Unsere übermenschlichen Kids

von Cris Rowan - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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In der Zukunft zu leben, ist eine probate Beschäftigung von Kindern, die sich zwanghaft mit den Herausforderungen unserer Zeit herumschlagen, z.B. indem sie in jeder freien Minute Videogames spielen. Als pädiatrische Beschäftigungstherapeutin, die mit solchen jungen Kriegern arbeiten muss, stelle ich immer die Frage: „Was willst du eigentlich einmal werden, wenn du groß bist?“ Vor wenigen Jahren war die Antwort oft: „Ich möchte Videogames entwickeln“; heute erhalte ich die Antwort „Ich will der und der Krieger (eine Videogame-Figur) sein“.
Je tiefer Kinder in diese virtuelle Welt eintauchen, umso schwieriger wird es für sie, mit den Problemen und Herausforderungen des realen Lebens umzugehen. Ihr tägliches Leben ist überladen mit -für sie- bedeutungslosen Aktivitäten, endlosen Herausforderungen und Menschen, die nicht tun wollen, was sie -die Kinder- wollen.

Videogames sind dagegen berechenbar, kontrollierbar und unmittelbar attraktiv. Das Fernsehen bietet Vorlagen, in andere Rollen zu schlüpfen und sie durch Facebook, WhatsApp und Twitter anderen zu präsentieren. Google bietet dazu endlose Faktenströme, die ausreichen, um aufmerksamkeitsdefizitäre Erwachsene zu beeindrucken.

Das Resultat ist der immer stärker werdende Wunsch, sich von der realen Welt abzukoppeln und sein Leben in der virtuellen Welt zu leben, ebenso wie das Bedürfnis, das künstliche Profil als TV-Star, Supersportler oder Game-Figur, das man auf Facebook geschaffen hat, zu verkörpern, Avatar mit übermenschlichen Eigenschaften zu sein.

Solche Wahnvorstellungen von übermenschlichen Fähigkeiten stellt man mit zunehmender Häufigkeit bei Kindern fest, die den Umgang mit Technologie übertreiben. Hier ist mitunter ein Einschreiten der Eltern nötig, mit dem Ziel, den Zugang zu den Geräten zu beschränken. Wenn ein Kind die Nutzung eines Geräts den Kontakt mit Menschen vorzieht, läuft etwas ernsthaft falsch und wenn man nichts dagegen unternimmt, werden die Probleme immer gravierender.

Ich möchte Ihnen einige Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung vorstellen.

• Ein dreijähriger Junge, den ich behandelte, war der Überzeugung, Filmschauspieler zu sein und wurde richtig wütend, wenn man ihm dies auszureden versuchte. Sein Vokabular war mit reichlich Kraftausdrücken gespickt, die er hemmungslos und mit großer Sicherheit anwandte.

• Ein Fünfjähriger, der auf seinem imaginären iPad ebenso imaginäre Spiele in einem realen Kindergartenraum spielte, sagte mir, als ich ihn bat, aufzuräumen: „Ich kann Dich nicht hören, ich habe doch meine Ohrhörer an und bin mitten im Spiel.“ Ich dachte, er scherzte mit mir und tat so, als wolle ich ihm sein imaginäres iPad abnehmen, worüber er außer sich geriet und mich anschrie: „Du hast mir nichts zu sagen…Du darfst mir nicht mein iPad abnehmen“, und davon rannte.

• Ein10 Jahre alter Junge, der wegen asozialen Verhaltens und Aggressionen der Schule verwiesen worden war und mit dem ich über alternative Freizeitgestaltung reden wollte, begann zu heulen: „Ich kann nichts anderes als Videogames!“

• Bei einer (therapeutischen) Familiensitzung sagten die Eltern ihrer vierjährigen Tochter, die um Aufmerksamkeit quengelte und heulte, insgesamt 13mal: „Geh fernsehen, oder hol‘ Dir Dein iPad“, während sie selbst ständig SMS oder Tweets schrieben…während einer Sitzung.

Wiewohl der Begriff übermenschlich, früher Fähigkeiten beschrieb, die die menschlichen Kräfte übersteigen, wird er heute immer häufiger von jungen Menschen benutzt, die sich mit Computer-Charakteren identifizieren oder sich gar dafür halten.

Einer meiner Kollegen, der sich mit jugendlichen Computer-Süchtigen befasst, beschrieb den Fall eines Patienten, der seine Identität nur mit Hilfe von „Google-Glasses“ gesichert sah. Er wolle als Übermensch in der Google-Welt leben, war seine Aussage.

Der Wunsch, jemand anderes zu sein, ist nicht neu. Wir alle haben Zeiten des Neids erlebt und wollten schon mal Filmstar, Supersportler oder jemand sein, der etwas zu sagen hat. Doch heute begegnet uns in unserer Gesellschaft eine wachsende Zahl von Kindern, Jugendlichen und sogar Erwachsenen, die sich viel lieber in eine Scheinwelt zurückziehen möchten, eine Welt ohne Bewegung, Berührung, Bindung und Natur, vier kritische Faktoren für Gesundheit und Erfolg.

