Unsere Kinder – die gehetzten Wesen

Unsere Kinder – die gehetzten Wesen
Die Kindheit unseres heutigen Nachwuchses hat sich derart verändert, dass man schon fast von „verlorener Kindheit“ sprechen muss: Schon vor der Einschulung haben die Kleinen einen noch von den Eltern geführten Terminkalender, der sich in den folgenden Jahren immer mehr füllt. Der Traum von einer „unbeschwerten Kindheit“ scheint einer verklärten Vergangenheit anzugehören.
Horst Hennert*
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Kinder zwischen elterlichem Ehrgeiz und eigenen Bedürfnissen

Häufige Medienhinweise auf die Bedeutung frühkindlicher Förderung haben bei vielen Eltern die Sorge geweckt, sie könnten ihrem Kind eine Zukunftsperspektive vorenthalten, wenn sie ihm nicht schon möglichst früh Zugang zu Angeboten an Sport, Musik, Sprachen etc. verschaffen. Die Folge davon ist, dass die Pflicht-Termine zunehmen und die persönliche, kreative Freizeit immer mehr abnimmt. Kinder brauchen aber unverplante Zeit zum Spielen, Erfinden, eigene Ideen zu verwirklichen. Wenn sie immer nur auf Anstöße von außen reagieren, bleibt zu wenig Raum für ihre eigene Kreativität, die sich nur in Freiräumen ungestörter Ruhe entwickeln kann.
Wer kleinen Mädchen zugesehen hat, wie sie selbsttätig ihre ganze Phantasie in ein Puppenhaus stecken, oder Jungen, die beim Bauen einer Burg sich selbst als Ritter erleben, weiß, dass diese Zeiten schöpferische Fähigkeiten in einem Kind wecken, die sonst leicht auf der Strecke bleiben. Dazu brauchen sie Zeit, die nicht verplant ist, die nicht durch äußere Reize bestimmt wird. Mit dem Verschwinden des Wortes „Muße“ ist auch die Sache selbst untergegangen. „Zielloses Spielen“ ist eine der Arten, wie Kinder die vielen auf sie eindringenden täglichen Ereignisse verarbeiten.
Die eigene Persönlichkeit des Kindes fördern

Kinder sind genauso verschieden wie Erwachsene. Es gibt sehr aktive Kinder, die ständig in Bewegung sind, die voller Ideen und Plänen stecken, die aber oft nicht lange bei einer Tätigkeit bleiben, die immer auf der Suche nach etwas Neuem sind. Für diese wird es besonders wichtig sein, ihre Ausdauer und Beharrlichkeit zu fördern, ihre Ruhe und Gelassenheit. Ihnen muss man helfen, bei einer Sache zu bleiben, sie zu Ende zu führen, was oft nicht einfach ist.
Andere Kinder, die eher antriebsschwach bis träge sind, brauchen mehr Unterstützung von außen. Sie brauchen Anstöße, Anleitung, Hinweise, die sie dann umsetzen können. Für sie kann das Eingebundensein in die Aktivitäten anderer eine große Hilfe sein. Dabei ist besonders darauf zu achten, dass sie mitmachen, nicht am Rande stehen, wirklich in die Aktivitäten einbezogen sind.
Da die Eltern ihre Kinder aus eigenem, täglichen Erleben am besten kennen und zusätzlich Informationen aus Kindergarten oder Schule bekommen sollten, können sie auch am besten einschätzen, was ihre Kinder brauchen: ein Mehr an Aktivität oder ein Mehr an „Muße“. Sie merken am ehesten, welche besonderen Fähigkeiten in ihrem Kind schlummern, die geweckt werden können, und welche besonderen Begabungen es zu fördern gilt. Danach sollten sie bestimmen, ob und welche zusätzlichen Aktivitäten ihrem Kind –und in welchem Alter- wirklich gut tun.
Soziales Verhalten lernen

Besonderes Glück haben die Kinder, die in einer Familie mit Geschwistern aufwachsen. Denn sie lernen von Kindesbeinen an, dass sie sich auf andere einstellen müssen, sie lernen teilen, sich zurücknehmen, verzichten. Diese günstige Konstellation ist aus den verschiedensten Gründen aber in vielen Familien nicht mehr gegeben. In diesen Fällen ist es besonders wichtig, sich auf anderen Wegen soziale Kompetenzen anzueignen. Ein größerer Freundeskreis der Kinder, der von den Eltern durch ein „offenes Haus für andere“ sehr gefördert werden sollte, kann vieles ausgleichen. Besonders, wenn auch die Familien untereinander befreundet sind. Dann ergeben sich leicht gemeinsame Aktivitäten, Unternehmungen, Interessen und Hobbys. In diesen Fällen wird sich die Teilnahme an sportlichen, musischen oder sonstigen Vereinstätigkeiten aus den Interessen von gemeinsamen Freunden von selbst ergeben.
Wo das nicht der Fall ist, sollten Eltern darüber nachdenken, für welche Aktivitäten, die über Kindergarten und Schule hinausgehen, sie ihre Kinder gewinnen wollen. Dabei ist es wichtig, die Fähigkeiten der Kinder richtig einzuschätzen, um etwas zu finden, das ihnen auch Freude macht, auch wenn es eine schwierige Eingewöhnungszeit und zwischendurch „Durststrecken“ der Lustlosigkeit gibt. Kleine Erfolgserlebnisse im Verein, die das Selbstwertgefühl fördern, sind dabei wichtiger als die teuerste Fußballausstattung oder das beste Musikinstrument. Viel Ärger kann in der Familie vermieden werden, wenn erst einmal „versuchsweise“ die Teilnahme an Vereinstätigkeiten ausprobiert werden.
Wie viel ist zu viel?

