Im eigenen Cyber-Silo fühlt man sich am wohlsten

In einem kürzlich veröffentlichten Kommentar zu meinem EU-BlogActiv fand ich mich in eine heftige Auseinandersetzung hineingezogen, da jemand es völlig unvorstellbar fand, dass irgendein Mensch auf der ganzen Welt die Ansichten des „Risk-Mongers“, (Risiko-Krämer) also meine eigenen, je teilen könne. Die Person ging sogar so weit zu behaupten, ich hätte zustimmende Kommentare selbst verfasst und verlangte, dass ich die IP-Adressen der Kommentatoren vorlegen solle, um zu beweisen, dass sie nicht erfunden waren. Es ging ihr jedoch nicht darum, sich mit den Ideen auseinanderzusetzen, die wohl nicht in ihre Gedankenwelt passten.

von David Zaruk - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Bild: Wikimedia Commons
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Gefangen in der Gleichgesinnten-Welt
Das ist nichts Ungewöhnliches. Wir werden immer unfähiger zu akzeptieren, dass andere Menschen anderer Meinung als wir selbst sind, wofür ich den wachsenden Einfluss sozialer Medien verantwortlich mache, die Vorurteile regelrecht verstärken können.
Die sozialen Netze (Facebook, Twitter, YouTube, Tumblr, Blogs …) tun ihr Bestes, uns Nutzer in Silos zu packen, wo wir uns mit Gleichgesinnten wohlfühlen und von allen Realitäten, die uns nicht interessieren, tunlichst verschont wissen. Wir schauen eben nicht mehr abends die „Tagesschau“ oder ähnliche Nachrichten, die in gewisser Weise die Diskussionsthemen für die Gesellschaft liefern. Wir hören dann auch immer seltener Meinungen von Menschen, die anders denken als wir selbst. Wenn ich z. B. der Überzeugung bin, dass die ganze Klimadiskussion ein Schwindel ist und ich nur Expertenmeinungen und Webseiten lese, die dieses Vorurteil bestätigen, bin ich leicht zu überzeugen, dass die Debatte eine einzige, große Verschwörung ist. Dies gilt natürlich ebenso für Bewegungen gegen genetisch modifizierte Lebensmittel, Vegane-Websites, Anti-Lobby-Gruppen und viele andere.
Wie Nassim Nicholas Taleb in seinem Buch Black Swan hervorhob, steht uns ein Übermaß an Information zur Verfügung, aus denen wir nur die Daten selektieren, die unsere bereits vorgefasste Meinung bestätigen; den Rest lassen wir unbeachtet. Dies ist keinesfalls ein Akt dummer, manipulierter Menschen. Die meisten von uns, ob Klimawissenschaftler, Industrie-Manager, Umwelt-Aktivisten oder Politiker neigen dazu, es angenehm zu finden, sich von wohlmeinenden Menschen in den eigenen Auffassungen bestätigt zu sehen. Man nennt dies Vorurteilsverstärkung. Soziale Netze unterstützen die eigene Einseitigkeit und Voreingenommenheit so, dass sie einem selbst natürlich und unbedeutend vorkommen.
Die verschiedenen sozialen Plattformen erlauben uns, Rückmeldungen zu Dingen oder Personen zu geben -wie „like“, „follow“ „bookmark“ oder „zu Favoriten machen“- die in unsere Komfortzone passen, unsere Ideen teilen und uns in unseren Vorurteilen bestärken. Wir sind zu Redakteuren unserer eigenen sozialen Geschichten geworden und, indem wir uns mit Gleichgesinnten umgeben, sind wir immer intoleranter gegenüber denen geworden, die anders denken als wir selbst. Indem wir uns also freiwillig in den sozialen Silos einnisten, ob mit Neo-Konservativen, Liberalen, Gruftis, Marathonläufern, Umweltaktivisten, Pro-Life-Aktivisten oder Tierschützern… wir reduzieren unsere Sicht auf die Welt, unser Blick verengt sich und verliert immer mehr die notwendige Objektivität.
Unterschied: Objektivität – Wahrheit
Dies steht im Gegensatz zu Kants dualer Definition von Objektivität. Immanuel Kant begriff zwei Prinzipien von Objektivität - das Wahre, als Faktum in absolutem Sinne (in der Tradition der Platonischen Form) und das Objektive, also das, was nicht subjektiv ist. Wenn ich an etwas denke (z.B. dass meine Frau schön ist), ist dies meine subjektive Meinung. Wenn eine Anzahl von Personen mir zustimmt, wird die Meinung objektiv, in dem Sinne, dass sie nun von mehr als nur einer Person getragen wird. Diese Form von Objektivität macht eine Aussage allerdings nicht in einem absoluten Sinne wahr. Das Problem, bezogen auf soziale Netzwerke ist, dass viele der Auffassung sind, ihre Zustimmung zu einer Meinung objektiviere diese im absoluten Sinne.
Wenn ich eine Meinung in einem Blog äußere, der 20, 50… 300 Leute zustimmen, fühle ich mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass der Gedanke (absolut) wahr ist. Wenn ich einen Gedanken zu einem Thema formuliere, der grenzwertig, intolerant oder verletzend ist, jedoch von einem anderen zitiert und von wieder anderen „geliked“ oder „geshared“ wird, etabliert sich dieser Gedanke zum Allgemeingut und wird kritiklos (jedenfalls in meinem Cyber-Silo) hingenommen. Und je mehr Menschen dem zustimmen, desto plausibler (objektiver) klingt die Meinung.
