Keuschheit ist ungleich Mauerblümchen (2)

Keuschheit ist ungleich Mauerblümchen (2)
Im zweiten Teil der Artikelserie über Keuschheit geht es um den Beitrag der Eltern zur richtigen Orientierung über Sexualität. Wie kann die Spannung zwischen wahrheitsgemäßer Orientierung mit einer überall vorhandenen Erotisierung gelöst werden? Wie kann man die Prinzipien des christlichen Glaubens hinsichtlich dieser wichtigen Lebensdimension deutlich machen?
von Dr. Volker Hildebrand
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Zu den anderen Teilen der Serie:
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Manche Eltern tragen zur Verwirrung bei
Manche Eltern, selber ohne klare Auffassung und ausreichende Kenntnis der Zusammenhänge, geben noch eins drauf. Wiederum ist es eine falsche Praxis, hier der Eltern, eine falsche Enttabuisierung und Banalisierung sowie eine falsche Offenheit der Sexualität gegenüber, die verdunkelt und vernebelt. Waren vor Jahrzehnten Eltern aus falscher Scham und mangelnder Kenntnis zu hilfreichen und Orientierung gebenden Gesprächen mit ihren Töchtern und Söhnen nicht immer in der Lage, so ist heute durch die im Gegenteil teilweise geradezu aufgezwungene Offenheit und Tabulosigkeit der Eltern vieles noch schwieriger geworden.
Man faßt sich an den Kopf, was man da alles erleben kann: vom Vater, der nach dem Handyanruf seiner 11jährigen Tochter die Bravo in die Schule bringt, weil sie die zu Hause vergessen hat, bis hin zur Mutter, die der 15jährigen, kaum daß sie einen Freund hat, vorsorglich schon mal die Pille in die Hand drückt: „damit nichts passiert“, und vieles andere mehr.
Wer in der 10. oder 11. Klasse noch keine Erfahrungen mit Jungen gemacht hat, der hat es oft schwer. Manche Mädchen bekommen regelrecht „Torschlußpanik“; sie wollen nicht als die Dumme, Brave und Unerfahrene dastehen, die nicht mithalten kann.
Das ist nicht die Hilfe, die Kinder und Jugendliche brauchen! Die finden sie ebenfalls nicht in den Internet-Chats, die sie am häufigsten besuchen und die vereinzelt oder auch öfter Plattform von Kinder- und Jugenderotik sind. In diesem Zusammenhang muß man für den Gebrauch schuleigener Computer nicht nur klare Regeln aufstellen, sondern Schülern immer wieder über die Schulter schauen. Sonst „verirren“ sie sich, auch an einer reinen Mädchenschule, und ziehen andere mit hinein.
Konfusion über Liebe und Sex
Bei Schülerinnen bis zum 14. oder 15. Lebensjahr beschränken sich etwa die Vorstellungen von Liebe, noch völlig unfertig, auf ein Sammelsurium an Gefühlen und Empfindungen. Zu einer richtigen Einordnung dieser „Schmetterlinge im Bauch“, die zur Wahrheit über die Sexualität des Menschen und zum richtigen Umgang mit den eigenen Wünschen und Gefühlen führen können, brauchen sie die richtige Hilfe. Davon wird noch die Rede sein. Dann sind sie nicht nur dankbar, sondern ganz spontan und von sich aus daran interessiert, nun auch andere in ihrem Alter daran teilhaben zu lassen.
Ohne richtige und wahrheitsgemäße Orientierung hält neben der diffusen Erotik, die von außen in die Schule kommt, auch in höheren Klassen die von Schülern ausgehende negative Stimmungsmache meist an. Wer in der 10. oder 11. Klasse noch keine Erfahrungen mit Jungen gemacht hat, der hat es oft schwer. Manche Mädchen bekommen regelrecht „Torschlußpanik“; sie wollen nicht als die Dumme, Brave und Unerfahrene dastehen, die nicht mithalten kann.
