Krabbelkinder profitieren nicht vom Fernsehen

Krabbelkinder profitieren nicht vom Fernsehen
Babys zum Lernen vor den Fernseher zu setzen, hat sich als Irrweg herausgestellt. - Das Haus, das Mickey Maus einst baute, hat Schaden erlitten. Das Walt Disney Imperium, erfolgsverwöhnt durch Serien, wie „Hannah Montana“, Hollywood-Beteiligungen, Fernsehsender, wie ESPN, sowie ausgedehnte Themen- und Vergnügungsparks muss sich bescheiden. Es geht nicht um große Dinge, aber die Anwälte von Walt- und Team-Disney, sind eigentlich nicht daran gewöhnt, zu verlieren.
von Kevin Ryan - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Seit 1998 wurden Disneys „Baby Einstein" Videos und DVD’s aggressiv vermarktet, um Eltern zu „helfen“, die Intelligenz ihres Nachwuchses zu steigern. 10 Jahre lang wurden Kinder der Zielgruppe 3 Monate bis 3 Jahre „bildungshalber“ vor den Fernseher gesetzt, wodurch das Disney-Imperium Millionen an Einnahmen verbuchen konnte.
Eine Erhebung aus dem Jahr 2003 zeigt, dass ein Drittel aller amerikanischen Kinder im Alter zwischen 6 Monaten und 2 Jahren den „Baby Einstein“ Videos ausgesetzt waren. Disneys Erfolg rief eine Reihe von Mitbewerbern auf den Plan, die behaupteten, Kindern Hilfestellung in Musik, im Sport und vielleicht sogar bei der Formulierung fauler Versprechungen zu geben, die Millionen einbringen.
Ein Zugewinn an Hirnmasse war jedoch nicht festzustellen. Aktivisten einer Kampagne für „werbefreie Kindheit“ haben die Macher von „Baby Einstein“ genötigt, zu beweisen, dass ihre Produktionen mehr sind, als nur elektronische Babysitter. Der Druck stieg noch weiter, als die amerikanische Vereinigung der Kinderärzte, angesichts der Zeit, die Kleinkinder vor dem Fernseher verbrachten, komplette Fernsehabstinenz empfahlen.
Als Reaktion auf diesen Gegenwind sahen sich Disneys Marketing–Strategen genötigt, den Begriff „pädagogisch wertvoll“ aus ihren Werbebotschaften zu tilgen und enttäuschten Eltern eine Vergütung zu gewähren. Die Erstattung von $15.99 mag zwar die Eltern fernsehfixierter Kleinkinder ein wenig besänftigt haben, doch kann diese Beruhigungspille bei der Bewältigung eines größeren Problems helfen? Wird es Eltern dazu bringen, ausgewogenere Erziehungsziele anzustreben?
Das Bestreben, den IQ oder Intelligenz-Quotienten eines Menschen zu erhöhen, war über Jahrzehnte das erklärte Ziel seriöser Wissenschaftler und von Scharlatanen. Die Wissenschaft hat im Großen und Ganzen die Bemühungen um schnelle Verbesserungen des IQ aufgegeben, aber die Scharlatane treiben weiterhin ihr Unwesen. Der IQ als Maß unserer Lernfähigkeit scheint jedoch ziemlich stabil. Zwar können Unterernährung und wohl auch ein Übermaß an Fernsehkonsum ihn schwächen, doch können Eltern wenig tun, die Punktzahl ihres Kindes anzuheben.
Ohne Frage ist das Ziel legitim, sich Kinder zu wünschen, die Kenntnisse, vielseitige Interessen und den Kopf randvoll mit Fakten, Theorien und Ideen haben. Ebenso legitim ist auch der Wunsch von Eltern, dass ihre Kinder die besten Schulen besuchen und zu gut ausgebildeten Erwachsenen werden. Die Wegweisungen von „Baby Einstein“ und seiner Verwandtschaft: Verbesserung des IQ durch 10 einfache Video-Lektionen wird bedauerlicherweise nicht zum Ziel führen. Sie sind weiße Salbe für die Gemüter ängstlicher und oft auch bequemer Eltern. Schlimmer noch, sie lenken Sorge und Aufmerksamkeit vom Königsweg der Erziehung ab: der Entwicklung des CQ.
