständen pro Sekunde?“ – „Zeuge Jehovas?“ – Da ich den Verkäufer nicht verwirren möchte, bejahe ich kurzerhand und werde in einen kleinen Nebenraum verbracht.
Dort führt er mir einige sehr interessante „Sondereditionen“ vor, die, wie er meint, allerdings schon etwas älter sein könnten. „Werden nicht so gern genommen, außer von…“ – „Leuten wie mir?“ Der junge Mann grinst schief und lässt mich allein, dezent einen Vorhang zuziehend („Muss ja nicht jeder sehen, dass Sie… also…“ – „Nein, nein! Muss wirklich nicht jeder… Vielen Dank!“). Ich wühle mich durch das Angebot und finde ein Spiel namens „BadPolitics3“. Hier geht es darum, dass man – also: die Figur, die man durch die Szenerie lenkt – möglichst hochrangige Mandatsträger beleidigt, dabei jedoch ganz ruhig im eigenen Fernsehsessel sitzen bleibt und sich nur erhebt, um ein frisches Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Es gibt mehrere Schwierigkeitsstufen, bis hin zum Landtagsabgeordneten mit 16-Stunden-Tag, den man für die volle Punktzahl mit „Faules Schwein!“ titulieren muss. Früh übt sich! Andererseits: Vielleicht doch zu kompliziert? Er ist ja gerade erst sieben!
Da gibt es ja noch „InfoTel666“, bei dem man – also: die Figur, die… Sie wissen schon! – wildfremde Leute anrufen muss, um ihnen zu sagen, dass ihr Internet-Anschluss zu langsam sei, sie in der Lotterie gewonnen haben oder unbedingt eine Private Krankenversicherung bräuchten. Für die Anrufe bekommt man Punkte, mit denen man wieder neue Nummern kaufen kann, bei einer kleinen Hexe, die in der Krone eines Baumes haust, dessen lateinischer Name etwa so viel bedeutet wie „Wir werden Ihre Daten nicht weitergeben“. Ganz witzig gemacht. Gute Graphik. – Oder auch: „CashWoman 2000“. Man (also: „CashWoman“) sitzt an der Kasse und kassiert. Das kann man auch zu zweit spielen, dann nimmt der Andere den „Controlator“, der CashWoman mit dem Kassenbon angreift und z.B. behauptet, die Tomaten seien doch im Angebot. Dann muss man als CashWoman schnell reagieren und Controlator zeigen, dass die 50% extra abgezogen wurden („Hier unten steht’s!“). Wenn Controlator dann sagt: „Joghurts hatte ich aber nur fünf, nicht sechs!“, muss CashWoman wieder schnell reagieren und den Filialleiter herbeiklingeln. Das ist Wahnsinn! Da gibt es irre viele Möglichkeiten! Mit und ohne Stornoschlüssel. Und dann gibt es noch die CD mit Special Effects („Sie können auch zu mir rüber kommen!“). Und dann kann man das Spiel auch noch upgraden mit „Pfandautomat3000“, wo CashWoman zwischendurch immer wieder die Plastiksäcke austauschen muss („Kleinen Moment! Ich komm’ gleich!“).
Ich entscheide mich am Ende aber für das ultimative Spiel schlechthin: „Kommunalverwalter 6.0“! Man muss sich über 12 Level von Amt zu Amt hocharbeiten und aufpassen, dass man dabei nicht zuviel Energie verliert. Mit echt realistischer Graphik! Man erkennt sogar die Kaffeeflecken auf der Akte! – „Das muss ich haben!“
Gesagt, gekauft. Verpackt, verschickt.
Wie es denn sei, wollte ich kürzlich von meinem Neffen wissen. Es sei „super“! Drei Bauanträge für Garagenerweiterungen habe es schon mit Hinweis auf die nicht eingehaltenen Abstände zum öffentlichen Straßengrund abgelehnt. Außerdem gehe noch heute ein Bußgeldbescheid wegen fortgesetzter Zustandsstörung an eine Gaststätte mit Ausschankbetrieb raus, deren Pächter sich weigere, die nötigen Hygienevorschriften gemäß Gemeindesatzung (in der Anlage beigefügt) einzuhalten. Im Moment sei es total spannend: Die Hälfte der Kollegen sei krank und die andere Hälfte auf Fortbildung. Alles bliebe zur Zeit an ihm hängen. Einige „Bürger“ hätten ihn auch schon beschimpft („Faules Schwein!“), aber dafür gebe es ja die Schnellfeuerpistole, die Frau Kauler-Meierhoff aus der Abteilung „Grünflächen“ in ihrem Schreibtisch… – „Was?“ – „Es spritzt Blut! Grünes Blut! Danke, Onkel!“
Na, wer sagt’s denn: Der Junge ist zufrieden. Ich bin zufrieden (Was soll’s: Es ist ja grün!). Frau Kauler-Meierhoff ist zufrieden. Schiller ist zufrieden. Und Schwiegermutter auch.
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