Die Folgen solcher Dauerbelästigung bleiben nicht aus. Spricht man etwa in der Oberstufe über die Unauflöslichkeit der Ehe, ist man über den großen Prozentsatz von Schülerinnen überrascht, die gar nicht mehr richtig glauben mögen, daß eine lebenslange Partnerschaft möglich ist. Treue steht zwar weiter hoch im Kurs; aber nur solange es gutgeht und keine größeren Schwierigkeiten aufkommen. Diese Mädchen sind offenbar in diesem kurzen, aber prägenden Lebensabschnitt zu oft enttäuscht worden, weil sie und andere mit ihren Gefühlen zu viel gespielt und so den Glauben an eine lebenslängliche Bindung schon im Teenageralter verloren haben.
Damit ist die Bindungsfähigkeit überhaupt, sowohl die zwischenmenschliche wie die Gott gegenüber, nachhaltig gestört. Entsprechend ist es um das Glaubensleben der Schülerinnen oft nicht gut bestellt. Das alles ist aber kein Grund, resigniert die Hände über den Kopf zusammenzuschlagen und sich aus dieser Welt zurückzuziehen. Die Selbstheilungskräfte des Menschen sind enorm. Und dazu kommt Gott mit seiner Hilfe.
Kinder brauchen Ermutigung und Perspektiven
Es gibt auch ermutigende Erfahrungen; sogar recht viele. Insbesondere Schülerinnen lassen sich, als ob man an eine verborgene Tür klopft, sehr wohl auf Enthaltsamkeit ansprechen. Durch eine Religionsstunde dazu animiert, sprach eine Schülerin mit ihrer Mutter darüber. Die habe jedoch gelächelt und gesagt: „Na ja, in ein paar Jahre siehst du das sicher anders.“ Aber sie habe sich dennoch dafür entschieden. Sie wolle ehrlich und sich selber treu bleiben, und vor der Ehe wolle sie „das“ nicht wirklich. Und sie bedankte sich für das Aufzeigen dieser Perspektive.
Schülerinnen merken, wenn man sie gerne hat, sie nicht verurteilt, sie aufrichtig zu verstehen versucht, und zugleich, ohne falsche Zugeständnisse, in der Sache klar bleibt. Dann hören sie aufmerksam zu und setzen sich mit diesem Thema ernsthaft auseinander.
Als Religionslehrer und Schulpfarrer kann man auch folgendes erleben: Nach Abschluß einer Unterrichtsreihe zum Thema „Liebe und Partnerschaft“ (Jahrgangsstufe 10) kommt beim Sommerfest der Schule eine Schülerin der betreffenden Klasse auf mich zu. Im Unterricht hatte sie mir am meisten widersprochen. „Nicht, daß sie falsch über mich denken“, beginnt sie. „Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich ihre Einstellung zu Liebe und Partnerschaft ganz toll finde. Ich wünschte, viele Jungen hätten diese Einstellung. Aber ...“ hält sie inne und fährt fort: „Ich befürchte, wenn ein Junge so ganz diese Einstellung hat, dann wird der sicher auch Priester.“
In einer anderen 10. Klasse wurden einige Sätze aus der ersten Enzyklika von Papst Benedikt besprochen. Kurze Zeit darauf erzählt eine Schülerin, die sonst nie zu bewegen war, die Bibel auch nur in die Hand zu nehmen, wie sie ihrer völlig überraschten Mutter beim Mittagstisch zu erklären versuchte, daß der Eros, die an den eigenen Vorteil und noch sehr an sich selbst denkende Liebe, gereinigt und geläutert werden müsse, um zur Agape zu werden, zu einer reinen und schenkenden Liebe, die erlöst und befreit ganz auf das Wohl des anderen bedacht sei. – Ihre Mutter habe ihr das so schnell nicht alles abnehmen wollen. ... Aber in ihrem ganz in „Punk“ renovierten Zimmer habe sie jetzt einen Platz an der Wand freigemacht: „Sie werden es nicht glauben, ... für einen Text aus der Bibel, den Sie uns gegeben haben. 1 Kor 13! Ich finde den so klasse!“ – („Wenn ich die Liebe nicht hätte ...“)
Fortsetzung folgt
Dr. Hildebrandt ist Religionslehrer und Schulseelsorger an einem Mädchengymnasium.
(Quelle: Komma n.35)

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