CQ steht für Charakter–Quotient, ein wissenschaftlicher Begriff speziell auf diesen Beitrag zugeschnitten. CQ riecht zugegebenermaßen nach Ersatz für die „Baby Einstein“ Werbung, doch steht dieser Terminus für eine der wichtigsten Wahrheiten, die die Menschheit kennt: „Charakter bedeutet Schicksal“.
Jeder Mensch hat einen Charakter und jeder Charakter ist unterschiedlich. Unsere Charaktere sind die Summe unserer Gewohnheiten, den Ereignissen im Leben zu begegnen. Sie stellen die Gesamtheit unserer guten, ebenso wie unserer schlechten Gewohnheiten, unserer persönlichen Tugenden und unserer Laster dar. Auf den Wegen unseres Lebens entwickeln wir vielleicht die Gewohnheit, Aufgaben erst auf den letzten Drücker zu erledigen; oder wir kommen nicht umhin, ein eben gehörtes, pikantes Gerücht sofort weiterzuerzählen. Vielleicht helfen wir aber auch, ohne lange zu überlegen, jemandem, der unsere Hilfe braucht; oder wir halten uns an die ungeschminkte Wahrheit, wenn es auch weh tun mag.
Solche Gewohnheiten sind Ausflüsse unserer Charaktere, für die wir bekannt sind. Zwar kennen wir selbst unseren eigenen Charakter kaum, doch unser Ehepartner, unsere Kolleginnen und Kollegen kennen ihn. „Er ist absolut großzügig, aber er schafft es nicht, seine Arbeit zu erledigen.“ „Sie nervt einfach, aber sie packt an, wenn die Dinge getan werden müssen.“
Jeder Mensch wird bestimmt und definiert durch seine Gewohnheiten. Während sich diese Gewohnheiten jedoch beim Erwachsenen mehr und mehr verfestigen, sind sie bei Kindern und Heranwachsenden durchaus noch formbar. Diese Aussage mag vielen wie eine Plattitüde vorkommen, doch bleibt die Frage, warum nur wenige Eltern ihr Augenmerk in der Erziehung auf die Bildung guter Gewohnheiten lenken.
Anstatt Kevin und Laura vor den Fernseher zu setzen, damit sie dort „was für’s Leben lernen“, sollten besorgte Eltern ihnen helfen, Ausdauer, Selbstbeherrschung und Sorgfalt zu üben. Es sind genau diese Gewohnheiten, die einen guten Schüler, ebenso wie einen geschätzten Mitarbeiter ausmachen. Ein Charakter, der von solchen Gewohnheiten gekennzeichnet ist, weiß sich Ziele zu setzen und eine Arbeit fertigzustellen, ob es nun um ein Examen oder ein Stipendium geht.
Charakter stammt vom griechischen Begriff für „eingravieren“. Eltern können einen unschätzbaren Beitrag leisten, ihr Kind bei der Verfestigung guter Gewohnheiten zu unterstützen, doch ab einem bestimmten Moment muss der junge Mensch selbst die Aufgabe übernehmen, seinen Charakter weiter zu bilden. Das eigene Kind von der Bedeutung und Wichtigkeit der persönlichen Charakterbildung zu überzeugen, ist deshalb eine verantwortungsvolle Pflicht der Eltern. Charakterbildung dauert lange und ist oft mühsam, aber der Lohn für Eltern und Kind ist unschätzbar.
Der Schlüssel zur Vervollkommnung des CQ eines Menschen war immer schon über die Jahrhunderte bekannt. Aristoteles lehrte uns, dass ein Mann tapfer wird, wenn er sich tapfer verhält und rechtschaffen, wenn er sich rechtschaffen verhält. Aber schon vor Aristoteles brachte Konfuzius das Wesen des Charakters in einem Vierzeiler auf folgenden Punkt:
Säe einen Gedanken. Ernte eine Aktion.
Säe eine Aktion. Ernte eine Gewohnheit.
Säe eine Gewohnheit. Ernte einen Charakter.
Säe einen Charakter. Ernte ein Schicksal.
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Kevin Ryan gründete das „ Center for the Advancement of Ethics and Charakter an der Boston University“, wo er als Professor em. lehrt. Er publizierte und verlegte 20 Bücher. Erst kürzlich wurde er von folgenden Programmen: CBS's "This Morning", ABC's "Good Morning America", "The O’Reilly Factor", CNN and the Public Broadcasting System zum Thema Charakterbildung interviewt.
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