Lernen Ihre Kinder kritisches Denken?

von Thomas Lickona - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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In seinem Buch Intellectual Character: What It Is, Why It Matters, and How to Get It, stellt Harvards Ron Ritchhart die Frage: „Macht die Schule Kinder smarter“? Um diese Frage zu beantworten müssen wir zunächst den Begriff „smart“ (klug, gewitzt, pfiffig, intelligent, gescheit, etc.) definieren.

Wohl die meisten Lehrer sind der Meinung, dass „smart sein“ einschließt, gute Fragen zu stellen. Lehren Schulen das? Wie oft sind Sie in Ihrer Schulzeit aufgefordert worden, intelligente Fragen zu stellen?

Hier eine persönliche Erfahrung: Als unser ältester Sohn Mark die fünfte Klasse besuchte, kam er eines Tages heim und verkündete: „Wir haben heute gelernt, dass die Chinesen Amerika entdeckt haben.“ „Tatsächlich?“ erwiderte ich mit aufrichtigem Interesse. „Als ich in deinem Alter war, lernten wir, dass Columbus Amerika entdeckte. Später wurde dann unterrichtet, dass es wohl eher Leif Erikson und die Wikinger waren. Wer hat denn nun entschieden, dass es die Chinesen waren?“

„Das steht in unserem Schulbuch“, antwortete Mark.

„Okay, aber woher wissen die Autoren, dass die Chinesen Amerika entdeckt haben?“

„Wissenschaftler haben in Georgia chinesische Artefakte entdeckt“, sagte Mark.

„Hm . . . und woher wollen sie wissen, dass es sich um chinesische Artefakte handelt und wie alt sie sind?“

„Och Papa“, sagte Mark, schon ziemlich frustriert, „diese ganzen Fragen kann ich nicht beantworten!“

„Ich versuche nur, dich zum Nachdenken zu bewegen“, sagte ich. „Stellst du euren Lehrern nie solche Fragen?“

Mark antwortete: „Wenn ich meine Lehrer so etwas fragen würde, würde ich sie in den Wahnsinn treiben! Sie wollen nur, dass man lernt und nicht den Verstand dabei einschaltet!“

Marks Lehrer wäre sicher schockiert gewesen, hätte er gewusst, dass Mark zu diesem Schluss gekommen war. Beinahe alle Lehrer behaupten doch, dass sie ihre Schüler zum Denken und zwar zum kritischen Denken anleiten wollen.

Was ein guter Lehrer tun kann

Unsere beiden Söhne sind nun selbst Väter, von acht, bzw. sechs Kindern. Ich holte vor ein paar Tagen unseren ältesten Enkel Fin, mittlerweile Oberstufenschüler, von der Schule ab. Seine letzte Stunde war amerikanische Geschichte, eines seiner liebsten Fächer. Ich fragte ihn, warum.

„Der Lehrer ist einfach klasse und hat Sinn für Humor“, sagte er. Ich fragte weiter: „Wie gestaltet er denn den Unterricht?“

Fin: „Nun, als unser Kurs begann, sagte er, dass sein Ziel sei, uns zum Nachdenken zu bringen. Er wies uns auch darauf hin, dass er libertär geprägt sei, was vielleicht an der einen oder anderen Stelle im Unterricht durchscheinen könne und was wir deshalb wissen sollten. Er gibt einem das Gefühl, frei seine eigene Meinung äußern zu können. Was ich am meisten schätze, ist dass er uns auf logische Trugschlüsse hinweist und wie man diesen argumentativ begegnen kann.“

Hier ist also ein Lehrer, der kritisches Denken in drei Richtungen fördert:

■ Er sagt seinen Schülern klar, dass sein Ziel ist, sie zum Denken zu bewegen.

■ Er macht auf seine libertäre Haltung aufmerksam und schafft eine Atmosphäre intellektueller Freiheit

■ Er leitet zu logischem Denken an und macht irrige Beweisführung durchschaubar.

Mehr dazu in Critical Thinking: How To Teach It? (engl. pdf) u.a. mit folgenden Themen:

Colleges, die keine Fähigkeiten zur kritischen Auseinandersetzung vermitteln. Der Soziologe Richard Arum von der New York University, beschrieb in seinem 2011 erschienenen Buch Academically Adrift: Limited Learning on College Campuses, (Akademisch gescheitert: Grenzen des Lernens an den Hochschulen), seine vierjährige Studie, die die akademische Entwicklung von 2322 Studenten an insgesamt 24 Hochschulen und Universitäten der USA untersuchte. Danach machten 45% der Studenten keine wesentlichen Fortschritte in den ersten beiden Studienjahren beim kritischen Denken und Argumentieren in Wort oder Schrift. Nach vier Jahren Studium zeigten noch 36% keine Fortschritte. Viele Studenten kamen zum Abschluss, ohne die Fähigkeit, Fakten von Meinungen zu unterscheiden, logisch klare Argumente zu Papier zu bringen, oder widersprüchliche Berichte über eine Situation, oder ein Ereignis bewerten zu können.

Ein Programm, das es bringt: An der Oakland (CA) Technical High School, einer großen multi-ethnischen Hochschule, gibt es ein Curriculum, speziell darauf ausgerichtet, kritisches Denken zu fördern: das Paideia program. Nach einem Modell, das der Erziehungs-Philosoph Mortimer Adler von der University of Chicago entwickelte, vermittelt Paideia Denk- und Kommunikationsfähigkeit nach Sokratischen Methoden, unter Einschluss von Englisch und Geschichte und anspruchsvollen Lese- und Schreibaufgaben.

Strukturierte Auseinandersetzung. Diese ist ein forschungsbasierter Weg zur Bewältigung kontroverser Themen; ein Weg, der verhindert, dass Lehrer mit eigenen Vorurteilen der Diskussion eine bestimmte Richtung geben, die Beteiligung der Studenten maximiert und die Vorteile kooperativen Lernens bündelt. Die Methode wurde von den Experten für kooperatives Lernen David und Roger Johnson entwickelt und definiert Kontroversen als „interessante Probleme, die zu lösen sind anstatt sich in „win-lose“ Diskussionen zu verzetteln“. Die Johnsons bevorzugen die Kooperation der Studenten und vermeiden klassische Debattenformate.

Sollten Schulen über Abtreibung diskutieren? Der Ethiker John Noonan stellt fest, dass seit den Bürgerkriegen wegen Sklaverei die Nation über grundlegende Fragen, wie „Wer ist ein Mensch?“ und „Wem sind Menschenrechte zuzusprechen?“ nicht mehr so geteilt war, wie in diesen Tagen. Als einige Schulen in Maryland „Respekt vor dem Leben“, als einen von 18 ethischen Werten, die gelehrt werden sollen, approbierten, waren viele Lehrer nicht sicher, wie Fragen zur Abtreibung, die sicherlich aufkommen würden, zu beantworten seien.

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Dr. Thomas Lickona ist Entwicklungspsychologe und Professor für Erziehungswissenschaften an der State University of New York in Cortland, wo er das Center for the Fourth and Fifth Rs (Respect and Responsibility) leitet.