Keuschheit ist ungleich Mauerblümchen (3)

Keuschheit ist ungleich Mauerblümchen (3)
Recht turbulent geht es schon mal beim Thema Verhütung zu, wahrscheinlich, weil der Zusammenhang von Sexualität und Fruchtbarkeit in dieser Lebensphase fast völlig verdrängt wird: Schülerinnen wollen ja auf keinen Fall schwanger werden.
von Dr. Volker Hildebrand
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Die Lehre der Kirche kommt an
Allem zum Trotz ist der riesengroße Unterschied zwischen Empfängnisverhütung mit Pille, Kondom o.ä. und natürlicher Empfängnisregelung durch partnerschaftliche Wahrnehmung und gemeinsame Rücksichtnahme auf den weiblichen Fruchtbarkeitsrhythmus, vermittelbar; und eine Schülerin aus der 13 sagt gegen Ende der Stunde: „Im Grunde weiß jede von uns, dass Verhütung nicht o.k. ist. Aber wir haben nichts anderes gelernt. Unsere Mütter nehmen doch alle die Pille.“ Niemand widerspricht. Die Lehre der Kirche kommt an.
Auch bei Besinnungstagen, Jahrgangsstufe 13, ging es einmal hoch her. Die jungen Damen waren 18 oder 19. Eine Gesprächsrunde zum Thema Liebe, Freundschaft und Sexualität wurde gewünscht. Es ist durchaus möglich die Stimmung einer Schule zu verchristlichen. Die öffentliche Meinung ist nicht allmächtig; und junge Menschen sind meist sehr vernünftig, vor allem, wenn man sie richtig anspricht.Turbulent wurde es, als ich wiederholte, dass die Eucharistie nicht empfangen könne, wer mit dem Freund deutlich weiter gehe als Händchen halten und Wangenküsschen geben. Voraussetzung wäre, sein Verhalten zu ändern und durch die Beichte umzukehren. Die Empörung ist groß.
„Dann kommen wir halt schon heute Abend nicht mehr zur Hl. Messe.“ ... Antwort: „Aber die Hl. Messe ist doch ‚Höhepunkt und Quelle des ganzen christlichen Lebens‘, wie könnt ihr euch auch noch das antun.“ – „Aber Sie können uns doch nicht auf die Sünderbank verbannen.“ ... Gegenfrage: „Tue ich das?“ – So ging es hin und her, aber auch in die Tiefe. Kein Priester ist geschockt, wenn Kinder, Jugendliche oder Erwachsene Schwächen und Verstöße gegen die Keuschheit beichten. Zudem sollte man es kurz und bündig sagen, ohne Details. Am Abend sind sie bei der Feier der Eucharistie alle anwesend, tragen Lesung und Fürbitten vor ... und bleiben in ihrer „Sünderbank“ sitzen; ... bis auf zwei, die zum Tisch des Herrn treten.
Die anderen erzählen am nächsten Morgen, dass sie noch nie so nachdenklich das Schuldbekenntnis gesprochen und Gott um Licht gebeten hätten; und die halbe Nacht hätten sie nicht schlafen können und noch lange darüber diskutiert. – Längst sind sie nach bestandenem Abitur in Studium und Ausbildung, als man sich beim Weihnachtsbasar in der Schule herzlich begrüßt und wiedersieht. Eine ergreift die Initiative: „Wie wäre es, wenn wir uns alle noch einmal zu Besinnungstagen träfen?“ Der Vorschlag kommt an. Termin und Ort müssen noch konkretisiert werden. Das steht aktuell an.
Kann man sich da als Schulpfarrer mehr wünschen? – Ja, man kann ... und angesichts so zahlreicher positiver Erfahrungen wäre es unverständlich, würde man es nicht.
Verständnis, Distanz und klare Meinung
Schülerinnen merken, wenn man sie gerne hat, sie nicht verurteilt, sie aufrichtig zu verstehen versucht, und zugleich, ohne falsche Zugeständnisse, in der Sache klar bleibt. Dann hören sie aufmerksam zu und setzen sich mit diesem Thema sehr ernsthaft auseinander, weil es sie wirklich interessiert und tief berührt. Überraschend offene Gespräche lassen sich mit dem notwendigen Taktgefühl und ausreichender Distanz führen.
Es ist also durchaus möglich die Stimmung einer ganzen Schule weiter zu verchristlichen; regelrecht „umzukrempeln“. Die öffentliche Meinung ist nicht allmächtig; und junge Menschen sind meist sehr vernünftig, vor allem, wenn man sie richtig anspricht. Lehrer können das. Da sind sie Profis.
Oft sind Schülerinnen ganz überrascht, wenn sie hören, dass Keuschheit nicht ein verlorenes und unberührtes Mauerblümchendasein meint, sondern „die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2337). Eine Formulierung, die, mit weiteren Verständnishilfen, ab Jahrgangsstufe 10 verstanden wird. „Das ist doch genau das, was wir eigentlich alle wollen“ traut sich eine Schülerin auch sofort den Wert der nun richtig verstandenen Keuschheit zu unterstreichen.
Der Horizont weitet sich
Überraschend ist für Schülerinnen etwa auch die These, dass in diesem Kontext das Gegenteil von lieben nicht hassen, sondern benutzen ist. Auf einmal verfügen sie über einen Schlüssel, mit dem sie ihre Eindrücke und Beobachtungen nun besser artikulieren und verstehen können: Niemand möchte benutzt werden, und jeder bleibt mit einem schlechten und unguten Gefühl zurück, wenn er einen anderen oder sich selber „benutzt“ hat. – Auch wenn es äußerlich wie lieben aussehen mag, ist es also in Wirklichkeit das Gegenteil, was als „benutzen“ einen zumindest faden Geschmack zurücklässt, der nicht glücklich macht. Liebe geht tiefer; sie ist weit mehr; sie ist etwas anderes.
Weiterführende Bezüge sind schnell hergestellt: Die auf das andere Geschlecht bezogenen Wünsche und die von ihm ausgehend Anziehungskraft, was irgendwie schon mit Liebe zu tun hat, sind also genauso zwiespältig wie alle anderen Neigungen auch. Sie haben einen natürlichen Sinn und schenken ihn, diesen kann der Mensch, ganz anders als das Tier, aber auch verfehlen. Das Tier ist trieb- und instinktgesteuert und handelt damit richtig; der Mensch ist mehr. Deshalb kann er ganz falsch handeln, folgt er seinen Neigungen, Wünschen und Gefühlen unüberlegt. Überlegen und Vernunft sind genauso wichtig.
Damit öffnen sich neue Horizonte, und sie lassen sich weiter erschließen. Als Lehrer muß man den richtigen Schülerinnen, die man immer wieder findet, nur die entsprechenden Referate und Materialien geben. Alles andere „regeln“ sie dann schon. – Auf einmal können sie loslegen! Kompetent und gut vorbereitet sind sie auf einmal in der Lage, „Stimmungsmachern“ in der Klasse die Stirn zu bieten und ihnen unverkennbar „die Leviten zu lesen“. Das tut immer wieder gut und kommt auch bei den Schülerinnen an.
Fortsetzung folgt
Dr. Hildebrandt ist Religionslehrer und Schulseelsorger an einem Mädchengymnasium.
(Quelle: Komma n.35)

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