Man muss es einmal ernsthaft bedenken: die virtuelle Welt bietet viele Vorteile, deshalb scheint sie auch so anziehend. Sie ist umfassend, unmittelbar, kontrollierbar, belohnungs-basiert und sogar ein wenig sozial (wenn vorgetäuschte Liebe und Kriegshandlungen als soziale Erfahrungen begriffen werden). Die reale Welt andererseits wirft viele Probleme auf, die Kinder nicht lösen können, bringt sie in Kontakt mit Menschen, die sie nicht leiden und mit denen sie nicht auskommen können und konfrontiert sie mit Situationen, die sie nicht mehr beherrschen. Anstelle von Belohnungen erleben sie Tag für Tag Misserfolge und scheitern, oft auf ganzer Linie.

Eine der verstörendsten Entwicklungen bei heutigen Kindern ist der offensichtliche Mangel an Sozialisation. Wutanfälle, mangelnde Selbstbeherrschung und Aggressionen sind die häufigsten Gründe für Zuweisung 1 bis 12jähriger Kinder in meine Praxis. Viele beginnen das erste Schuljahr ohne verständliche, gegliederte Sprachfähigkeit, doch erhalten sie als erstes ein iPad.

Die Erwachsenen haben wohl vergessen, dass eine gelungene Sozialisation der Schlüssel für künftigen persönlichen und beruflichen Erfolg ist und sie begreifen nicht, dass ein Kind unmöglich mit einem Smartphone sozialisiert werden kann. Wie sollen junge Erwachsene ihre Ausbildung abschließen, einen Job bekommen und sinnvolle Beziehungen pflegen, wenn sie nicht über ein Minimum an Sozialkompetenz verfügen? Etwa 50% der jungen Erwachsenen leben heute bei ihren alternden Eltern. Wenn jemand meint, man müsse sich keine Gedanken machen, ob wir einen Fehler begehen, Kindern in den ersten Lebensjahren, die für ihre Formung so wichtig sind, elektronische Spielzeuge zu geben, statt für sie Eltern und Lehrer zu sein, dann gibt es düstere Aussichten für die Zukunft -wenn es denn eine Zukunft gibt- für die kindlichen Übermenschen.

Vor vier Jahren wurde meine heute 19jährige Tochter 15. Das war damals das Alter, in dem viele Eltern ihren Kindern das erste Handy, den eigenen Laptop und ein Facebook-Konto erlaubten. Während wir uns bemühten, die Technologie zu beherrschen, Regeln aufstellten, gelegentlich auch mal das Gerät konfiszieren mussten, wuchs meine Tochter heran und aus ihrem unablässigen Bedürfnis, eingeloggt zu sein, wieder heraus.

Heute haben selbst Kleinkinder schon ihr eigenes iPad und iPhone. Wie kann es sein, dass Eltern in einer Zeitspanne von nur 4 Jahren zur Überzeugung gelangt sind, dass es gut sei, einem Kind nicht erst mit 15, sondern schon mit 2 Jahren ein Smartphone in die Hand zu drücken? Diese Eltern kämen sicher nicht auf die Idee, ihren Kindern Kokain zu verabreichen, doch geben sie ihnen ohne weiteres Geräte, die ebenso süchtig machend und schädlich wirken.

Ich höre oft Eltern sagen: „Es ist doch pädagogisch wertvoll“, oder „Es hilft, die visuellen und motorischen Fähigkeiten zu entwickeln“, um so das ständige Spielen mit dem Gerät zu rechtfertigen. Allerdings sehe ich auch, dass es meist die Eltern sind, die ihre Finger nicht von ihren Smartphones lassen können. Auch Lehrer haben mit dem Phänomen zu kämpfen. Ich beobachte häufig, dass Schüler auf der elektronischen Tafel, dem „Smartboard“ Filme anschauen, oder „Screen-hopping“ betreiben, während sie anscheinend ihre Hausaufgaben auf dem iPad erledigen, während der Lehrer oder sein Assistent Nachrichten textet oder auf Facebook postet.

Das Geld, das in immer mehr „technologische Lernhilfen“ gesteckt wird, trägt dazu bei, dass noch mehr Lehrer und Assistenten eingestellt werden müssen, um die sich aus der Nutzung ergebenden problematischen Verhaltensweisen und Lernschwierigkeiten zu beherrschen.

Was lernen eigentlich Kinder wirklich, wenn Eltern und Lehrer nicht die eigenen Geräte aus der Hand lassen können? Es liegt auf der Hand…übermäßiger Gebrauch solcher Geräte durch Erwachsene führt zu umfassender Vernachlässigung der Kinder. Traurig, frustriert und bösartig (Sad, mad, and bad), so leben sich diese vernachlässigten Kinder aus und müssen deshalb immer spezifischer gefördert und betreut werden. Der Umgang mit so vielen schwierigen Kindern macht auch Eltern und Lehrer immer frustrierter, was wiederum die Kinder stresst, sodass alle Beteiligten eigentlich gern voreinander weglaufen möchten und sich in eine Welt verkriechen wollen, wo jeder glücklich und alles gut ist.

Die Transformation in die Übermenschlichkeit hat begonnen.

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Cris Rowan ist pädiatrische Beschäftigungstherapeutin, Biologin, Sprecherin und Autorin des Buches „Virtual Child: The terrifying truth about what technology is doing to children“. (Das virtuelle Kind - Die erschreckende Wahrheit darüber, was Technology bei Kindern anrichtet). Cris kann auf info@zonein.ca kontaktiert werden. Dieser Beitrag wurde zuerst auf ihrer Website, Moving to Learn publiziert und wird mit freundlicher Genehmigung hier veröffentlicht.