Keuschheit ist ungleich Mauerblümchen (1)

Keuschheit ist ungleich Mauerblümchen (1)
Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass sich katholische Schulen von staatlichen Schulen unterscheiden. Dies gilt vor allem auch für Fragen der Sexualität. Es sollte machbar sein, an einer katholischen Schule eine Stimmung zu schaffen, die Keuschheit nicht als etwas hoffnungslos Antiquiertes oder „Braves“, sondern als etwas Positives und Tapferes darstellt, ohne Gefahr zu laufen, es gehe hier um eine neue Fixierung auf das berühmte Thema „Nummer eins“.
von Dr. Volker Hildebrand
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Sexualerziehung ist vorrangig Recht und Aufgabe der Eltern. Sie sollte nur im Ausnahmefall außerhalb familiärer Vertrautheit durch flankierende Maßnahmen unterstützt und ergänzt werden. Aber Eltern vermögen ihre Kinder von der Pubertät bis zum Erwachsenenalter auch in dieser Hinsicht immer weniger zu begleiten und zu orientieren.
Was da sexualbiologisch vor sich geht, wissen in der Jahrgangstufe 7 fast alle bis in letzte Details, zudem mit dem einschlägigen Vokabular, so wie es die „Bravo“ und andere Jugendzeitschriften oder Aufklärungsseiten im Internet den Kids gnadenlos beibringen. Das unentschuldbare Defizit sogar staatlich finanzierter Aufklärungsbroschüren besteht in der langsam schon krankhafte Züge annehmenden Überbetonung biologisch-physiologischer Vorgänge, denen gegenüber den psychisch-seelischen Vorgänge, auf banal Oberflächliches reduziert, ein nur geringer, oder gar kein Raum gegeben wird. – Blind für elementare ethisch-anthropologische Zusammenhänge ist dann auch noch alles o.k. und erlaubt, was jeder selbst für richtig hält.
Vor diesem amoralischen „Aufklärungshintergrund“, der den Körper überbetont, reagieren Schülerinnen ab Klasse 7 meist gleich, listet man bei der Besprechung der zehn Gebote, dem Katechismus der Katholischen Kirche folgend, etwa die Sünden auf, „die schwer gegen die Keuschheit verstoßen: Ehebruch, Selbstbefriedigung, Unzucht, Pornographie, Prostitution, Vergewaltigung, homosexuelle Handlungen.“ (Kompendium, Nr. 492)
„Aber wenn zwei Männer sich doch lieben? ...“, protestieren dann 13jährige Mädchen. Und fast alle sind überrascht, dass Unzucht nichts anderes als ein außereheliches Verhältnis ist, vor oder anstatt der Ehe. „Das ist schwere Sünde? ... Aber wenn man doch alt genug ist und sich wirklich liebt?“ Mit „alt genug“ meinen 13Jährige 15, 16 oder 17 Jahre.
Der rechte Zeitpunkt
Doch so offen man beim Thema Aufklärung auch sein sollte, sind zugleich kluge Zurückhaltung und Vorsicht geboten; denn manche Schüler sind im Alter von 13 Jahren noch „unschuldige“ Kinder. Beißt man in einen schon gut aussehenden und ansehnlich entwickelten, aber noch unreifen Apfel, so schmeckt er bitter und reift nicht mehr. So ist auch bei der Liebe das Innere – Seele, Vernunft– genauso wichtig wie das Äußere, die mehr dem Leib zugehörende Welt der Emotionen, Leidenschaften und Gefühle.Die richtige Vorgehensweise für eine christliche Erziehung zur Keuschheit hängt zuvorderst von der Zusammensetzung der Klasse aber auch von zahlreichen anderen Umständen ab. Sie stellt eine große pädagogische Herausforderung dar. Aber man kann nicht warten bis die Schülerinnen älter sind. Denn auf einmal geht manches plötzlich ganz schnell: Ehe man sich versieht, ist der Zug längst abgefahren.
Vieles geschieht in diesem Alter aus purer Unwissenheit oder Desinformation und ist deshalb auch moraltheologisch mit Vorsicht einzuordnen. Ein das sechste Gebot betreffendes Sündenbewusstsein ist meist bis in die Oberstufe hinein überhaupt nicht mehr vorhanden.
Objektiv Sündhaftes wird wohl deshalb nicht als Sünde gesehen, weil durch eine frühe Erotisierung eine falsche „Natürlichkeitsvorstellung“ gefördert wird: „Sex ist doch was ganz Natürliches“, formuliert eine 13jährige Schülerin. – In gewisser Hinsicht hat sie ja völlig recht. Aber nicht in jeder. Deshalb muss eine sehr früh ansetzende Erziehung und Befähigung zur Keuschheit das in anderer Weise vorwegnehmen, was viele Mädchen – und Jungen auf ihre Weise –, auf sich alleine gestellt und einer erotisierten Umwelt hilflos ausgeliefert, durch eigene Erfahrung erst mühsam lernen müssen; ohne Chance jedoch, es richtig und mit ausreichendem Durchblick zu lernen.
Sie müssen etwas sehr Komplexes über viel zu frühe Erfahrungen erlernen, die den Charakter und damit die Wahrnehmungsfähigkeit nicht positiv, sondern negativ beeinflussen und prägen. Und darin liegt das Problem. Es sind Erfahrungen, die für die Wahrheit über die Geschlechtlichkeit zwar schon irgendwie die Augen öffnen, aber sie werden durch falsches Verhalten erlangt. Damit bleiben den Jugendlichen die Augen teilweise verschlossen; eben auch für ein adäquates Bewußtsein über ihre Geschlechtlichkeit und den Kontext, in den sie einzuordnen ist.
Es gibt bekanntlich eine gegenseitige Abhängigkeit von Einsicht und Tun. Man gelangt nur durch das richtige Tun zur richtigen Einsicht, wie umgekehrt: Eine schlechte und falsche Praxis schafft eine Prädisposition für schlechtes und falsches Tun und behindert eine richtige und gute Einsicht. Das ist ein seit Aristoteles bekanntes Phänomen der praktischen Wahrheit und Wahrheitsfindung, auf das hier nicht weiter eingegangen werden kann.
Somit fehlt Jugendlichen, die man sich selber überlässt, eine ausreichende Einsicht. Die erotischen Erfahrungen, die sie machen, führen zwar zu einer gewissen Erkenntnis und „Reife“, die sie aber zugleich auch wieder verwirren. Eine 15jährige Schülerin drückt das so aus: „Ich glaub’, wenn man das erst einmal kennengelernt hat, dann will man das immer wieder, obwohl man eigentlich doch lieber warten möchte.“
Wird fortgesetzt
Dr. Hildebrandt ist Religionslehrer und Schulseelsorger an einem Mädchengymnasium.
(Quelle: Komma n.35)

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