Warum unsere Kinder ein Glück sind

Warum unsere Kinder ein Glück sind
Aus der Vielzahl der pädagogischen Neuerscheinungen sorgten in den letzten Jahren zwei Bücher für besondere Aufmerksamkeit und hohe Verkaufszahlen. Das Buch von Bernhard Bueb, „Lob der Disziplin“, das schon eine „wissenschaftliche Antwort“ von Micha Brumlik unter dem Titel „Vom Missbrauch der Disziplin“ herausgefordert hat, und letztes Jahr das Buch von Michael Winterhoff „Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit“.
Rezension von Horst Hennert
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Wolfgang Bergmann, Warum unsere Kinder ein Glück sind, Beltz, 2009 > Hier kann das Buch bestellt werden (versandkostenfrei): Buchhandlung Falk

Bergmann gegen Winterhoff
Mit „Warum unsere Kinder ein Glück sind“ legt Wolfgang Bergmann ein Gegenkonzept zu Winterhoffs „Tyrannen-Buch“ vor, wie er es laut Aufkleber auch verstanden wissen will.
Spiegel online nahm diese > Kontroverse der beiden Buchautoren zum Anlass, beide zu einem Streitgespräch einzuladen. In der Situationsanalyse sind sich der Kinder- und Familientherapeut Bergmann und der Kinderpsychiater Winterhoff weit gehend einig: „Die Kinder laufen uns aus dem Ruder“, bestätigen beide. Im Verlauf des Gesprächs wirft Bergmann seinem Gesprächspartner immer wieder vor, rückwärtsgewandte, autoritäre Methoden zu propagieren, ähnlich wie Bueb, wogegen sich Winterhoff heftig wehrt. Das Interview macht ihre unterschiedliche Positionen deutlich und zeigt gleichzeitig den pädagogischen Ansatz Bergmanns auf.
Hier eine Probe ihrer Statements:
Winterhoff: „Wer das Kind als Partner, als kleinen Erwachsenen ansieht, der handelt nicht mehr intuitiv, sondern über den Kopf. Vielleicht kommt es Ihnen anstößig vor, Herr Bergmann, aber schwierige Erziehungsfragen kann man automatisch aus der eigenen Intuition heraus lösen, dafür benötigt man nicht einmal Erziehungsratgeber. Einen Säugling etwa kann und will man nicht warten lassen, aber mit acht oder neun Monaten entwickeln Eltern das Gefühl: Jetzt ist es gut, jetzt kann er auch mal warten. Wo diese Intuition fehlt, gibt es oft eine Beziehungsstörung. Man lässt das Kind nicht warten, um seine Liebe nicht zu verlieren.“
Bergmann: „Es ist ein falscher Blick auf das Kind: Das gewünschte Ziel muss erreicht werden. Das ist genau der Punkt, an dem in den Familien unlösbare Konflikte aufbrechen. Gerade die kleinen Kinder entfalten ihre Intelligenz, ihre Neugier, ja ihre seelische Versöhnung mit der Fremdartigkeit und der Eigenart der Welt dadurch, dass sie eine streunende, abenteuerlustige Neugier auf diese Welt haben. Herr Winterhoff, Ihnen unterlaufen - willentlich oder nicht - an manchen Stellen hochgradig autoritäre, dunkle, rückwärtsgewandte Formulierungen ... Sie sagen, das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern sei so angesiedelt, dass Erstere über Letztere erhaben sein sollen.“
Auf die Frage des Reporters, wie wir aus dem Katastrophenszenario herauskommen können, antworten zum Abschluss beide:
Bergmann: „Ein Ausweg ist sicher, dass wir mit den Kindern raus müssen aus der erzwungenen Rivalität, die schon in den Schulen alles beherrscht. Ich habe Fälle in der Praxis, da fragen sich Zehnjährige: "Meine beste Freundin bekommt nur die Hauptschul-Empfehlung. Darf ich mit der denn noch spielen?" Kinder lernen Leistungsangst kennen, bevor sie mit sich selbst vertraut sind. Kindergartenkinder müssen auch kein Chinesisch lernen, leider sind Elitekindergärten erfolgreich. Diese fatale Entwicklung muss man stoppen.“
Winterhoff: „Das System wird zusammenbrechen, wenn man jetzt nichts macht. Die Entscheidungsträger im politischen Bereich müssen sich mit dem dringlicher werdenden Entwicklungsnotstand unserer Kinder von der Ursache her auseinandersetzen, anstatt immer neue Behandlungsmethoden für Symptome zu erfinden. Wenn man die Beziehungsstörungen erkennt, lassen sich auch Strategien entwickeln, diese aufzulösen. Eltern müssen Kinder wieder als Kinder behandeln, um ihnen eine gesunde psychische Reifeentwicklung zu ermöglichen.“
Als Einstieg in die Lektüre des Buches von Bergmann lohnt es sich, das ganze Interview zu lesen. Denn in der Tat setzt sich Bergmann auf fast jeder Seite seines Buches mit den von ihm kritisierten Aussagen von Winterhoff auseinander.
Wie Kinder keine Tyrannen werden

