Wie in Potsdam? - Erfahrungen an einem Jungengymnasium

Wie in Potsdam? - Erfahrungen an einem Jungengymnasium
Durch die geplante Jungenschule in Potsdam ist dieser, aus der deutschen Schullandschaft fast verdrängte Schultyp wieder in aller Munde. Nach dem ausführlichen >Erfahrungsbericht von Thomas im vergangenen Jahr, schildert nun Cornelius (16) in einem längeren Artikel seine Eindrücke von Schule und Umfeld. Die beiden Zeugnisse sind deshalb besonders interessant, weil die beschriebene Schule dem geplanten Potsdamer Jungengymnasium sehr ähnlich ist - mit zwei Ausnahmen: zum einen existiert sie schon, zum zweiten liegt sie in Australien.
Falls Sie Fragen an Cornelius haben, können Sie die Kommentar-Funktion am Ende des Artikels benutzen. Er wird sie so bald wie möglich beantworten.
Aller Anfang ist schwer
Von Juli bis Ende Dezember 2006 besuchte ich eine sehr nette und religiöse Familie in Sydney, in Australien. Mit sieben Geschwistern und José und Samantha, meinen Gasteltern verbrachte ich ein unvergessliches halbes Jahr. Ich nahm in der Familie die Rolle des ältesten Bruders/Sohnes ein. Ich hatte immer viel Spaß mit den Kleineren z.B. beim Spielen oder im Swimmingpool, der zum Haus meiner Gastfamilie gehörte. Doch konnte ich mich auch nicht den ganzen Tag nur vergnügen. Immerhin musste ich in Australien auch zur Schule gehen. Angst und bange war mir vor diesem Einstieg in die Schule, da ich anfangs auch noch Probleme mit der englischen Sprache hatte. Die ersten Tage in der Schule waren für mich folglich alles andere als locker.

Meine Schule in Australien war das Redfield College und dieses College besuchen ca. 5oo Schüler. Die Schüler tragen alle eine Uniform, wie in den meisten Schulen in Sydney. Die Uniform sieht sehr edel und gepflegt aus. Mit einem dunkel blauen Blazer und dem Emblem des Redfield College aufgestickt, mit einem weißen Hemd, einer grauen Hose und schwarzen Schuhen ging auch ich in die Schule. Es war wirklich mit der Uniform einfacher als bei uns in Deutschland. Das Auswählen und Anprobieren der Kleidung fallen weg, um möglichst gut gestylt in den Tag zu gehen. Endlich musste ich mich diesem Zwang nicht mehr aussetzen und begab mich also in den „neuen“ Zwang der Uniform, den ich als solchen schon nach wenigen Tagen sehr gemocht habe.

Doch um mich nicht allzu sehr mit der Kleidung zu beschäftigen, widme ich mich viel lieber der Schule, welche sehr große Wiesenflächen besitzt. Zwei Rasenplätze, um Rugby zu spielen, die populärste Sportart in Australien, und ein Fußballfeld, das im Sommer zum Cricket spielen umgebaut wird. Für Sportaktivitäten bietet die Schule reichlich Möglichkeiten an, selbst Tennisspielern und Basketballspielern ist es möglich auch über den Unterricht hinaus, diese Anlagen zu nutzen.