Manipulationsgefahr durch soziale Netzwerke
Ich sprach mit vielen meiner Studenten, die an der globalen Demonstration gegen MONSANTO teilgenommen hatten. Sie hatten sich in Silos versammelt, in denen die „Meinung“ als „Wahrheit“ gehandelt wurde, dass genetisch modifizierte Nahrungsmittel grundsätzlich gefährlich seien(ohne dies weiter zu hinterfragen oder zu diskutieren), dass MONSANTO eine schlimme Firma sei, die beabsichtige, Menschheit und Umwelt zu vergiften und dass, wenn nur genügend Leute auf die Straßen gingen, zu erreichen sei, dass dieses Unternehmen (das, soweit mir bekannt, keine Gesetze gebrochen hat), dicht gemacht wird.
Diese Studenten hatten nur Filme, wie „Monsantoland“ oder „Saat des Todes“ gesehen, rhetorische Fragen gestellt und Weltuntergangsszenarien ausgetauscht. Sie „retweeten“ oder teilen alle möglichen Informationen unklaren Ursprungs, zitieren aus Studien, deren Meinung sie unbesehen teilen und können sich nicht vorstellen, dass es jemand geben könne, der Biotech-Unternehmen oder Hersteller genetisch veränderter Lebensmittel verteidigen würde. In ihrer laut hinausposaunten Nächstenliebe geben sie kund, die Menschheit retten zu wollen, indem sie Monsanto von der Erde vertilgen. Anderen, die nicht im selben Silo stecken, werden die Ideen, eine Firma zu schließen, weil eine bestimmte Gruppe nicht akzeptiert, was dort produziert wird, absurd vorkommen, doch im eigenen Silo macht die Überzeugung Sinn und dieser wird immer neu bekräftigt. Die Silos kollidieren selten miteinander, weshalb eine ausgewogene Politik kaum durchzusetzen ist, da immer weniger Menschen zu Konsensprozessen bereit sind.
Besonders attraktiv ist natürlich die Leichtigkeit, mit der Informationen sich geradezu wie Viren, in sozialen Netzwerken verbreiten. Als „Sum of Us“ eine Petition gegen Hersteller genetisch veränderter Lebensmittel mit einer getürkten Story, (man kann auch sagen, einer glatten Lüge) startete, nach der Monsanto den Nobelpreis für Agrikultur, (den es nicht gibt) zuerkannt bekommen habe, wurde dies unreflektiert umgehend millionenfach geteilt, retweeted und gebloggt. Die Kampagne erreichte ihren Höhepunkt zur rechten Zeit, um noch mehr Demonstranten zum globalen Marsch auf Monsanto zu mobilisieren.
Selbst ohne greifbare Fakten können soziale Netzwerke maßlose Empörung generieren und Millionen gewaltbereiter Freiwilliger mobilisieren. Doch wer übernimmt eigentlich Verantwortung für irreführende, ungenaue und politisch motivierte Kampagnen, die nur Vertrauen zerstören? Für die, denen es nur um Aufsehen geht, sind soziale Netze der geeignete Tummelplatz. Wenn man noch ein wenig nachhelfen möchte, sind die militanten „Rent a Virus“ - Söldner von Avaaz mit Millionen Unterstützern gern zur Stelle. (2,5 Mio. „Experten“ unterschrieben an einem Wochenende eine Kampagne zum Schutz der Bienen gegen den Gebrauch von Neonicotinoid, einem Pestizid). Industrie, Regierung und Wissenschaft können von solcher Unterstützung durch soziale Macht nur träumen.
Damit sind wir wieder bei den vom „Risk-Monger“ oft so benannten „Gemeinsamkeiten“ - dem künstlich fabrizierten Gefühl von Übereinkunft. Mit diesen Gemeinsamkeiten geben wir uns den Anschein, alle irgendwie in einer Sache übereinzustimmen. (Genfood ist Gift, Multis haben böse Absichten, bestimmte synthetische Chemikalien rufen Krankheiten hervor, unserer Regierung kann man nicht trauen…) und diese Slogans werden gebetsmühlenartig wiederholt mit der Aufforderung, dringend zu handeln, um die Situation zu ändern, ohne weiter diskutieren, untersuchen oder analysieren zu müssen. Die Werkzeuge der sozialen Netzwerke sind ideal geeignet, den Eindruck zu erwecken, dass alle einig sind. Der Rest der Welt muss nicht notwendigerweise einverstanden sein, da er sich nicht derselben Informationsquellen bedient, was eine gute Sache ist, denn wir brauchen substanzielle, kontroverse Debatten aber keinen Faschismus.
Wie Smartphones, von denen wir den Zugang zur ganzen Welt des Wissens in der Handfläche erwarten, (die wir aber auch häufig nur verwenden, um lustige Katzenbilder zu teilen) waren die sozialen Netze mit der Absicht gestartet, uns eine Welt besserer sozialer Interaktion zu eröffnen. Es zeigt sich jedoch, dass sie unseren Blickwinkel und damit unser Denken einengen.
Viele Menschen denken anders,als der „Risk-Monger“, und das ist gut so und ich verwende einige Zeit darauf, die Beiträge zu meinem Blog zu studieren und zu verstehen. Häufig kann ich neue Aspekte verinnerlichen und bemühe mich dabei, wirklich vorurteilsfrei zu sein. Wenn ich jedoch feststelle, dass einige Menschen die sozialen Netze missbrauchen und das Denken anderer zu manipulieren trachten, wird mir klar, wie leicht man mit diesem Kommunikationswerkzeug Schindluder treiben kann.
So habe ich mich entschlossen, mitzumischen und deshalb die Risk-Monger Facebook page eingerichtet, wo ich die guten Absichten sozialer Netzwerke ins Bewusstsein bringen, kurze Sachkommentare liefern und Denkanstöße geben möchte, wie mit Querdenken der Silobildung entgegengewirkt werden kann.
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David Zaruk / Belgien, ist Fachmann für Kommunikationswissenschaften und - Risiken bei der EU.
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