Via Crucis - eine spirituelle Entdeckungsreise (3)

von Martin Eberts
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In der traditionellen Fassung ist dies die erste Station des Kreuzwegs. Der Weg zur Hinrichtungsstätte beginnt gewiss im Gerichtssaal, oder was immer an seiner Stelle stehen mag. Das ist eine grausame und leider noch immer allzu präsente Erfahrung. Willkürjustiz, Rechtsbeugung, Missbrauch staatlicher Macht - fast jede Ausgabe einer Tageszeitung bringt dafür Beispiele.

Jesus wusste, was für eine Art „Prozess“ ihn erwartete, und deshalb begann sein Leidensweg schon vor der Verhaftung im Garten Getsemani. Aber vor dem Richterstuhl des Pontius Pilatus wird es nun richtig ernst, geht es endgültig um Leben und Tod.

Fragen wir uns nicht manchmal, warum der Name eines römischen Statthalters des ersten Jahrhunderts in unserem Glaubensbekenntnis buchstäblich „verewigt“ ist? Wie viele Milliarden Mal sprechen Christen im Credo (10) diesen Namen aus? Durch alle Jahrhunderte hindurch ist er ein Zeichen dafür, dass wir es nicht mit einem Mythos zu tun haben, mit einer Legende oder einem nur symbolischen Geschehen. Diese historische Realität können wir auch mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft auffinden. Es ist eine Realität, die uns dann wirklich unheimlich nahe kommt.

Zugleich fühlen wir mit allen Opfern von Justizmord, Willkürherrschaft und Lynchjustiz. Ja, auch das ist hier zu sehen, der rohe Hass einer aufgehetzten fühllosen Masse. Wollte nicht Pontius Pilatus diesen offensichtlich Unschuldigen freilassen? Und verurteilte er ihn nicht aus Angst vor einem bedrohlichen Mob? Aus Angst vor Denunzierung bei seinem Chef? Aus Angst um seine Zukunft? Vielleicht mit schlechtem Gewissen? Plötzlich ist uns dieser römische Statthalter auch menschlich unheimlich nahe, und wir verlieren schnell das selbstsichere Gefühl, uns könnte das nicht passieren...