„Das Leben mit Kindern macht Spaß“, so überschreibt Bergmann sein erstes Kapitel, in dem er gegen Strafen, Grenzen, Gehorsam, Disziplin (Bueb) als Gegenprinzip „Liebe“ setzt, die Kinder brauchen. Er beschreibt dann die Veränderungen, die in unseren heutigen Familien vor sich gegangen sind und welche Auswirkungen sie auf Kinder haben. Sein Beispiel der „Übermutter“ – es gibt sie wohl gar nicht so selten -zeigt, wie ihr Sohn kein normales Verhältnis zur Außenwelt entwickeln kann und von Angst in Aggressionen verfällt. Ein derartiges Problem ist sicher nur durch eine völlige Verhaltensänderung der Mutter zu lösen, wie er sie angibt. Aber nicht alle kindlichen Fehlentwicklungen liegen nur am falschen Verhalten der Erwachsenen.
Die im letzten Teil folgenden Beispiele sind hilfreich, weil sie meist aus alltäglichen Situationen entnommen sind. Der Blickpunkt des Autors bleibt dabei darauf gerichtet, dass die Eltern diejenigen sind, die sich ganz auf die Kinder einzustellen haben, da sie Erwachsene sind, und dass sie ihr Verhalten den Bedürfnissen des Kindes anpassen müssen. Dabei können auch schon einmal kleine Tricks hilfreich sein, um das „Haben-Wollen“ und zwar sofort, des Kindes dahingehend zu steuern, dass seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt wird.
Die Stärke des Buches liegt zweifelsohne darin, dass der Autor davon überzeugt ist, dass „Eltern sich ganz fest darauf verlassen können, dass ihr Kind sie liebt. Es kann nicht anders, es ist gleichsam in das Überlebensprogramm der Kinder eingeschrieben.“ Die gegenseitige Liebe ist das „Programm“, das nach Bergmann jeder Erziehung zugrunde liegen muss. Wenn Schwierigkeiten auftreten, z.B. wenn sich eines der Kinder weniger geliebt fühlt, wenn es mit einem Angst- oder Wutgefühl nicht umzugehen weiß oder wenn es nur keine Lust hat, sein Spiel zu beenden – immer ist das Verständnis, die Liebe und das daraus resultierende richtige Verhalten der Eltern gefordert. So kommt Bergmann auch zu der Aussage, dass Erziehen eine Kunst sei: „elterliche Kunst heißt, zu wissen, wann man schweigen muss und wann man fragen soll“.
Erziehungskunst

Natürlich weiß auch Bergmann, dass es Situationen gibt, in denen man „Nein“ sagen muss, Kinder vor etwas beschützen muss, vor einer belebten Straße o.ä. Aber auch dann erwartet er von liebevollen Eltern, dass sie dies so verständnisvoll, ruhig, gelassen und situationsgerecht tun, dass es für ein Kind nicht zum Problem wird. Jedenfalls sind Strafen und Schimpfen für ihn „tabu“, da sie nur die Persönlichkeit des Kindes schwächen und verunsichern.
Der Anspruch, den Bergmann an Eltern stellt, ist sehr hoch – und sicher so nicht immer zu leisten. Man würde sich wünschen, dass der Autor auch Beispiele aufgegriffen hätte, bei denen es um ältere Kinder, um Jugendliche geht und darum, wie mit den größeren Konflikten, die dann auftreten, umgegangen werden kann. Wenn wir auf seinen Satz im Spiegel-Interview zurückschauen „Die Kinder laufen uns aus dem Ruder“ und auf sein Eingeständnis auch keine Lösung dafür zu haben, wie wirksam gegengesteuert werden kann, dann bleibt für den Leser nach beendeter Lektüre die Frage unbeantwortet, ob das sicher wünschenswerte, aber auch sehr idealistische „Programm“ Bergmanns zu dem erhofften Ziel führt, oder ob nicht für Kinder, in denen es auch Gutes und Schlechtes gibt, gilt, dass sie lernen müssen, dass ihr Handeln und Verhalten auch Konsequenzen hat, in die man sie einüben muss, will man sie lebenstüchtig machen.
Das Buch der Sprichwörter (3,12) kennt daher auch eine kontrastierende Form der Liebe, mit der Bergmann so sicher nicht einverstanden ist: „Wen der Herr liebt, den züchtigt er, wie ein Vater seinen Sohn, den er gern hat.“

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