Inside Wikileaks - Die fünfte Gewalt

Inside Wikileaks - Die fünfte Gewalt
Am 25. Juli 2010 veröffentlichten der britische „The Guardian“, die US-amerikanische „The New York Times“ und „Der Spiegel“ zeitgleich tausende brisante Geheimdokumente, die ihnen eine Webseite namens WikiLeaks zugespielt hatte. Bill Condons Spielfilm „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ beginnt mit diesem für die Enthüllung von Staatsgeheimnissen entscheidenden Tag.
Filmische Qualität: 3 von 5 Punkten
Regie: Bill Condon
Darsteller: Benedict Cumberbatch, Daniel Brühl, Anthony Mackie, David Thewlis, Alicia Vikander
Land, Jahr: USA/Belgien 2013
Laufzeit: 128 Minuten
Genre: Thriller
Publikum: Ältere Jugendliche, Erwachsene
Einschränkungen: Gewalttätige Szenen, Explizite sexuelle Szenen

Rezension: JOSÉ GARCÍA - www.textezumfilm.de

Die Bedeutung der Folgen dieser Veröffentlichung unterstreicht der Regisseur dadurch, dass Bill Condon in die Spielszenen Dokumentarbilder aus darüber berichtenden Nachrichtensendungen hineinmontiert. Während Julian Assange (Benedict Cumberbatch) im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht, versucht der deutsche Daniel Domscheit-Berg (Daniel Brühl) vergebens, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Damit sind die zwei Hauptpersonen im Film etabliert.
Nach der Eröffnungssequenz erzählt „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ chronologisch, angefangen bei der ersten Begegnung zwischen dem „WikiLeaks“-Gründer und dem deutschen Computerspezialisten, die als IT-Systemadministrator für eine Firma arbeitet. Sie lernen sich 2007 bei einer Tagung des Chaos-Computer-Clubs in Berlin kennen, wo Assange seine Enthüllungs-Webseite WikiLeaks vorstellt. Darin will er geheime Dokumente von Banken und anderen Einrichtungen veröffentlichen, um Täuschungen und Korruption offenzulegen. Mit Hilfe von Daniel Domscheit-Berg, der sich dem australischen Internet-Freak spontan anschließt, enthüllt WikiLeaks zunächst einmal das nicht ganz legale Gesetzgebaren einer Schweizer Bank. Mit dieser Plattform bringen sie nicht nur Diplomaten und Regierungen gegen sich auf. Sie rufen auch Journalisten wie „The Guardian“-Redakteur Nick Davies (David Thewlis) auf den Plan, weil die von WikiLeaks online-gestellte Datenmenge alles in den Schatten stellt, was investigativer Journalismus bislang bewältigen konnte. So ist Davies an einer Zusammenarbeit mit Assange interessiert, der sich die New Yorker Zeitung und das deutsche politische Magazin anschließen.
Auf diese Weise kommt es, wie eingangs erwähnt, dass im Juli 2010 die drei Blätter die von WikiLeaks vermittelten Geheimdokumente über den Afghanistan-Krieg gleichzeitig abdrucken. Im Kontext dieser Veröffentlichung überwerfen sich jedoch Assange und Domscheit-Berg über die Frage, wie mit den Personaldaten der in den Dokumenten Genannten verfahren werden soll.
Das von Josh Singer verfasste Drehbuch basiert größtenteils auf dem Buch „Inside Wikileaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt“ von Daniel Domscheit-Berg. Deshalb lässt Bill Condons Film Julian Assange in einem zunehmend schlechten Licht erscheinen. Der stets Rastlose und von seiner Idee Besessene nimmt immer mehr autistische Züge an. Denn er interessiert sich nur noch für sich selbst – bezeichnend dafür ist etwa die Szene, in der Assange Daniels Eltern brüskiert.
Zwar zielt die Dramaturgie auf das Nacherzählen der wichtigsten Augenblicke in der Geschichte von „WikiLeaks“. Einige dramaturgische Entscheidungen der Filmemacher vom Beginn der Handlung mit der bekanntesten Episode von „WikiLeaks“ über die für die Handlung zentrale Beziehung zwischen Assange und Domscheidt-Berg, denen alle Handlungsnebenstränge untergeordnet sind, bis zur grundlegenden Frage, inwieweit das Internet die Nachrichten-Welt verändert hat, leuchten allerdings ein. Dennoch: Die rasante Aufeinanderfolge der äußeren Ereignisse lässt kaum Zeit zur Vertiefung. Obwohl „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ bedenkenswerte Fragen stellt, etwa über das Internet als „fünfte Gewalt“, werden sie im Laufe der Handlung kaum behandelt. Der Film wendet einen Kunstgriff an, auch wenn er in der Handlung wie ein Fremdkörper wirkt, um das Phänomen zu versinnbildlichen, dass mit den vom Internet zur Verfügung gestellten Ressourcen die kleinste Gruppierung in der Lage ist, unterschiedliche Institutionen, ja sogar ganze Regierungen im Schach zu halten. Zwar kündigt der Vorspann mit Schriftzeugnissen von ägyptischen Hieroglyphentafeln bis zur Buchdruckkunst an, dass es in „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ um Nachrichtenübermittlung gehen soll. In ihrem Bemühen, die Fakten abzuhaken, streifen jedoch Drehbuchautor Josh Singer und Regisseur Bill Condon die in diesem Zusammenhang von „WikiLeaks“ aufgeworfenen Fragen kaum. Denn eine Internet-Plattform wie „WikiLeaks“ kann grundsätzlich unendliche Datenmengen in einem ungeheuren Tempo veröffentlichen, was ein investigativer Journalismus nicht zu leisten vermag, weil hier die Sorgfalt der Recherche und ebenso der Persönlichkeitsschutz hohe Priorität besitzen. Wenn Assange nicht nur die Glaubwürdigkeit seiner Quellen nicht überprüfen kann, sondern darüber hinaus die Möglichkeit der Lüge in Kauf nimmt, weil dies der Preis sei, wenn man die Welt verändern wolle, dann stellt sich die Frage, wie eine Zusammenarbeit mit seriösen Printmedien aussehen soll. Wieder eine Frage, die Condons Film kaum anspricht.
Das unterscheidet „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ etwa von Alan J. Pakulas „Die Unbestechlichen“ („All the President’s Men“, 1976), der noch immer als Paradebeispiel für einen Journalismus-Thriller gilt, und mit dem sich Regisseur Bill Condon laut seiner eigenen Aussage bei der Weltpremiere seines Filmes als Eröffnungsfilm des diesjährigen Filmfestival Toronto messen lassen wollte.

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