Eine Karikatur von Religion - der Film KREUZWEG

Filmische Qualität: 2 von 5 Punkten
Regie: Dietrich Brüggemann
Darsteller: Lea van Acken, Franziska Weisz, Florian Stetter, Lucie Aron, Moritz Knapp, Klaus Michael Kamp, Hanns Zischler, Birge Schade, Ramin Yazdani
Land, Jahr: Deutschland 2014
Laufzeit: 107 Minuten
Genre: Drama
Publikum: Erwachsene
Einschränkungen: Unmoralische Grundidee

Rezension: JOSÉ GARCÍA - www.textezumfilm.de

Es handelt sich um bis zu fünfzehn Minuten lange, von einer feststehenden Kamera eingefangene Tableaus, die einen ganzen Raum erfassen. Die Kamera bewegt sich lediglich in ganz wenigen Ausnahmen. Das erste, der ersten Kreuzwegstation entsprechende Kapitel ist auch das längste, weil hier die Ausgangsinformationen für den Zuschauer geliefert werden: Der eifrige, schnell redende, junge Pater Weber (Florian Stetter) unterrichtet eine kleine Gruppe von Firmlingen. Er schärft ihnen ein, dass sie mit der Firmung zu Soldaten Christi werden sollen und nennt ihnen Beispiele von Kindern, die von Gott früh heimgeholt wurden. Auch Maria möchte ein solches Opfer auf sich nehmen, obwohl der junge Pater ihr einen solchen Gedanken auszureden versucht. Pater Weber gehört zur fiktiven, unmissverständlich an die Piusbruderschaft angelehnten Priesterbruderschaft St. Paulus, die alle Reformen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ablehnt: „Die Päpste und der Vatikan haben sich von der Tradition abgewandt.“ Die Priesterbruderschaft vertrete hingegen die zweitausendjährige Tradition der Kirche.

Bereits in der zweiten „Station“ lernt der Zuschauer Marias Mutter (Franziska Weisz) als herrische Frau kennen, die nach dem Motto „Du sollst Deinen Eltern gehorchen“ ihre Tochter ununterbrochen maßregelt und auch ihren Mann (Klaus Michael Kamp) dominiert. Zur Familie gehören noch der elfjährige Thomas, die siebenjährige Katharina und der vierjährige Johannes, der unter einer seltsamen Krankheit leidet und nicht spricht. Vorbild und einzige Vertraute für Maria ist das französische Au-Pair-Mädchen Bernadette (Lucie Aron), die ebenfalls aus Kreisen der Paulus-Brüder stammt, aber weniger strikt als Maria und ihre Geschwister erzogen wurde. In der Schule ist Maria krasse Außenseiterin, die von ihren Mitschülern gehänselt wird, weil sie etwa Popmusik im Sportunterricht ablehnt. Nur Christian (Moritz Knapp) aus der Parallelklasse ist fasziniert von Marias Entschlossenheit.

Obwohl „Kreuzweg“ ausdrücklich in einer Familie angesiedelt ist, die nach den Lehren der „Paulus-“ (im realen Leben: Pius-) Brüderschaft strenge Regeln aufstellt, die etwa moderne Musik für „teuflisch inspiriert“ hält, zielt vieles im „Kreuzweg“ auf die katholische Kirche, so die von Maria abgelegte Beichte, die als Werkzeug zum Aushorchen des Gläubigen karikiert wird. Regisseur und Mitdrehbuchautor Dietrich Brüggemann beteuerte etwa auf einer Berlinale-Pressekonferenz, „gar nichts gegen Glauben und Kirche an sich“ zu haben: „Religion ist einfach ein System, sich den Fragen dieses Lebens zu stellen. An sich ist das gut, sowohl von seinem sozialen Aspekt, weil sie die Menschen zusammenbringt, als auch vom spirituellen Aspekt, weil sie uns sagt: Es gibt noch andere Werte in der Welt als viel Geld zu scheffeln.“ Allerdings hält er mit seiner Kritik nicht hinterm Berg: „Trotzdem eignet sich gerade der Katholizismus dazu, jungen Menschen auf ungute Art aufs Haupt zu schlagen. Ideologien auf den Kopf von Vierzehnjährigen zu schlagen, darum geht es in diesem Film.“ Dietrich Brüggemann weitet sogar seine Kritik auf jede Religion aus: „Wir haben in unserer Gesellschaft so viele Evangelikale, Protestanten, Katholiken, Zeugen Jehovas... Sie unterscheiden sich in ihrer inhaltlichen Ausprägung, aber sie haben eine gemeinsame Art, wie sie mit Religion umgehen, indem sie sie verabsolutieren.“ Seine Mit-Drehbuchautorin Anna Brüggemann legt noch nach in der Erklärung, worum es eigentlich bei „Kreuzweg“ geht: „Es wird sehr viel über sexuellen Missbrauch gerade in der katholischen Kirche geredet. Aber eine strenge religiöse Erziehung oder eine Erziehung, die eine Idee über den Menschen stellt, ist in erster Linie ein seelischer Missbrauch.“

Neben der eigentlichen Handlung der Selbstaufopferung Marias, die von den Filmemachern als „im Rahmen des Systems erwünscht“ bezeichnet wird, stellt „Kreuzweg“ eine Mutter-Tochter-Beziehung in den Mittelpunkt, die als eine besondere Spielart der Kindesmisshandlung bezeichnet werden kann. Dazu führte die Schauspielerin Franziska Weisz, die Marias Mutter im Film verkörpert, in der erwähnten Pressekonferenz aus: „Die Kirche spricht ständig von Liebe, Liebe zu Gott und Nächstenliebe. In dieser Familie geht es nur darum, die Form zu wahren, das zu befolgen, was Gott uns angeblich aufgetragen hat. Dabei wird aber vernachlässigt, dass es das natürlichste und schönste von der Welt wäre, das Kind in den Arm zu nehmen und es zu lieben. Diese natürliche Liebe existiert hier nicht, obwohl sie ständig gepredigt wird. Dies kann als emotionale Vernachlässigung bezeichnet werden.“

„Kreuzweg“ prangert zwar oberflächlich eine krankhafte Art der Religionsausübung an. Unter diesem Deckmäntelchen verbirgt sich aber eine schale Katholizismus- und Religionskritik.