Eltern wollen selbst wählen

Eltern wollen selbst wählen
Filme, Musik und Internet-Angebote sind immer weniger Kind-gerecht. Viele Eltern vertrauen deshalb nicht länger den Zensoren der Aufsichtsbehörden, sondern nehmen die Auswahl selbst in die Hand.
von William West - aus dem Englischen übertragen von Horst Niederehe
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Ist die Zeit gekommen, dass Eltern selbst zu Zensoren werden und die Arbeit übernehmen, die lange Zeit Aufgabe staatlich geförderter Institutionen war? Es gibt zwei Gründe, diese Frage zu stellen:
1. in dieser Zeit vernachlässigen die Institutionen ihre Aufgaben in diesem Bereich offensichtlich und
2. sind Eltern dank des Internets selber in der Lage, sich ihre Meinung zu bilden und Inhalte zu bewerten.
Tatsächlich haben sich viele Eltern der Herausforderung gestellt, Filme und Fernsehprogramme, aber auch andere Informationsangebote, auf die ihre Kinder Zugriff haben können, von Nachrichten- und Magazin-Sendungen, bis hin zur Musik und zu Internet-Inhalten, kritisch zu bewerten.
Wir wollen uns hier zunächst auf das Internet und die Kontrolle seiner Angebote fokussieren. In Australien, wo wir leben, hat die Regierung versprochen, die Internet-Anbieter zur obligatorischen Filterung unerwünschter Inhalte zu verpflichten. Wenn dies erfolgreich ist, wäre Australien das erste Land der westlichen Wertegesellschaft, das eine solche Regelung durchgesetzt hätte. Aber bis heute gibt es noch keine Anzeichen dafür, dass ernsthaft an der Umsetzung gearbeitet wird.
Als die heutige Regierung unter Premierminister Kevin Rudd vor zwei Jahren an die Macht kam, war eines der Wahlversprechen, die Einführung obligatorischer Filterung des Internet-Zugangs zum Schutz australischer Kinder. Gegen diesen Vorschlag erhob sich heftige Opposition, sowohl von denen, die wirksame Filterung für unmöglich erachten, als auch von Gruppen, die darin eine Beschränkung persönlicher Freiheit sehen.
Doch selbst, wenn die Regierung sich durchsetzt, bleibt die Frage offen, ob die Software, die sie einsetzt, der Aufgabenstellung gerecht wird. Die abgelöste Regierung versuchte das Problem durch nicht weniger als vier Software-Programme in den Griff zu bekommen, die Familien zur Installation auf deren Rechnern zugänglich gemacht wurden. Ich habe alle selbst getestet, sie waren in vieler Hinsicht ungenügend. Kurz, sie waren Schrott.
Doch haben, des ungeachtet, viele Eltern bereits zu eigenen Lösungen gefunden. Sie haben sich gute Filterprogramme, unter ihnen auch manche „Freeware“, heruntergeladen. Wieder habe ich eine Reihe dieser Programme getestet und meine Wahl fiel wie die vieler anderer auch auf das K9 Programm, das, obwohl für kommerzielle Anwendungen entwickelt, Einzelnutzern kostenfrei zugänglich ist.
Einer der besonderen Vorzüge des Programms ist, dass Eltern frei wählen können, welche Kategorien von Inhalten sie filtern möchten. Aber auch individuelle Seiten, die Eltern für ungeeignet halten, lassen sich blockieren. Kurz, wenn Eltern nur ein wenig Zeit investieren, lösen sie das Problem, lange bevor die Regierung es (wenn überhaupt) löst und sind in der Lage, entsprechend der eigenen Wertvorstellungen und der Bedürfnisse ihrer Kinder Inhalte zugänglich zu machen.
Bei Filmen finden wir ähnliche Gegebenheiten: bei der Vorbereitung eines Beitrags für „Perspective Magazine“ sprach ich mit Eltern und Filmkritikern, die sich einig waren, dass die offiziellen Filmbewertungsorgane in letzter Zeit gründlich falsch bewerten. Viele Eltern gaben an, Filme selbst auf ihre Geeignetheit zu prüfen, selbst solche Filme, die ausdrücklich als für kleine Kinder empfohlen indiziert werden.