Aus dem Gesagten sollte deutlich geworden sein, dass es keine allgemeine Antwort darauf geben kann, in welchem Alter wie viele Termine gut oder schlecht für ein Kind sind. Denn alle Kinder sind verschieden, somit auch ihre Fähigkeiten, mehrere Termine in der Woche in gesunder Weise in ihre Persönlichkeitsentwicklung integriert zu bekommen.
Untrügliche Zeichen dafür, dass der Terminkalender ein Kind überfordert, sind:
  • ein gehetztes, fahriges Verhalten des Kindes;
  • wenn es immer häufiger lieber zu Hause bleiben will und nur mit Druck der Eltern zu bewegen ist;
  • wenn sich bei ihm eine allgemeine Lustlosigkeit einstellt;
  • wenn es darüber klagt, nie Zeit für sich zu haben;
  • wenn seine eigene Initiativkraft verloren geht und keine Interessen mehr entwickelt werden;
  • wenn die ganze Familie von Terminen tyrannisiert wird.

Für Eltern ist es nicht leicht, sich gegen den „Leistungsdruck“ durch andere Eltern zu behaupten: „Unsere Tochter ist jetzt im Ballettunterricht“, „unser Sohn nimmt an einem Ausscheidungswettbewerb für Klavierspieler teil“, „unsere Tochter kann schon Englisch, bevor sie in die Schule geht“ usw. Für das eigene Kind ist nicht das Wichtigste, was andere tun. Eltern müssen mit dem Blick auf ihr Kind, dessen Fähigkeiten und Möglichkeiten unabhängig von anderen richtig einschätzen. Nur so können sie ihm gerecht werden und für eine gute Entwicklung seiner Persönlichkeit die richtigen Weichen stellen.
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* Angeregt durch ein Interview mit Albert Wunsch zu: Wie viele Termine sind gut für mein Kind? und unter Einbeziehung seiner Gedanken

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Kommentare

In unseren Schulen, Hochschulen, Kindergarten etc. steigert man ständig den DRUCK, um zu erZIEHEN.
Mit Druck kann man Kräfte nicht lenken. Jeder Bauer weiß das, drum spannt der Bauer die Pferde nicht hinter sondern VOR den Wagen.
Die Pädagogik, die sich längst selber in ihren Konstruktionen verloren hat, gibt regelmäßig die verkehrten Vorgaben und sucht sie dann mit immer besserem Misserfolg durchzuDRÜCKEN.
Damit zerstören die Erwachsenen, die den Bezug zum Leben verloren haben, den Kindern, diesen Bezug, den sie noch haben. Wenn ich es als Ich-kann-Schule-Lehrer beobachte, bleibt mir das Lachen im Halse stecken: Auf der einen Seite sehen wir ganz deutlich den Lehrer und den Lehrplan und auf der anderen Seite die Kinder und das Leben. Dass dies eine "Vorbereitung auf das Leben" sein soll, ist nichts als eitler Wahn.
Und die Eltern, wo haben sie ihre Pädagogik denn gelernt? Wo lernt man bei uns überhaupt Pädagogik außer in Lehrplanvollzugsanstalten? Und man wird in absolut jedem Problem von der Pädagogik in die Sackgasse geführt. Immer kann man dann lang und breit erklären, wie das Problem auf Lateinisch-Griechisch-Englisch heißt und dass es nicht zu lösen ist. Bei diesen Nichtlösungen muss man nur überall dabeisein. Dabeisein - beim Nichtkönnen - ist alles.
Wenn uns sowieso von allen Seiten bei jedem Problem suggeriert wird, dass man nichts machen kann, ist es da erstaunlich, dass da Talente nur noch auf der Flucht sind so weit die Füße tragen?
Freundlich grüßt
Fraanz Josef Neffe

"Erziehung gehört zur Wortfamilie ziehenund nicht zur Wortfamilie drücken." fjn