Die Sprache des Glaubens ist einfach. Kompliziert sind wir.

Die Sprache des Glaubens ist einfach. Kompliziert sind wir.
In der Bibel spricht Gott auch zu Kindern. - Nicht selten hört man die Klage, die Sprache der Kirche sei heute nicht mehr verständlich. Deshalb komme der Glaube bei den Menschen heute nicht mehr an. Vorsicht. Erstens klingt es manchmal nach Vorwurf, und zweitens kann es ja auch ein Vorwand sein. Zumal diese Aussage oft von Leuten kommt, die sonst überzeugt sind, dass wir heute mehr und es besser wissen als frühere Generationen. Aber vielleicht ist auch etwas dran. Dann liegt es wohl vor allem daran, dass wir heute gerne den christlichen Glauben mit Theologie verwechseln, womöglich auch noch mit wissenschaftlicher Theologie. Um zu glauben, muss man nicht Theologie studiert haben. Manchem Theologen ist sein Studium sogar zum Glaubenshindernis geworden. Die meisten Heiligen haben nie eine Universität von innen gesehen.
von Hans Thomas
---
Gott ist einfach, und der Glaube ist ein Geschenk Gottes. Allerdings müssen wir das Geschenk annehmen wollen. Der christliche Glaube ist einfach. Wenn wir etwas Kompliziertes erwarten, liegt es an uns, liegt es daran, dass wir kompliziert sind.
Die Ursprache der Kirche ist die Bibel. So unverständlich kann die Sprache doch nicht sein. Denn es gibt sogenannte Kinderbibeln, die die biblischen Geschichten kindgerecht vereinfacht, aber treu in der Sache, nacherzählen und von Kindern gut verstanden werden. Es gibt viele Ausgaben, aus evangelischen wie aus katholischen Verlagen. Meist sind es kleine, oft auch sympathisch illustrierte Bücher. So ist es jedenfalls bei der Kinderbibel, die ich gerade in der Hand habe. Zu dieser gibt es sogar noch ein Malbuch. Sie ist herausgegeben von dem internationalen katholischen Hilfswerk Kirche in Not/Ostpriesterhilfe und hat den Titel: „Gott spricht zu seinen Kindern – Texte aus der Bibel“.
Wer sich nicht zu erwachsen fühlt, um die kurzen Geschichten darin zu lesen, wird zuerst überrascht sein, wie spannend sie sind. Ich kann mir immer nicht den Gedanken verkneifen: Genau das Richtige für die Mütter und die Väter. Und zwar nicht nur, damit sie sie lesen, um sie dann ihren Kindern, die noch nicht selbst lesen können, zu erzählen oder sie ihnen vorzulesen. Das natürlich auch, denn dazu ist das Buch ja gedacht. Auch für sie selbst: Denn erstens werden sie entdecken, wie einfach die Sprache des Glaubens sein kann. Und zweitens: als Häppchen, die Appetit darauf machen, die Bibel auch im Original zu lesen.
Und sage keiner, das Büchlein käme nicht an. Es ist ein Renner - mit Nachfrage aus der ganzen Welt. Und von den Ärmsten der Welt. Ihnen schenkt sie das Hilfswerk. Aber natürlich sind die, die sie bezahlen, auch Freunde dieser Kinderbibel. Sie kommen dem Bedarf kaum nach. Nach diesem Büchlein gibt es einen Heißhunger, den man sich kaum erklären kann. Es wurde bisher schon 38 Millionen mal gedruckt - in 128 Sprachen.
Wetten, dass es an uns liegt, wenn wir die Bibel nicht verstehen? Da liefert uns die Mattscheibe laufend Mord und Totschlag, und in der Zeitung lesen wir täglich von lauter Problemen, von Arbeitslosigkeit, die nicht in den Griff zu kriegen ist, vom Rentendesaster und immer mehr Armut und Elend in der Welt, von organisierter Kriminalität, von Krieg, internationalem Terrorismus und Bedrohung mit Massenvernichtungswaffen, als gehe die Welt unter, wenn wir - ja wir, und zwar auf uns allein gestellt und vielleicht noch auf unsere Regierung – das alles nicht sofort abwenden.
Die 63. Geschichte in der Kinderbibel steht unter der Überschrift: „Warum habt Ihr Angst?“ Und die geht so: „Eines Abends sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wir wollen über den See an das andere Ufer fahren. Sie stiegen in das Boot und legten ab. Da brauste plötzlich ein mächtiger Sturm über den See. Die Wellen gingen hoch, das Boot füllte sich mit Wasser. Jesus aber schlief hinten im Boot. Die Jünger weckten ihn und riefen: Kümmert es dich nicht, dass wir untergehen? Da stand Jesus auf. Er drohte dem Wind und sagte zum See: Still! Sei ruhig! Da legte sich der Wind und es wurde still. Zu den Jüngern aber sagte Jesus: Warum habt ihr Angst? Warum habt ihr keinen Glauben? Da fürchteten sich die Jünger. Sie fragten einander: Ist er mehr als ein Mensch? Sogar der Wind und die Wellen gehorchen ihm! (vgl. Mk. 4, 35-41).“
Die Kinder verstehen sofort. Wir Erwachsenen mögen stutzen. Oder lächeln. Oder mit dem Wenn und Aber kommen. Die einfachen Erzählungen dieser Kinderbibel erinnern mich sogleich an die Geschichte vom siebenjährigen Giuseppe Sarto.
Giuseppe Sarto wurde später Papst und heißt seitdem Pius X. Und der war bekanntlich ein großer Verehrer der Eucharistie und führte in der katholischen Kirche die Praxis der frühen Erstkommunion ein – im Alter von sieben Jahren. Eine kirchliche Vorschrift für die Zulassung zur Erstkommunion lautet seit eh und je, dass der oder die Zuzulassende zum hinreichenden Gebrauch der Vernunft gekommen ist. Er oder sie sollte wirklich verstehen können, um was es sich bei der Hl. Kommunion handelt. Als Giuseppe Sarto – der spätere Papst Pius X. – noch ein Kind war, herrschte die Praxis, jenen hinreichenden Vernunftgebrauch erst im Alter von zwölf Jahren anzunehmen.
Von Giuseppe Sarto ist folgende sympathische Anekdote überliefert. Sollte sie erfunden sein, ist sie jedenfalls gut erfunden. Schon mit sieben Jahren bat Giuseppe seinen Pfarrer, ihn jetzt mit zur Erstkommunion zu lassen. Der Pfarrer winkte ab. Aber der Junge quengelte und quengelte. Dem Pfarrer machte das Kopfzerbrechen. Da bekam er Besuch von seinem Bischof. Unter anderem erzählte der Pfarrer dem Bischof von dem prächtigen Jungen Giuseppe und dessen leidigem Nachhaken. Beide waren sich unschlüssig. Der Pfarrer sah durchs Fenster. Draußen spielten Kinder. Er zeigte hinaus und sagte: „Da ist der Junge“. Der Bischof: „Dann rufen sie ihn doch mal rein“. Der Pfarrer brachte dem Jungen bei, wie er den Bischof ehrerbietig zu begrüßen hatte, und brachte seinen sehnlichen Wunsch zur Sprache. Dann fragte der Bischof mit ernster Mine: „Nun, mein lieber Pepino, verstehst Du denn wirklich, was die Hl. Kommunion bedeutet?“ Antwort: „Das ist der Heiland. Wissen Sie mehr?“
Unsere Lust, den „erwachsenen“ Glauben zu komplizieren, knickt einfach ein unter Giuseppe Sartos kindlicher Belehrung! Unser Glaube soll kindlich einfach sein. Nicht kindisch, sondern ein Glaube von Kindern Gottes, ihres himmlischen Vaters. Das sagt uns in der Bibel Jesus Christus selbst und macht uns Erwachsenen die Kinder zum Vorbild: „wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Matth. 18,3).
Taxonomy upgrade extras: 