Ich selbst habe es aber nie beobachten können, dass nach der Schule, die immer um 15.00 Uhr endete, noch jemand Basketball oder Tennis spielen ging. Ja, nach einem so langen Schultag, der um halb neun morgens beginnt, hatte niemand mehr richtig Lust, den Nachmittag auch noch in der Schule zu verbringen. Es gab auch noch Hausaufgaben, die man erledigen musste. Zusätzlich kommt der Aspekt des Lernens hinzu, der noch einige Zeit in Anspruch nimmt. Im Folgenden möchte ich ein wenig über die andere Form, die andere Strebsamkeit, die andere Disziplin, die ich in Australien kennen gelernt habe berichten:
Das Lernen
Nach der Schule gehen viele vom Redfield College zu Nairana, dem Study-Center (zum Lern-Zentrum) des Opus Dei. Dort erledigt jeder seine Hausaufgaben oder lernt für anderthalb bis 2 Stunden.
Nairana gibt einem die Möglichkeit richtig und gründlich seine Hausaufgaben zu machen und kontinuierlich zu arbeiten. Das zeigt sich immer wieder. Die Studenten (Schüler) die zu Nairana gehen, haben meistens bessere Noten, weil sie einfach fleißig und ohne Unterbrechungen studieren können. Sie sind von den ganzen elektronischen Dingen (Computer, Fernsehen, Radio, etc…) abgeschirmt und können sich ganz ihren Arbeiten (Hausaufgaben) widmen. Nach diesen anderthalb Stunden haben wir einmal in der Woche unseren Kreis und auch Einzelgespräche mit jemand aus dem Club, bei denen man sich auch im Glauben weiter entwickeln kann und weitere Ziele in der unmittelbaren Zukunft setzen kann.

Natürlich kann man auch jeder Zeit mit einem Priester (Father Joe) sprechen. Diese Menschlichkeit, dieses Interesse für den anderen, das gemeinsame Arbeiten, Essen, Beten gab jedem, der den Club Nairana besuchte, ein Gefühl von innerer Stärke und Lebensfreude. Für mich war diese Atmosphäre dort, eine Atmosphäre, die ich in Deutschland oft, aber vergeblich gesucht habe. In Australien, dort in diesem Haus des Opus Dei fand ich sie. Es war einfach super. So viel Spaß hatte ich mit meinen Freunden dort bei Aktivitäten, die auch vom Opus Dei mal über ein ganzes Wochenende andauerten. Für verschiedene Altersgruppen gab es unterschiedliche Aktivitäten. Zum Beispiel geht man Surfen, Tennis, Golf oder Rugby spielen.
Jeden Samstag gab es um 18 Uhr Meditation (Betrachtung) und anschließend Benediction (Segen), was in der sehr schönen hellen Kapelle beeindruckend war. Es hat mich jedes Mal, wenn ich dort war, mit großer Freude erfüllt. Es war einfach super schön. Nach der Benediction (Segen) gab es dann gemeinsames Abendessen. Es folgte manchmal noch das Beisammensein, wo wir Sketche und andere lustige Sachen gemacht haben. Es werden auch manchmal Gäste eingeladen, die dann über ihr Leben berichten. Einmal kam ein junger Mann, der mit seinem Freund durch die Arktis mit -40°C gegangen ist und schon andere verrückte Reisen gemacht hat. Durch Kontakte kommen oft solche Gäste zu Nairana und erzählen ihre sehr interessanten Geschichten oder über ihren Job, damit die Jugend gute Ratschläge für das spätere Leben bekommt.
Also Nairana ist ein Study-Center vom Opus Dei, wo sich viele Schüler vom Redfield College treffen, um sich in der Schule zu verbessern und im Glauben gestärkt zu werden. Mich persönlich hat Nairana sehr beeindruckt und hat mir gezeigt, warum für die Schule lernen so wichtig ist.
Vom Lernen hängt mein späteres Leben ab, was jeder in Nairana sehr Ernst nimmt. Die jetzige Jugend soll dazu beitragen, die Welt zu verbessern; deswegen gibt Redfield College alles, um aus diesen Jungs prima Kerle zu machen, innerlich und geistig. Die Schule hält zusammen, egal in welchem Bereich. Man sieht die Erfolge im Sport und in den öffentlichen, akademischen Wettbewerben; die Schule ist immer ganz weit oben mit dabei.

