Jungen gehen auch in Hamburgs Schulen unter

Jungen gehen auch in Hamburgs Schulen unter
Es vergeht keine Woche, in der nicht wenigstens eine große deutsche Zeitung mit einer Schreckensmeldung über das schulische Versagen von Jungen titelt. „Die Jungen als Versager“ ist inzwischen schon zu einem Allgemeinplatz geworden, allerdings ohne nachhaltige Konsequenzen für die Schule zu zeitigen. Daher klingen die Ergebnisse einer neuen Studie, die jetzt vorab von „Die Welt“ veröffentlicht wurden, auch altbekannt.
von Bert Pfahl
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Die Leistungsunterschiede zwischen den Geschlechtern werden immer größer

Die noch unveröffentlichte Studie „Kess 8“ belegt, laut „Die Welt“ vom 14.4. 2010, dass die Jungen auch in Hamburg zu den Verlierern des Bildungssystems werden. „In vielen Fächern wie Deutsch und Englisch haben die Mädchen sie in ihren durchschnittlichen Leistungen längst abgehängt. Sogar in Mathe und Naturwissenschaften, in denen die Jungen traditionell stark sind, haben die Mädchen praktisch gleichgezogen. Dabei schließt sich die Leistungsschere im Laufe der Schulkarriere nicht etwa, sie wird sogar noch größer.“
Mit „Kess 8“ wurden die Kompetenzen und Einstellungen von 9628 Schülerinnen und Schülern an 170 staatlichen und 14 Privatschulen des 8. Jahrgangs in einer Längsschnittstudie vom Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos und seinem Team getestet. Die Differenz beim Leseverständnis hat sich von 17 Punkten am Ende der vierten Klasse auf 33 Punkte in der achten Klasse verdoppelt, was fast einem Lernjahr entspricht. Selbst in den Naturwissenschaften, bisher eine Jungendomäne, haben die Mädchen mit 123 Punkten fast die Jungen (126) erreicht. „Dies ist eine besorgniserregende Entwicklung“, so Ulrich Vieluf, Staatsrat der Hamburger Schulbehörde. „Wir haben wirklich ein Jungenthema. Wir müssen die Jungenpädagogik oben auf die Agenda setzen.“
Einschätzung der Schüler oft verfehlt

Den Grundschullehrern spricht die Studie die rechte Einschätzung der weiteren Schullaufbahn der Schüler nach der 4. Klasse ab, da sie zu wenige gymnasiale Empfehlungen aussprächen, denn von den Kindern, die sich über eine Haupt- oder Realschulempfehlung hinweggesetzt und für ein Gymnasium entschieden haben, sind noch 66,6 Prozent am Ende der achten Klasse erfolgreich dabei, wenn auch unter den Leistungsschwächeren. Staatsrat Vieluf erklärte es damit, dass „die Grundschullehrer zu zurückhaltend mit ihrer Empfehlung" sind und für ihre Vorhersage hauptsächlich auf Mathematik und Rechtschreibung angewiesen seien. "Die Lehrer irren sich selten bei den Leistungsstarken, aber bei Schülern mit uneinheitlichen Leistungen reicht die Grundlage nicht aus", so Vieluf, weswegen er sich für das sechsjährige gemeinsame Lernen ausspreche.
Dem stimmt Bildungsforscher Bos in seiner Analyse zu, weil „die Schullaufbahnempfehlung in der Jahrgangsstufe 4 keine hinreichende Grundlage für die Vorhersage zukünftiger Schulleistungsentwicklung in der Sekundarstufe darstellt.“
Das Gymnasium kommt in der Studie am besten weg als die Schulform nicht nur mit den höchsten Leistungsständen, sondern auch mit den größten Lernzuwächsen und der höchsten Förderwirksamkeit. „Auch die Schüler, die trotz einer Gymnasialempfehlung eine Realschule besuchen, erreichen dort viel geringere Leistungen als diejenigen, die der Empfehlung folgend ein Gymnasium besuchen. Dies liegt mit an dem komprimierten Curriculum im achtjährigen Gymnasium, dessen Lernerfolge in der Studie erstmals überprüft und nach Vielufs Bewertung sehr beachtlich sind“, so weiß „Die Welt“ in ihrem Artikel zu berichten.
Man kann den Gedanken nicht ganz von der Hand weisen, dass die klare Stellungnahme für die sechsjährige Grundschule kurz vor dem Hamburger Volksentscheid etwas mit dem Auftraggeber zu tun hat. Aber weder die vier- noch die sechsjährige Grundschule löst das viel größere Problem der von den Mädchen abgehängten Jungen.
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Kommentare

Versager sind Neinsager. Wenn Jungen sich der Schule versagen, muss das ja nichts Ungünstiges über die Jungen aussagen, im Gegenteil! Wenn man heute allzu oft Schule als Unterrichtsvolzugsanstalt erlebt, dann fragt man sich, warum da nur die Jungen so deutlich NEIN sagen. Da sie es in Amts- und Schuldeutsch nicht gelernt haben, sagen sie es in der Sprache des Schicksals: Sie werden auffällig. Aber wer hat sich in der Schule schon mal was auffalen lassen, weil ein Kind auffällig wurde?
Als Ich-kann-Schule-Lehrer sehe ich, dass die Auffälligkeiten, Schwächen, Störungen, Defekte und wie immer wir es nennen nichts weiter sind als Wegweiser, die wir offenbar nicht verstehen wollen. Sie sagen uns immer wieder noch deutlicher, dass es den Stärken schlecht geht. Und was tun wir? Kümmern wir uns um diese geschwächten Stärken? Mitnichten!
Die Schwächen umtanzen wir wie das Goldene Kalb, dem es zu opfern gilt. Ganze Industriezweige, die gesamte päd. Wissenschaft, Verwaltung und Praxis arbeiten sich auf für die Schwächen und steckt alle Energie hinein bis zum völligen Burnout. Davon gedeihen die Schwächen prächtig. Und die Stärken gehen ein.
Wenn ich auf sie hinweise, meint man, die gäbe es ja gar nicht. Nun, wenn man über mich derart doof höhnen würde, tät ich mich auch verziehen und nicht mehr blicken lassen.
In der neuen Ich-kann-Schule geht man aber grundsätzlich anders um mit den Kräften. Wenn ich mich voll Achtung für die angeblich nicht existierenden Stärken interessiere, dann kommen sie zu mir heraus und machen mit mir das, was angeblich "unmöglich" ist. Ich empfinde das als Freude und Belohnung.
Jedem das Seine.
Ich grüße herzlich.
franz Josef Neffe

"Erziehung gehört zur Wortfamilie ziehenund nicht zur Wortfamilie drücken." fjn