Kommentare

„Als ich ein Kind war, / redete ich wie ein Kind, / dachte wie ein Kind / und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, / legte ich ab, was Kind an mir war.“

Unser Glaube ist nicht einfach - zumindest für mich als Erwachsenen nicht. Er ist reich - unendlich reich - bis zu meinem Lebensende werde ich nur winzige Bruchteile davon erfasst haben. Ein kleines Beispiel:

„Unser tägliches Brot gib uns heute“

Ein Kind versteht darunter das für dieses Leben notwendige Brot. Für mich stecken in dieser einfachen (?) klaren Bitte weitere tiefe Bedeutungen, wie die Eucharistie, das Manna vom Himmel; das Wort „Unser“ bezieht sich für mich auf uns alle Menschen - ich bitte für uns alle, insbesondere für die Hungernden und die, die noch nicht zu Christi Leib gefunden haben, um das tägliche Brot.

Mit Überlegungen dieser Art kompliziere ich den Glauben nicht; denn ein schon so einfach erscheinender Satz ist überaus reich an Information. Wie sollte es auch anders sein? Er stammt schließlich von unserem Herrn.

Was ist „Glaube“? Bis vor kurzem habe ich es für mich mit „Vertrauen“ übersetzt, aber das reicht bei weitem nicht: „credere“ kommt bekanntlich von „cor dare“, also „das Herz geben“. Mir scheint jetzt, dass der christliche Glaube darüber hinaus noch viel weiter reicht - er umfasst auch die Vernunft, mit der wir Menschen die Natur, die Schöpfung also, erforschen können, ja müssen - die Grundfragen des Lebens „Woher kommen wir - wohin gehen wir“ fordern nicht nur mich leidenschaftlich dazu auf. Der Glaube umfasst auch die Schönheit, die ich kaum verstehe: Beim Anblick des Sonnenaufganges, eines Bildes wie Caravaggios „Enthauptung des Johannes des Täufers“ oder dem Besuch der Oper „Parsifal“ fühle ich mich auf ähnliche Weise angesprochen wie durch die Liebe zu meinen Kindern. Das ist für mich ein Mysterium.

Nein - der Glaube ist nicht einfach - auch und gerade für Kinder nicht. Sie müssen ihn mit Hilfe ihrer Eltern entfalten. Und den Weg zum Glauben mit ihnen, unseren Kindern, im Gespräch/Gebet mit unserem Herrn zu gehen - das ist eine begeisternde Aufgabe, die auch nicht endet, wenn die Kinder erwachsen sind.

Noch kurz zu „...kompliziert sind wir“:

Wieso „wir“? Der Lehrer betritt die Klasse und verkündet: „Heute schreiben wir eine Klassenarbeit!“ Wir?

Wir sind alle Sünder - das ist richtig, aber nicht auf dieselbe Art und Weise. Seit einiger Zeit bemühe ich mich, sorgfältiger mit diesem so überaus wichtigen Wort umzugehen, was mir überhaupt nicht leicht fällt, weil ich viel zu häufig davon ausgehe, den anderen geht es nicht anders als mir.

Ich schreibe diese Email, weil der immer wieder an mich herangetragene blinde Glaube als alleiniger Weg für mich nicht gangbar ist und immer wieder ich feststelle, dass es vielen anderen Menschen ähnlich geht.