In gleicher Weise wie die Standards der Moral –besonders in Hollywood- gesunken sind, so sind auch die Standards der Bewertungsstellen abgesackt. Immer mehr Filme zeigen Brutalität und sexuelle Ausschweifungen, die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar gewesen wären.
Ein Elternpaar erklärte: „Uns ist der Gedanke unbehaglich, dass Zensoren irgendeiner Behörde, die die meiste Zeit ihres Lebens mit dem Betrachten brutaler und halb-pornografischer Filme zugebracht haben, entscheiden sollen, was unsere Kinder sehen dürfen. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass uns das Bewertungssystem so oft fehlgeleitet hat, dass wir unseren Kindern keinen Film erlauben, den nicht einer von uns selbst gesehen hat.“
Man muss sich natürlich fragen, ob es ethisch unbedenklich ist, einen Film selbst zu editieren. Ein Vater, mit dem ich sprach, war außer sich bei der Vorstellung, dass ihn irgendjemand hindern könnte, seine Kinder in dieser Weise zu schützen. Er sagte: „Ich glaube, es ist absolut gerechtfertigt, einen Film, den man legal erworben hat, zu editieren. Selbst wenn man ihn nur geliehen hat, kann einem niemand einen Vorwurf machen, dass man ungeeignete Szenen entfernt hat, wenn man die so erstellte Kopie wieder löscht, nachdem die Familie sie gesehen hat. Das ist doch genau, was staatliche Zensoren tun. Die Vorstellung, dass jemand mir das Recht, Schmutz und Pornografie vor meinen Kindern fernzuhalten, absprechen möchte, bringt mich wirklich in Rage.“
Seit Jahren wird geeignete Software zum „rippen“, also zum kopieren und editieren online angeboten. Es gibt Shareware, aber auch Freeware-Programme für Eltern mit geringem Einkommen. Eines der Beliebtesten ist wohl DVD Shrink. Es wurde bereits mehrere hunderttausend Mal heruntergeladen.
Wie bereits erwähnt, sollten Eltern auch ein Augenmerk auf Musik haben. Ein Vater erzählte mir: „Unsere vier Kinder, drei davon Teenager, lieben Musik, von Klassik bis zu neuestem Rock und Pop, doch haben sie nie ein Radioprogramm gehört. Meine Frau und ich sind Musikliebhaber und haben die Kinder immer an die Musik herangeführt, die wir auch mögen. Dank der Digitalisierung kann man sich aussuchen und zusammenstellen, was man hören möchte, man muss sich nicht der Playlist und dem oft unsäglichen Geschwätz des Moderators eines Senders ausliefern. Früher war es nötig, Radio zu hören, um auf dem Laufenden zu bleiben und die Wettervorhersage zu erfahren, doch ist all dies heute im Internet verfügbar, sodass man ganz gut auf das Radio verzichten kann.
Man kann nicht nur die Titel zusammenstellen sondern auch die Musik editieren. Ein Vater bemerkte: „Gelegentlich findet man Titel, die eigentlich passend für die Kinder sind, aber am Anfang oder Ende hört man Moderation, die man den Kindern doch gern ersparen möchte. Auch hierfür gibt es viele Programme zur Tonbearbeitung, die sich erfolgreich einsetzen lassen. Wir haben sie schon einige Male benutzt.“
Natürlich sind die Befürworter eines „barrierefreien“ Internets, die nicht nur wünschen, dass alle Informationen frei zugänglich, sondern auch frei von allen moralischen Einschränkungen sein sollen, nicht bereit, über solche Dinge zu diskutieren. Doch ist dies auch einer der großen Vorteile des digitalen Zeitalters -selbst wenn Behörden solche Diskussionen führen müssen-, dass Eltern ohne großen Aufwand ihre eigene Vorsorge treffen können. Die Freiheiten des digitalen Zeitalters gehören nicht allein den Befürwortern des „barrierefreien“ Internets, sondern erlauben allen, die es wünschen, maßvoll damit umzugehen und z. B. zu wählen, ob man als privater Zensor seine Kinder vor schädlichen Einflüssen bewahrt.
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William West lebt in Sydney als freier Journalist und Herausgeber von Perspective magazine.
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