Die Lehrer sind super freundlich und machen sehr, sehr guten Unterricht. Sie versuchen, den Schülern etwas bei zu bringen und helfen den Schülern mit den Schwierigkeiten des Faches klar zu kommen. Die Lehrer lachen und weinen mit den Schülern. Da ist der Lehrer ein Freund des Schülers. Jeder Schüler von Redfield College hat seinen eigenen Tutor. Wenn man Probleme in einem Fach hat oder auch persönliche Probleme, spricht man bei einem Spaziergang oder man setzt sich mit seinem Vertrauenslehrer auf eine schöne Bank am Teich. Der Vertrauenslehrer (Tutor) hilft einem sehr und unterhält sich mit einem ein bis zweimal in zwei Wochen. Redfield College ist ehrlich die beste Schule, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Alle Lehrer sind so freundlich und hilfsbereit zu einem.
Wir machten auch verschiedene Exkursionen mit den einzelnen Fächern. In Biologie gingen wir am Korallenriff Schnorcheln und man sah die schönen Fische dort, einer schöner als der andere. In Musik gingen wir ins Opera House um ein Konzert anzuhören, welches sehr schön war.
Dort habe ich Freunde für das ganze Leben gefunden.
Einer meiner großen Highlights war die Kängurujagd mit Monty (einem Mitglied des Opus Dei), dem diese Farm gehört, genauer gesagt seiner Familie, Wallo und Thomas und mit Thomas Vater.
Man denkt bestimmt die armen Kängurus, aber in Australien sind Kängurus eine Plage. Die fressen dem Farmer die Ernte weg. Direkt nach der 6-stündigen Fahrt haben wir uns umgezogen und die Gewehre bereitgestellt. Und dann ging’s los. Monty fuhr den Truck und wir anderen stellten uns hinten auf die Ablage, von wo aus wir die Kängurus schossen. Erst war ich etwas geschockt und die Kängurus taten mir etwas leid, aber nach den ersten drei Schüssen, die ich verfehlte, hat es mir angefangen Spaß zu machen. Wir haben die Kängurus immer mit so einem Tempo gejagt, man musste sich immer sehr gut festhalten, damit man nicht vom Truck fliegt und dann musste man auch noch schießen, also es war echt sehr spannend. Das war einer meiner größten und schönsten Highlights.
Mein zweites Highlight war auch das zweitägige Surf-Camp mit der Jahrgangsstufe 10. Wir sind an einen super Strand zum Surfen gegangen und haben dort mit den Surftrainern das Surfen erlernt. Ich war sehr verwundert, dass es so gut geklappt hat. Ich konnte ein paar Mal auf dem Bord aufstehen, aber natürlich bei kleineren Wellen. Denn die großen Wellen sind so massiv, gegen die kannst du nichts machen. Deswegen sollte man immer etwas näher am Strand bleiben und nicht so weit rauspaddeln. Diese zwei Tage waren spektakulär. Es hat super viel Spaß gemacht zu Surfen mit der Klasse 10, eine Jahrgangstufe unter mir, in der ich auch sehr gute Freunde kennen gelernt habe. Das war ein schönes auch anspruchsvolles Surf-Camp.
Australien ist das Land der Länder. So isoliert von der Außenwelt, aber doch präsent. Ein einzigartiges Land, in dem ich so viele, so tolle Erfahrungen gemacht habe. So viel Einzigartiges habe ich in meinem Leben, (ich bin im Sommer 16 geworden), noch nie erlebt. Ich wünsche jedem diese tollen Erfahrungen, die ich dort gemacht habe.
Jeder Australier war so offen und gut gelaunt. Wir haben viel gelacht. Meine Freunde haben mit mir viel unternommen. Wir waren auf Basketball- und Fußballspielen von Sydney FC oder haben einen schönen Grillabend gemacht. Es hat mir jedenfalls immer viel Spaß gemacht, mit meinen Freunden zu sein.
Australien ist wie gesagt das Land der Länder. Und ich freue mich schon auf den Weltjugendtag mit dem Papst nächstes Jahr 2008 in Sydney mit meinen ganzen Freunden.

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